27.12.12

Partnerschaft

Verlieben ist Kopfsache

Uni forscht an der Chemie des Verliebtseins.

Von Cornelia Werner, Angelika Hillmer und Sally Meukow
Foto: picture alliance / dpa
Geständnis  Liebesbeteuerungen gibt es nicht nur schriftlich und mündlich – auch die Körperhaltung verrät Gefühle
Geständnis Liebesbeteuerungen gibt es nicht nur schriftlich und mündlich – auch die Körperhaltung verrät Gefühle

Das Herz klopft bis zum Hals, und die Welt ist rosarot: Verliebtsein heißt Ausnahmezustand. Nicht nur für die Seele, auch der Körper läuft auf Hochtouren. Und wenn alles gut geht, wird daraus echte Liebe. Selbst wenn dem Herzen der Sitz der Liebe zugesprochen wird: Gesteuert wird dieses Gefühl vom Gehirn. Wird in einem speziellen Computertomografen einem Probanden das Foto seines Partners gezeigt, dann leuchten vier Hirnareale auf einmal auf. "Es wird das Belohnungszentrum aktiviert", sagt Andreas Bartels vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen.

Hormone und Botenstoffe verknüpfen im Gehirn den Anblick des geliebten Menschen mit Glücksgefühlen. Der Mechanismus stärkt zugleich die Bindung zwischen den Liebenden. "Es gibt denselben Umbau im Gehirn wie bei Süchtigen", sagt der Neurowissenschaftler. Der Partner wird zum Suchtobjekt, nur dass dies nicht krankhaft ist, sondern das Überleben der Menschheit sichert. Während die Liebe die Belohnungszentren beflügelt, hemmt sie Areale, die mit Angst und Flucht zusammenhängen. Das Gegenüber wird wohlwollend betrachtet. Bartels sagt: "Negative Seiten fallen oft erst auf, wenn die Partner nicht mehr zusammen sind." In der Katerstimmung kommt dann die Frage auf: Wie konnte ich nur…?

Hormone sind der Treibstoff der Liebe. "Im menschlichen Organismus sind alle hormonellen Regelkreise miteinander verschaltet, sodass sich Veränderungen auf das gesamte System auswirken", sagt Christoph Keck vom Endokrinologikum in Hamburg. Das gilt auch für den Zustand des Verliebtseins, den Keck als positive Stressreaktion bezeichnet. Daran sind unter anderem Hormone der Schilddrüse, Stress- und Geschlechtshormone beteiligt. In erotischen Momenten wird neben anderen Hormonen der Hirnanhangsdrüse das "Kuschelhormon" Oxytocin ausgeschüttet. Auch Adrenalin ist im Spiel, wie bei jeder Form von Stress. Eine wichtige Rolle spielt das Testosteron. Keck: "Auch Frauen brauchen dieses männliche Geschlechtshormon. Bei beiden Geschlechtern führt Testosteronmangel zum Nachlassen des sexuellen Antriebs."

Zwanghafte Fantasien

Neben den Hormonen treten Nervenbotenstoffe in Aktion. Dopamin aktiviert wie bei Suchtkranken die Liebeszentren im Gehirn. Dagegen sinkt Serotonin auf ähnliche Werte wie bei Zwangskranken, die immer wieder die gleichen Handlungen wiederholen müssen, hat die Psychiaterin Donatella Marazitti von der Universität Pisa herausgefunden. Ihre Erklärung: Die Gedanken von Zwangskranken sind ebenso auf bestimmte Handlungen fixiert, wie die Fantasien von Verliebten auf das Objekt ihrer Begierde.

Liebe berührt auch den Bauch. Er reagiert stark auf Empfindungen. Ein positives Gefühl kann sich als Kribbeln oder Aufruhr im Magen-Darm-Trakt bemerkbar machen. Ähnlich empfindlich reagiert die Haut. "Wenn man etwas Aufregendes sieht, wird dieses Bild an das Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet. Dann schickt das Gehirn Signale an die Blutgefäße im Gesicht. Sie werden erweitert, es fließt mehr Blut hindurch, und das Gesicht wird rot", erklärt Christian Sander, Dermatologe an der Hamburger Klinik St. Georg.

