19.01.13

Forensik

Was Blutspuren über Verbrechen verraten

Nach einer Bluttat fehlen meist Zeugen. Kein Problem für Kriminologen: Kleinste Tropfen Blut können helfen, den Tathergang zu rekonstruieren.

Von Shari Langemak
Foto: Infografik Die Welt

Lebenswichtiger Transport

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Reine Notwehr sei es gewesen. Das beteuert die verstörte Grace, als die Polizei sie in der blutverschmutzten Küche findet. Bestätigen kann das niemand, denn die einzigen Zeugen sind tot: Ihr Mann von einem Hammer erschlagen, sein Fahrer erschossen. Erst habe der Angestellte ihren Mann getötet, dann sei er auf sie selber losgegangen. Grace habe nur eine Möglichkeit gesehen, sich selbst zu retten – sie habe den Fahrer töten müssen.

Die Geschichte klingt plausibel, aber wahr muss sie deswegen längst nicht sein. Nur wie findet man die Wahrheit, wenn die Verdächtige die alleinige Zeugin ist? Bei der Suche hilft nicht nur die Erhebung von Tatmotiven, sondern auch die sorgfältige Inspektion des Tatorts. Besonders Blutspuren verraten oft mehr, als auf den ersten Blick ersichtlich ist.

Dabei ist Detailarbeit gefordert. Jeder noch so kleine Hinweis kann vor Gericht die entscheidende Wendung herbeiführen. "Mithilfe der Blutspurenmusterverteilungsanalyse können wir den Tathergang näherungsweise rekonstruieren. Stimmt das Verteilungsmuster nicht mit den Angaben des Verdächtigen überein, könnte dieser gelogen haben oder Tatabschnitte verschweigen", sagt der Rechtsmediziner Martin Schulz. Hat Grace recht, so müssten die Blutspritzer eine ähnliche Geschichte erzählen. Es lohnt sich, genau hinzuschauen.

Größe der Blutspritzer gibt Hinweise

Es gilt zu klären, ob die beiden Männer auch durch die Waffen gestorben sind, die am Tatort gefunden wurden. Genau das wird nicht nur durch den Vergleich von möglichem Tatwerkzeug und Wunden ersichtlich, sondern eben auch durch die daraus entstandenen Blutspritzer. Je rasanter und stärker der Einschlag an einer blutenden Wunde ist, umso kleiner werden auch die Blutquanten, die von dieser Stelle abspritzen. Deswegen gibt die Größe der Blutspritzer auch Hinweise auf die jeweilige Tatwaffe.

Glaubt man Grace, dann begann das Blutbad mit den todbringenden Hammerschlägen des Fahrers. Hat dieser schwungvoll zugeschlagen, so müssten dabei Blutspuren von mittlerer Größe entstanden sein. Jeder Schlag dürfte Blutspritzer durch den Raum geschleudert haben, die ein bis vier Millimeter große und oval geformte Blutfleckchen hinterlassen haben. Sie sind typisch für stumpfe Gewalteinwirkungen wie etwa einen Schlag mit einem harten Gegenstand. Darüber hinaus könnte am Tatwerkzeug haftendes Blut bei weiteren Ausholbewegungen abgeschleudert worden sein.

Nicht schwungvoll, sondern der Schwerkraft folgend dürfte weiteres Blut aus der klaffenden Schädelwunde geflossen sein. Die daraus entstehenden Blutspuren sind meist deutlich größer als vier Millimeter, oft unregelmäßig geformt und nah beim Opfer – sofern dieses sich nicht während des Mordes bewegt hat oder nachträglich bewegt wurde. In der Küche von Grace fehlen für beides die Hinweise. Landkartenförmige, große Lachen finden sich nebst tiefroten Tropfspuren in der Nähe von Opfer und möglichem Täter.

Täter oder Helfer?

Auch ohne ausufernde Bewegungen dürfte sich am Fundort noch eine weitere Blutspurenart finden: kleinste Blutspritzer in der Nähe des Schussopfers. Sie entstehen zum Beispiel infolge von Schussverletzungen. Die hohe Einschlagkraft des Projektils zerteilt das Blut in viele kleine Tröpfchen, die dann von Einschuss- und Austrittswunde abspritzen und Blutspritzspuren von weit unter einem Millimeter Durchmesser hinterlassen. Diese Art von Blutspur heißen "Forward"- beziehungsweise "Backsplatter", also Vorwärts- und Rückwärtsspritzer.

Gefunden haben die Ermittler tatsächlich mehrere Blutspritzspurenmuster, allerdings nicht überall dort, wo sie es erwartet haben. Auf dem T-Shirt des Fahrers fehlen die ein bis vier Millimeter großen Blutflecken, die so typisch für den blutigen Hammerschlag gewesen wären. Fehlende Blutspuren sind fast so verdächtig wie solche, die an bestimmte Stellen gar nicht hingehören.

Sie können nämlich die Lüge eines Täters entlarven, wie Schulz erklärt: "Manch einer möchte die Blutflecken auf seiner Kleidung als Begleiterscheinung von Erste-Hilfe-Maßnahmen verklären. Die Form der Blutantragungen kann aber manchmal eine ganz andere Geschichte erzählen. Wir können oft nachträglich feststellen, ob die Flecken infolge der Tathandlung oder durch nachträgliche Hilfeleistungen entstanden sind", sagt Schulz.

Für einen Urteilsspruch genügt das aber meist noch lange nicht. Wie gut, dass auch das Repertoire der Analytiker längst noch nicht erschöpft ist. Denn aus den Blutspurenbildern lassen sich noch sehr viel mehr Informationen herauslesen – zum Beispiel wo die Mordopfer bei der Tat gestanden haben.

