16.01.13

Kaiserschnitt-Geburt

Wann Babys per OP zur Welt kommen sollten

In Deutschland wächst der Anteil der Kaiserschnitt-Geburten: Gibt es einen Trend zum Wunsch-Kaiserschnitt? Und wie riskant ist der medizinische Eingriff? Experten erklären, wann die Operation nötig ist.

Foto: pa

Den ersten klassischen Kaiserschnitt führte Ferdinand Adolf Kehrer im September 1881 durch. Die Technik war damals ein Meilenstein in der Medizin. Im Unterschied zur früheren Methoden (siehe Stahlstich von Bernard Huette aus dem Jahre 1856) wurden Bauchdecke und die Gebärmutter nicht mehr von oben nach unten, sondern quer aufgeschnitten
Den ersten klassischen Kaiserschnitt führte Ferdinand Adolf Kehrer im September 1881 durch. Die Technik war damals ein Meilenstein in der Medizin. Im Unterschied zur früheren Methoden (siehe Stahlstich von Bernard Huette aus dem Jahre 1856) wurden Bauchdecke und die Gebärmutter nicht mehr von oben nach unten, sondern quer aufgeschnitten

Der erste Schrei ihres Neugeborenen bleibt den Eltern meist ein Leben lang im Ohr. Bei ungefähr jeder dritten Geburt in Deutschland ist dieses Schreien inzwischen in einem Operationssaal zu hören, denn die Zahl der Kaiserschnitte steigt seit Jahren.

Vor 20 Jahren lag der Anteil der Kaiserschnittgeburten nur halb so hoch. Zudem gibt es regional starke Unterschiede, wie der "Faktencheck Gesundheit" der Bertelsmann-Stiftung kürzlich ergab.

"Laut Weltgesundheitsorganisation erfolgen durchschnittlich zehn Prozent der Kaiserschnitte wegen einer deutlichen Gefährdung für Mutter oder Kind", sagt die Gesundheitswissenschaftlerin Petra Kolip von der Universität Bielefeld.

Kaiserschnitte auf Wunsch sind selten

Doch warum sind die Kaiserschnitt-Raten deutlich gestiegen? "Eines ist klar: Der vielzitierte Wunschkaiserschnitt, beispielsweise von Frauen, die die Geburt mit dem Terminkalender ihres Mannes abstimmen, ist selten, der Anteil liegt bei zwei Prozent der Schwangeren", sagt Kolip, Mitautorin des Faktenchecks.

Das bestätigt auch Prof. Klaus Friese, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. "Für das besondere Datum 12.12.2012 hatten wir nur drei geplante Kaiserschnitte im Terminkalender, bei 4400 Geburten im Jahr", sagt der Leiter der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtsmedizin am Uniklinikum München.

Die Techniker Krankenkasse hatte jedoch zuletzt gemeldet, dass sie am 11.11.2011 mehr als doppelt so viele Kaiserschnitte verzeichnet hatte als an "normalen" Tagen.

So hoch sind die Risiken für Mutter und Kind

"Für die Mutter ist das Risiko bei einem Kaiserschnitt insgesamt nicht mehr so viel höher als bei einer vaginalen Geburt", sagt Friese. Kolip berichtet ebenfalls, dass der Unterschied in den Risiken durch bessere OP- und Narkosetechniken kleiner geworden sei. Das gehe aus Erhebungen des britischen National Institut for Health and Clinical Excellence (NICE) hervor, auch wenn sich für verschiedene Aspekte keine Aussage treffen lasse.

Zu den Risiken des Kaiserschnitts gehören laut Friese Infektionen und Wundheilungsstörungen oder die erhöhte Gefahr einer Thrombose. Andererseits könne auch eine natürliche Geburt mit Problemen einhergehen, einem gerissenen Damm oder Blutungen etwa. "Die Frauen müssen darauf bestehen, ausführlich aufgeklärt zu werden", rät er.

