16.01.13

Unesco-Jahr

So aufregend und spannend kann Mathematik sein

Mathematiker haben das Jahr 2013 zum Jahr der "Mathematics of planet earth" ausgerufen: Mathematische Institutionen wollen mit zahlreichen Aktionen das Image ihrer Wissenschaft verbessern.

Von Norbert Lossau
Foto: WELT ONLINE

Zehn wichtige Durchbrüche in der Mathematik: Euklid bewies, dass es beliebig viele Primzahlen gibt. Gäbe es nur 10.000 Primzahlen, so könnte man sie miteinander malnehmen und noch 1 addieren. Jeder Teiler dieser riesigen Zahl ist von den 10.000 "Eingabezahlen" verschieden, denn die können ja kein Teiler sein (es bleibt der Rest 1). Da aber jede Zahl einen Teiler hat, der Primzahl ist, heißt das: Wer eine endliche Anzahl von Primzahlen liefert, kann damit mindestens eine weitere finden. Der Primzahlvorrat ist also nicht endlich.

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Das Jahr 2013 wurde von den Mathematikern dieser Welt zum Jahr der "Mathematics of planet earth" ausgerufen. Das Projekt steht unter der Schirmherrschaft der Unesco. Mit zahlreichen Atkionen soll die Mathematik weltweit den Menschen näher gebracht werden. Für die deutschen Aktivitäten zum Jahr der "mathematics of the planet earth" ist federführend Professor Ehrhard Behrends von der Freien Universität Berlin zuständig. Auf einer Festveranstaltung im Unesco-Hauptquartier in Paris zum Start der europäischen Aktivitäten wird er einen Vortrag halten. Wir sprachen mit ihm über das Unesco-Jahr der Mathematik.

Die Welt: 2013 wurde zum Jahr der "Mathematics of planet earth" gekürt. Was verbirgt sich hinter diesem Projekt.

Ehrhard Behrends: Bei diesem weltweiten Projekt unter der Schirmherrschaft der Unesco geht es darum, den Menschen die Bedeutung der Mathematik zu verdeutlichen. Ohne Mathematik lassen sich die Probleme dieser Welt nicht bewältigen.

Die Welt: Wird denn die Bedeutung der Mathematik von vielen Menschen verkannt?

Behrends: Es gibt noch immer viele Vorurteile. Es ist wichtig, hier das Bild gerade zu rücken.

Die Welt: Was sind die größten Vorurteile?

Behrends: Dass Mathematik weltfern, langweilig und lebensfremd ist. Ein großer Irrtum ist auch, dass in der Mathematik alles schon seit langem bekannt ist und dass es keinen wissenschaftlichen Fortschritt gibt.

Die Welt: Sie haben gesagt, die Menschen sollen verstehen, dass Mathematik die Probleme der Welt lösen kann. Wäre es psychologisch nicht besser, schöne Dinge in den Vordergrund zu stellen, die durch Mathematik erst möglich werden – zum Beispiel wunderbare 3D-Filme.

Behrends: Das ist natürlich auch wichtig. Hollywood kommt genauso wenig ohne Mathematik aus, wie die Großbanken. Aber wenn ein 3D-Fabelwesen animiert wird, ist das aus Sicht eines Mathematikers auch eine Problemlösung. Es geht aber eben nicht nur um die schönen Dinge, sondern letztlich auch um die Frage, "was die Welt im Innersten zusammenhält." Um die Welt zu verstehen, braucht man Mathematik.

Die Welt: Wo kommt denn ein normaler Bürger im Alltag mit der Mathematik in Berührung?

Behrends: Zum Beispiel wenn er beim ADAC einen Pannendienstwagen anfordert. Mathematiker haben die Routenführung für die "Gelben Engel" des ADAC so optimiert, dass die Wartezeiten möglichst kurz ausfallen. Da profitieren Menschen von Mathematik.

Die Welt: Profitieren ist gut, doch man muss dazu ja nicht verstehen, wie der Algorithmus die Fahrzeuge des ADAC steuert?

Behrends: Nein, das muss man nicht verstehen, doch man sollte wissen, dass das etwas mit Mathematik zu tun hat. Dieses Bewusstsein zu schärfen, darum geht es uns.

