03.01.13

Psychologie

Warum Menschen Andere retten – oder auch nicht

Je mehr Menschen sich nach einem Unfall um Verletzte scharen, desto mehr gehen oder fahren weiter. Wegschauen oder Wegrennen – Psychologe Peter Walschburger erklärt die Verhaltensweise bei Gefahr.

Foto: picture-alliance/ gms

Die einen leisten am Unfallort schnell Erste Hilfe, andere haben zu viel Angst, etwas falsch zu machen – und manchem fehlt die Empathie
Die einen leisten am Unfallort schnell Erste Hilfe, andere haben zu viel Angst, etwas falsch zu machen – und manchem fehlt die Empathie

In Berlin-Britz hat ein neunjähriger Junge sich und seine kleine Schwester vor einem Feuer gerettet. Ein Mann griff kürzlich im Straßenverkehr beherzt ein, als ein Autofahrer einen Herzinfarkt erlitt. Der Psychologe und Erziehungswissenschaftler Peter Walschburger hat zu solchen Bedrohungs- und Extremsituationen geforscht. Maren Hennemuth sprach mit ihm über das Verhalten in Notsituationen.

Frage: Warum retten Menschen anderen Menschen das Leben?

Peter Walschburger: Der Mensch ist ein "Animal socíale", ein Lebewesen, das soziale Fähigkeiten besitzt wie wohl kein anderes. Das hat sich in vergleichenden Untersuchungen von Kindern, Menschenaffen und Affen bestätigt, die man in ganz früher Kindheit, etwa mit einem Jahr, in Situationen gebracht hat, in denen etwa einem relevanten Erwachsenen etwas missglückt ist. Die Kinder haben sofort versucht, dem Erwachsenen zu helfen.

Frage: Also sind solche Verhaltensweisen schon bei Kindern ausgeprägt?

Walschburger: Bereits mit vier Jahren können Kinder sich in die Denkweise und das Verhalten oder das Leid eines anderen Menschen einfühlen. Und zwar nicht nur über einfaches Mitleiden, also über eine Gefühlsansteckung, wie sie sich im gemeinsamen Weinen zeigen würde. Vielmehr weiß das Kind, der andere ist verletzt oder nicht in der Lage, sich selbst zu retten, und ich muss jetzt handeln. Das ist eine Mischung von gefühlshafter Einfühlungsfähigkeit und intellektuellem Verständnis der Situation. Dieses Verhalten ist unter vier Jahren noch nicht voll entwickelt. Da können sich Kinder noch nicht in die Perspektive eines anderen hineinversetzen.

Frage: Trotzdem gehen manche Menschen einfach vorbei, wenn ein Unfall passiert ist.

Walschburger: Ein wichtiger Punkt in Gefahrsituationen ist: Wo spielen sie sich ab und wie viele Menschen beobachten sie. Bemerkenswert ist hier der sogenannte Bystander-Effekt. Je mehr Menschen anwesend sind, desto mehr laufen vorbei, ohne zu helfen. Es ist also eine verstärkte Verantwortungsdiffusion zu beobachten, wenn mehr Menschen die Situation beobachten. Wenn man hingegen nachts allein auf der Autobahn unterwegs ist und einen Unfall beobachtet, ist man eher bereit zu helfen.

Frage: Also handeln manche Menschen auch egoistisch bei Gefahren?

Walschburger: In der Angst scharen sich Menschen wegen ihrer sozialen Natur gerne zusammen. Eine gemeinsame Gefahr, eine Notsituation kann ein Katalysator für Hilfeverhalten sein. Es gibt aber auch – je nachdem, wie stark jemand von Angst befallen wird – primitive egozentrische Reaktionen wie das Wegrennen.

Frage: Was spielt sich während einer solchen Situation im menschlichen Körper ab?

Walschburger: In Notsituationen läuft ein Anpassungssyndrom ab. In der ersten Phase ist es sehr schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Die innere Betriebsorganisation wird auf eine Notfallreaktion eingestimmt, auf Kampf, Flucht oder Leistungsbereitschaft. Der Körper gerät unter den Einfluss von Hormonen wie Adrenalin und Noradrenalin. Dann geht der Herzschlag hoch, die Verdauung wird unterbunden, die Atmung wird vertieft. Eigentlich ist die Situation nur geeignet, um einfache Handlungen auszuführen und nicht, um etwa lange darüber nachzudenken, dass man jetzt etwa einen Notruf absetzen sollte.

Frage: Und wenn die Gefahr nicht aufhört?

Walschburger: Wenn eine Belastung länger andauert – wie etwa in dem Fall des Grubenunglückes in Chile – kommen andere Hormone wie Cortisol ins Spiel. Diese stimmen den Körper so um, dass er eine erhöhte Belastung ziemlich lange aushalten kann. Falls die Belastung aber zu lange andauert, ohne bewältigt zu werden, kann es passieren, dass diese Anpassungsmechanismen umschlagen, dass man "Anpassungs"-krank wird und dass man sogar daran sterben kann. Stressforscher bezeichnen dies als Erschöpfungsstadium. Diese Reaktionskette hängt natürlich davon ab, wie gut jemand eine Alarmsituation verarbeitet – als Riesenschreck oder als emotionalen Appell zu handeln.

Quelle: dapd
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