23.01.13

Hirnforschung

Der Mann, der seinen Arm für den seiner Mutter hielt

Die Gehirnforschung hat noch lange nicht alle Rätsel der Natur gelöst, viele Phänomene sind bislang kaum erklärbar. Der Neurologe Vilayanur Ramachandran will einige von ihnen entschlüsseln.

Foto: pa
Wir können das Gehirn nur verstehen, wenn wir uns vor Augen halten, wie es sich im Zuge der Evolution entwickelte – das sagt der Neurologe Vilayanur Ramachandran

Bekanntlich gibt es Menschen, die Farben erleben, wenn sie Töne hören. Wird ein Cis auf dem Klavier angeschlagen, nehmen sie Blau wahr. Andere sehen Geräusche, hören Formen oder schmecken Berührungen. Vilayanur Ramachandran erkundet in seinem Buch die vielfältigen Arten der Synästhesie, also der Verschmelzung von Empfindungen, Wahrnehmungen und Emotionen.

Obgleich das Phänomen seit über einem Jahrhundert bekannt ist, tun manche Ärzte es immer noch als Schwindel ab oder führen es Kindheitserinnerungen zurück. Für Ramachandran dagegen beruht Synästhesie auf neuronalen Querbindungen zwischen Hirnarealen, die jeweils auf Farben und Zahlen spezialisiert sind. Nicht nur Wahrnehmungs- und Sprachstörungen oder Phantomschmerzen, auch psychische Erkrankungen wie Autismus, Paranoia oder Schizophrenie betrachtet er als konkrete sensorische Prozesse, verursacht durch Schädigungen oder genetische Veränderungen im Gehirn.

Wer sich im falschen Körper wähnt

Diese Erkenntnis revolutioniert in seinen Augen die Geisteswissenschaften und hebt sie in den Rang exakter Wissenschaften wie der Chemie oder Physik. Glaubt man Ramachandran, so werden wir uns zur Erforschung des Unbewussten demnächst nicht mehr auf die Couch legen, sondern unsere Hirnströme messen lassen.

In seinen Aufzeichnungen liefert der indisch-amerikanische Professor für Neurowissenschaften interessante Einblicke in seine tägliche Arbeit mit hirngeschädigten Patienten. In einer lebendigen, dialogreichen Sprache berichtet er von bizarren Symptomen, von deren Existenz wir nicht einmal ahnten. Wir begegnen Menschen, die nach einem Schlaganfall ihren eigenen gelähmten Arm für den ihrer Mutter halten, sich im falschen Körper wähnen oder ihre Lähmungen hartnäckig leugnen.

Freud gegen die Neurologen

Sigmund Freud sprach bei solchen Verhaltensweisen von Abwehrmechanismen. Rationalisierung, Projektion und Verdrängung dienten dazu, das Ich vor schmerzhafter Erkenntnis zu schützen. Ramachandran dagegen führt solche in seinen Augen höchst realen Phänomene auf die Interaktion zwischen der linken und der rechten Hemisphäre zurück. Die rechte Hirnhälfte ist geschädigt und verursacht Lähmungen, die linke leugnet dies – nicht zum Schutz des Ichs, sondern um unser Verhalten zu stabilisieren, wie sie es im Jahrtausende währenden evolutionären Prozess gelernt hat.

Wir können das Gehirn nur verstehen, wenn wir uns vor Augen halten, wie es sich im Zuge der Evolution entwickelte, lautet Ramachandrans Grundüberzeugung. Eine entscheidende Rolle bei Entwicklung der menschlichen Zivilisation räumt er den Spiegelneuronen ein, die es dem Menschen ermöglichen, sich in andere einzufühlen, ihre Absichten zu interpretieren und sie nachzuahmen.

Von Affen und Menschen

Gerade in der Nachahmung, die Affen nur begrenzt beherrschen, erkennt Ramachandran den entscheidenden Schritt in der menschlichen Evolution. Wissen und komplexe Fertigkeiten – Feuermachen, Werkzeuge herstellen, Worte und Sätze verwenden – wurden über Jahrtausende durch Nachahmung weitergegeben. Erst diese Fähigkeit, voneinander zu lernen, ermöglichte die Vermittlung von Wissen und befreite den Menschen aus den Fesseln der genbasierten Darwinschen Evolution.

Seine These von der neuronengesteuerten Geburt des homo sapiens, das ist Ramachandran bewusst, erregt den Widerspruch orthodoxer Linguisten und Kognitionsforscher. Was er in seinem mit Witz und spürbarer Leidenschaft verfassten Buch präsentiert, sind indes keine hieb- und stichfesten Forschungsergebnisse, sondern kühne Entwürfe eines Menschenbildes, zu dem ihn die fantastisch anmutenden Fallgeschichten aus seiner medizinischen Praxis angeregt haben.

Die "kafkaesken Störungen" bieten dem Neurowissenschaftler Gelegenheit, die menschliche Natur wie durch ein Vergrößerungsglas zu betrachten. In Sherlock-Holmes-Manier lässt Ramachandran uns teilhaben an seiner Spurensuche nach dem menschlichen Bewusstsein, stellt Mutmaßungen über die neuronalen Grundlagen von Kunst, Kreativität und Humor an und gesteht auch offen Fehlschläge und Grenzen ein: "Ach, was wissen wir schon über das Gehirn!"

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