Die Welt: Warum müssen die Menschen wissen, dass hier Mathematik im Spiel ist? Damit den Mathematikern mehr Respekt gezollt wird?

Behrends: Nein, um Respekt geht es hier nicht. Es sollte sich mehr herumsprechen, dass Mathematik nicht nur das ist, was sie in der Schule gelernt haben. Mathematik ist viel, viel mehr.

Die Welt: Wenn die Mathematik in der Schule und die Mathematik in der Praxis so wenig miteinander zu tun haben, läuft dann nicht etwas im Schulunterricht schief?

Behrends: Im Schulunterricht wäre in der Tat viel zu verbessern. Daran wird in allen Bundesländern sehr intensiv gearbeitet. Es entstehen etwa Lehrerweiterbildungszentren.

Die Welt: Und wie sollte der bessere Mathematik-Unterricht der Zukunft aussehen?

Behrends: Er sollte viel mehr auf die Anwendungen der Mathematik abheben. Ich vergleiche das gerne mit Musikunterricht. Wenn man nur Musiktheorie macht, und nie selbst ein Lied singt oder auf einem Instrument spielt, dann wird man die Schönheit der Musik nie so richtig erfahren können.

Die Welt: Geht es in diesem Jahr insbesondere auch um die Verbesserung des Mathematik-Unterrichts in der Schule?

Behrends: Nicht speziell, doch auch in diesem Jahren wird sich die Deutsche Mathematiker Vereinigung um die Schulen kümmern – zum Beispiel mit Vorträgen. Besonders intensiv werden wir da im Mai agieren, den die deutschen Mathematiker vor einigen Jahren zum "Mathe Monat Mai" erkoren haben. Dieses Programm werden wir natürlich mit dem zum Jahr der "Mathematics of planet earth" verbinden.

Die Welt: Wie ist die Idee zur "Mathematics of planet earth" entstanden?

Behrends: Die Idee wurde im Jahre 2010 auf dem Weltkongress der Mathematiker in Indien geboren. Und nun wird sie von mehr als 100 mathematischen Institutionen rund um den Globus umgesetzt.

Die Welt: Bekomme ich als Deutscher etwas von dieser globalen Dimension des Mathematik-Jahres mit, oder sehe ich nur die Aktionen der deutschen Mathematiker?

Behrends: Es wir sich sehr viel im Internet abspielen. Wenn man der englischen Sprache mächtig ist, kann man da im Web sehr viel vom Mathejahr mitbekommen.

Die Welt: Zum Beispiel?

Behrends: Zum Beispiel die "Simons-Lectures". Die Stiftung des US-Milliardärs James Harris Simons hat für das Mathematik-Jahr 2013 neun herausragende Mathematik-Vorträge finanziert, die auch live im Internet übertragen werden. Sechs dieser Vorträge werden in Nordamerika stattfinden – einer Ende Mai in Berlin. Dieser wird sich mit der Mathematik für Klimamodelle beschäftigen. Da kann jeder hingehen, Eintritt frei, anschließend Buffet.

Die Welt: Und die Lectures, die etwa in den USA gehalten werden, kann ich mir auf meinem Laptop ansehen und -hören?

Behrends: Genau. Auf der Homepage www.mpe2013.org kann man sich über alle Themen, Aktionen und Vorträge informieren.

Die Welt: Wird die Bedeutung der Mathematik von Wirtschaft und Politik unterschätzt?

Behrends: Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt leider noch immer Politiker, die mit Sätzen kokettieren wie: "In Mathe war ich immer schlecht." Doch die Zahl derjenigen wächst, die verstehen, dass Mathematik tatsächlich die Grundlage für eine gute wirtschaftliche Zukunft ist. Nennen möchte ich insbesondere den ehemaligen Außenminister Klaus Kinkel, der sich als Vorsitzender der Telekom-Stiftung gewaltig für die Förderung der Mathematik einsetzt.

Die Welt: Haben wir denn in Deutschland genügend mathematischen Nachwuchs?

Behrends: Glücklicherweise, ja. Und ein Absolvent bekommt üblicherweise auch sofort nach dem Examen eine Stelle. Es gibt so gut wie keine arbeitslosen Mathematiker.

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