Als eindeutige Gründe für eine operative Geburt nennt Friese, wenn der Mutterkuchen direkt vor der Vagina liegt und so den Weg für das Kind bei der Geburt versperren würde.

Was einen Kaiserschnitt notwendig macht

"Diese Fehllage der Plazenta könnte zu lebensgefährlichen Blutungen führen." Auch eine Querlage des Kindes, ein drohender Riss in der Gebärmutter oder eine mangelnde Versorgung des Babys mit Sauerstoff könnten einen Kaiserschnitt notwendig machen.

In anderen Fällen gibt es laut Kolip einen Ermessensspielraum. Dazu zählen ein vorausgegangener Kaiserschnitt, die Beckenendlage, also wenn der Po des Kindes und nicht der Kopf als Erstes im Geburtskanal liegt, oder Zwillingsgeburten. "Dieser Handlungsspielraum und die Bewertung von Risiken werden in den Kliniken sehr unterschiedlich genutzt", sagt Kolip.

In Dresden kommen beispielsweise 17 Prozent der Kinder per Kaiserschnitt auf die Welt, in Landau in der Pfalz sind es 51 Prozent. Krankenhäuser mit Belegärzten – das sind niedergelassene Frauenärzte, die ihre Patientinnen auch in der Klinik betreuen – hätten zudem höhere Raten an Kaiserschnitten als "normale" Fachabteilungen.

Auch nach früherer Kaiserschnitt-Entbindung möglich

Eine natürliche Geburt sei oft auch möglich, wenn bei einer früheren Entbindung ein Kaiserschnitt nötig war, betont Kolip. "Früher galt oft: einmal Kaiserschnitt, immer Kaiserschnitt. Das ist heute nicht mehr der Fall, das wird individueller überprüft", sagt auch Friese.

Beobachtet werden müsse, ob die Narbe der ersten Operation unter der Geburt halte, teils könne es zu Verwachsungen der Plazenta kommen, auch die Gabe von wehenverstärkenden Mitteln müsse sorgfältiger überdacht werden.

Immer wieder werde nach einem Kaiserschnitt auch von einem fehlenden Geburtserlebnis berichtet, das eine seelische Belastung sein kann, und von Stillproblemen, heißt es auf der Internetseite www.faktencheck-kaiserschnitt.de.

Welche Folgen der Kaiserschnitt für das Neugeborene hat

Auch für das Neugeborene könnten sich Folgen ergeben, etwa Anpassungsstörungen in den ersten 24 Stunden. Diskutiert werde außerdem, ob das Baby bei der vaginalen Geburt durch die Bakterien der Scheidenflora bereits einen natürlichen "Impfschutz" erhalte, der beim Kaiserschnitt fehle.

Einfachere Personalplanung und damit geringere betriebswirtschaftliche Risiken für die Krankenhäuser bei geplanten Kaiserschnitten, Veränderungen im Haftungsrecht, weniger Erfahrung von jungen Medizinern mit komplizierten Geburten – diese Gründe nennen die Wissenschaftler als Ursachen für den Anstieg der Geburten per Skalpell.

Der Deutsche Hebammenverband in Karlsruhe kritisiert seit jeher die hohe Rate an Kaiserschnitten. "Die regionalen Unterschiede, die sich nicht medizinisch belegen lassen, lassen uns zusätzlich ins Grübeln kommen", sagt Sprecherin Edith Wolber.

Sie ist der Überzeugung, dass mit den Ängsten der Mütter vor der Geburt nicht angemessen umgegangen wird. "Angst und Unsicherheit gehören zu einer Geburt dazu." Es gebe unterschiedliche Herangehensweisen, damit umzugehen.

"Wir Hebammen wollen den Müttern zeigen, dass wir sie begleiten, gehen auf die Angst ein und ermutigen sie, dass sie eine natürliche Geburt schaffen können." Oft werde aber von Seiten der Ärzte zu schnell ein Kaiserschnitt als "technische Lösung" angeboten.

Quelle: dpa/oc
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