Verraten wird dies nicht durch einen einzelnen Fleck allein, sondern vielmehr durch das Muster vieler Spuren. Denn es gibt immer nur einen Punkt im Raum, aus dem das Blutspritzmuster eines Schlages hervorgegangen sein kann. Man kann sich das so vorstellen: Von einer blutenden Wunde aus – in diesem Fall dem Schädel des Mannes – wird Blut mit einer bestimmten Kraft und Richtung gegen eine Wand geschleudert. Jeder Blutstropfen trifft gemäß seiner Flugbahn auf dieser Wand auf, in einem ganz bestimmten Winkel.

Sammelsurium einzelner Flugbahnen

Und genau den kann man recht präzise aus dem dabei entstehenden Blutfleck ablesen. Da der Blutfleck immer schmaler und länger wird, je spitzer der Auftrittswinkel ist, gibt die Form jedes Spritzers recht genaue Auskunft über dessen Flugbahn. Breite und Länge eines Fleckes können in eine kurze mathematische Formel eingesetzt werden, mit der sich der Winkel dann berechnen lässt. Danach wissen die Sachverständigen schon einmal, aus welcher Richtung das Blut auf die Wand geprallt ist.

Wiederholen sie diesen Schritt dann für mehrere Flecken, haben sie erst einmal nur ein Sammelsurium einzelner Flugbahnen – die sich aber alle irgendwo treffen müssen, schließlich haben die Spritzer einen gemeinsamen Ursprungsbereich. Genau an dieser Stelle wird das Opfer zum Zeitpunkt des Mordes gestanden haben. Diese Analyse ist natürlich vor allem dann interessant, wenn sich das Mordopfer noch während der Tat bewegt hat – oder wenn es danach bewegt worden ist. Dafür gibt es in der Wohnung von Grace allerdings keine Hinweise.

Stattdessen ist etwas anderes verdächtig: die Blutflecken auf dem Küchenboden, die beim Tropfen des blutigen Hammers entstanden sind. Hätte der Fahrer die Tatwaffe entspannt in der Hand gehalten, so sollten die Blutstropfen eigentlich einen größeren Durchmesser haben – denn auch die Fallhöhe bestimmt über die Form und Breite eines Blutfleckes.

Je weiter der Tropfen nach unten gefallen ist, umso breiter ist auch der Fleck am Ende. Je kürzer diese Strecke ist, umso kleiner wird sein Durchmesser. Verglichen mit der Größe des Fahrers sind die Tropfen jedoch nicht groß genug. Selbst wenn er den Arm samt Hammer in der Hand hätte herunterhängen lassen, so blieben die blutroten Punkte immer noch zu klein. Stattdessen legt das Muster nahe, dass der Täter selbst viel kleiner war. Beispielsweise so groß wie die zierliche Grace.

Analyse allein reicht nicht

Es sieht nicht gut aus für Unschuldslamm Grace. Noch schwerer wiegt die Beweislast, als noch ein blutverschmiertes T-Shirt von ihr auftaucht. Darauf findet sich genau das, was auf dem Hemd des Fahrers fehlte: Blutspritzer, wie sie bei einem Schlag mit einem harten Gegenstand entstehen. Zudem werden Mikroblutspritzspuren festgestellt, die vom Fahrer stammen und vermutlich aus der Eintrittswunde der Schussverletzung ausgetreten sind. Nach dem Geständnis von Grace ist der Fall endgültig klar: Mord aus Hass gegenüber dem Ehemann. Der anschließend herbeigerufene Fahrer musste sterben, um die Tat zu verschleiern.

Ein Schuldspruch fällt trotzdem nicht, zumindest nicht in einem realen Gerichtssaal. Denn tatsächlich sind Grace, der verhasste Ehemann und der getäuschte Fahrer reine Fiktion. Sie sind einer der vielen US-Krimiserien, "CSI: New York", entsprungen, die zurzeit unglaublich populär sind – wenn auch nicht unter echten Kriminologen und Rechtsmedizinern. "Derartige Serien stellen unser Vorgehen oft falsch dar. Quincy und Co. gehen meist auf einen Tatort, schauen sich einmal kurz um und geben dann einen detaillierten Tatablauf an" , sagt Schulz.

In der Realität sähe das ganz anders aus. Kein rekonstruierter Geschehensablauf habe absolute Gültigkeit "Wir können bestenfalls den Tatablauf liefern, der unserer Sachverständigenmeinung nach am plausibelsten die Spuren erklärt, es bleibt aber fast immer Raum für Varianten", sagt Schulz. Das heißt, ohne das Geständnis von Grace hätte diese vor Gericht vielleicht nicht verurteilt werden können. Wohl aber hat die Analyse Widersprüche zu ihren Angaben offenbart, sodass sie ihren heimtückischen Plan letztendlich doch einräumen musste.

Rechtsmediziner und Kriminologen tun natürlich weitaus mehr, als nur ein paar Blutspritzer zu vermessen und Zeugen die Wahrheit zu entlocken. Mal eben ein paar Spuren sammeln, um ein paar Tage später den Täter damit erfolgreich zu konfrontieren, das gibt es im wahren Leben eher nicht. Stattdessen: tagelange Spurensuche, wochenlange Tat- und Täteranalyse und monatelange Zeugenbefragung. Die Analyse von Blutspurenmustern ist dabei zwar ein äußerst bedeutsamer Baustein. Aber eben auch nur einer von vielen.

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