Wenn sie ihren Hals, die Handflächen und die Handgelenk-Innenseiten zeigt und er seinen Brustkorb hebt und seine Stimme senkt, dann ist schnell klar: Da sitzen sich zwei Menschen gegenüber, die einander anziehen. Ein verliebtes Pärchen erkenne man zum Beispiel daran, dass die Augen des Einen ganz auf den Anderen gerichtet seien. Die Pupillen würden deutlich größer, sagt Stefan Verra, Experte für Körpersprache. "Das Hirn sagt: Ich bemühe mich, mehr Daten rein zu lassen." Die Ohren seien ganz auf die Signale des Anderen gerichtet, öfter werde dabei ein Ohr dem Anderen zugewendet. Bemerkenswert sei der Geruchssinn, der mehr Pheromone des Gegenübers ans eigene Nervensystem weiterleiten wolle – "der Verliebte neigt den Kopf in Richtung Gegenüber, um besser dessen Gerüche aufnehmen zu können."

Beschützerreflexe bei Männern

Allgemein gilt: Die Sinnesorgane fokussieren sich auf den Partner und blenden andere Signale aus. Verliebte flüstern oft. Damit signalisieren sie: Wir gehören zusammen. Oft sei zu beobachten, dass der Mann beginne, die Frau zu umschließen, sagt Verra. So lege er oft eine Hand auf die Stuhllehne der Angebeteten. Der Mann nimmt die Frau damit für sich ein, schirmt sie von möglicher Konkurrenz ab. Frauen würden dagegen ihre Gesundheit betonen. Zusätzlich senden sie Signale aus, die den Beschützerinstinkt wecken. Die verliebte Frau zeigt besonders empfindliche Stellen ihres Körpers. Der Klassiker der weiblichen Körpersprache ist jedoch das gebärfreudige Becken. "Indem sie ein Bein ausstellt und damit das Becken beim Stehen zur Seite schiebt, betont sie es.

Was unterscheidet den Rausch der Verliebtheit von Liebe? "Verliebtheit ist damit vergleichbar, dass ich jemanden freudig begrüße und in mein Haus hineinlasse. Liebe ist, wenn ich ihm auch wirklich einen festen Platz in meinem Haus einräume und er sich dort niederlassen kann", sagt der Hamburger Paartherapeut Elmar Basse. "Das heißt aber auch, das sich Liebe eigentlich nicht aus Vernunftgründen entwickeln lässt." Liebe geht deutlich über das Verliebtsein hinaus. "Liebe ist zu einem großen Teil Bindung, dass ich das Gefühl habe, jemanden ohne Worte zu verstehen, dass ich mich in ihn einfühle, mich bei ihm geborgen fühle, mit ihm ein Herz und eine Seele bin".

Und was passiert bei Untreue? US-Forscher belegten an Wühlmäusen, dass es eine Art "Treue-Gen" gibt: Im Belohnungszentrum des Gehirns sitzen Rezeptoren für das Bindungshormon Vasopressin. Je höher deren Dichte, desto treuer verhält sich ein Partner. Beim Menschen existiert eine spezielle Variante des Rezeptor-Gens – eine Untreue-Variante. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Träger dieser Variante heiraten, ist nur halb so hoch wie üblich.

Unter dem Strich sei nur eine Minderheit der Menschen ein Leben lang an einen Partner gebunden, betont Bartels. Ein Patentrezept, das die Liebe haltbarer machen kann, hat der Neurowissenschaftler nicht. Sein Rat lautet: möglichst viel Zeit miteinander verbringen. Nicht immer festigt sich dadurch die Bindung. Kommt stattdessen oft Streit auf, dann wird zumindest klar, dass es mit dieser Liebesbeziehung wohl doch nicht soweit her ist.

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