27.12.12

Auch ohne Patentschutz

Pharmakonzernen sind Milliarden-Umsätze sicher

Konzerne weltweit verlieren derzeit den Patentschutz für gefragte Medikamente – und damit Umsätze in Milliardenhöhe. Doch eine exklusive Studie zeigt: Sie sind darauf ganz gut vorbereitet.

Foto: picture-alliance / maxppp

Pharmaforschung bei Bristol Myers Squibb. Die Konzerne wissen sich den Folgen auslaufender Patente zu erwehren
Pharmaforschung bei Bristol Myers Squibb: Die Konzerne wissen sich den Folgen auslaufender Patente zu erwehren

Der amerikanische Konzern Bristol-Myers Squibb (BMS) bekam die so genannte "Patentklippe" besonders stark zu spüren: Über Jahre hinweg hatte sich der Blutverdünner Plavix als großartiger Blockbuster erwiesen, der die Kassen klingeln ließ.

Im vergangenen Jahr aber lief der Patentschutz für eines der zwei umsatzträchtigsten Medikament weltweit aus, so dass Kassen und Ärzte seither auf günstigere Nachahmerpräparate ausweichen können. In der Bilanz von BMS hinterließ dies sichtbare spuren, allein im dritten Quartal büßte der Konzern fast ein Drittel seines Umsatzes im Pharmageschäft ein.

Wie BMS geht es derzeit vielen Pharmakonzernen: Weltweit laufen in den nächsten Monaten und Jahren gleich eine ganze Reihe Exklusivrechte umsatzträchtigster Medikamente aus - zugleich mangelt es vielerorts allerdings an Hoffnungsträgern, die die milliardenschweren Einbußen kompensieren könnten.

Schwerste Stürme überstanden

Einer Studie der Unternehmensberatung Accenture zufolge ist die Zukunft der Branche dennoch nicht so schwarz wie von Experten erwartet: Der Untersuchung zufolge erreichen die aus dem Auslaufen von Patenten resultierenden Umsatzeinbrüche de facto bereits im laufenden Jahr ihren Höhepunkt - auch dank der Einnahmen mit neuen Medikamenten soll es aber schon ab dem neuen Jahr wieder spürbar aufwärts gehen.

"Mit dem Ende des Jahres 2012 hat die Pharmaindustrie die schwersten Stürme hinter sich gelassen", sagte Michael Brückner, Leiter des Bereichs Life Science bei Accenture und mit verantwortlich für die Studie.

Die Chancen stünden gut, dass sich für das Gros der Branche in den kommenden drei Jahren die Lücke zwischen den wegbrechenden Blockbustern und den neuen Einkünften zunehmend schließen werde. Die Untersuchung liegt der Berliner Morgenpost exklusiv vor.

38 Milliarden Dollar brechen weg

Konkret rechnen die Experten für 2012 mit wegbrechenden Umsätzen von 38 Milliarden Dollar – obwohl Patente im Wert von knapp 70 Milliarden Dollar auslaufen werden. Grund dafür sei einerseits, dass es für bestimmte Medikamente schlicht keinen Ersatz gebe, der dramatisch günstiger sei, sagt Brückner und verweist etwa auf das Asthmamittel Advair von GlaxoSmithKline oder das Langzeitinsulin Lantus von Eli Lilly.

Wenngleich auf niedrigem Niveau gelänge es den Unternehmen andererseits zunehmend besser, Teile der wegbrechenden Umsätze mit neuen Produkten aus der Medikamentenpipeline aufzufangen.

Bis 2015 würden die Konzerne fast drei Viertel der 19 Milliarden Dollar kompensieren können, die ihnen im Zuge auslaufender Patente durch die Lappen gehen dürften, prognostizieren die Studienautoren.

"Ein Patentrezept für eine erfolgreiche Umschiffung der Patentklippe gibt es sicher nicht", resümiert Accenture-Berater Brückner. Doch unter anderem die Unternehmen, die bei der Forschung & Entwicklung neuer Präparate auf Kooperationen setzten, hätten sich hier sehr erfolgreich erwiesen.

Unternehmenswerte steigen kräftig

Tatsächlich haben die 16 größten Pharmaunternehmen, die Accenture mit Blick auf die Entwicklung von Profitabilität, Umsatz, Aktienrendite und zu erwartenden Cashflow durchleuchtet hat, ihre wirtschaftliche Performance selbst in Zeiten der Krise sogar verbessert - wobei die individuelle Lage der Unternehmen sehr unterschiedlich ist.

Seit 2010 seien die Erträge der Konzerne insgesamt um 17 Prozent auf 1,35 Milliarden Dollar gestiegen, so das Fazit der Studienautoren. Der kumulierte Unternehmenswert stieg sogar um 18 Prozent.

Allem voran setzen die Konzerne auf Wachstum, Diversifizierung und Zukäufe, um die eigene Innovationsfähigkeit zu stärken und die eigenen Pipelines wieder anzufüllen.

Nicht umsonst verkaufte etwa der US-Konzern Pfizer etwa seine Babynahrungssparte erst im Frühjahr 2012 für fast zwölf Milliarden Dollar an den Nahrungsmittelriesen Nestlé, dabei ging es wohl auch darum, die Kriegskasse für Übernahmen zu füllen.

Patente gelten selten für mehr als zwölf Jahre

Das britisch-schwedische Unternehmen Astra Zeneca setzt auf Biotechnologie, um die Bilanz zu stärken - und übernahm 2012 das US-Unternehmen Biosciences. Damit erhält Astra Zeneca Zugriff auf das in der Entwicklung befindliche Präparat Lesinugard, das bei Gicht-Patienten den erhöhten Harnsäurespiegel regulieren soll.

Patentabläufe sind für Pharmakonzerne seit jeher eine Alltagserscheinung - und entsprechend in die Strategien eingepreist.

Nach Jahre langer Forschung und im Falle einer erfolgreichen Erprobung in klinischen Studien erhalten die Arzneimittelhersteller von den Behörden die Zulassung und bekommen in der Regel für einen Zeitraum von acht bis zwölf Jahren die Exklusivrechte garantiert - als Kompensation auch für die hohen Anschubinvestitionen, die sich in vielen Fällen nicht einmal rechnen, weil Hoffnungsträger auch nach Jahren noch in den entscheidenden Tests durchfallen.

Markt für einfache Krankheiten gesättigt

Für die Pharmabranche kommt derzeit erschwerend hinzu, dass die Kassenlage der Staaten nicht zuletzt angesichts der explodierenden Kosten im Gesundheitssystem angespannt ist und auch deshalb genauer als früher überprüft wird, inwieweit neue Medikamente wirklich einen Mehrwert bieten.

Zudem gilt der Markt für leicht zu therapierende Krankheiten als weitgehend gesättigt; angesichts komplexer Krankheiten wie Krebs oder seltener Erkrankungen, auf die die Konzerne nunmehr bei ihren Neuentwicklungen abzielen, ist die Hoffnung auf umsatzstarke Blockbuster entsprechend geringer.

In der Schweiz wird Novartis bis 2013 den Patentschutz für das Bluthochdruckmittel Diovan in Europa, USA und Japan verlieren, das 2010 noch sechs Milliarden Dollar in die Kassen spülte. Der Konkurrent Roche wird zwischen 2014 und 2019 die Patente auf drei wichtige Medikamente in USA und Europa verlieren.

Das Schweizer Unternehmen profitiert in dieser Situation jedoch nicht zuletzt von seiner eigenen Generikafirma, noch dazu befinden sich zahlreiche Präparate in der Pipeline, die Analysten zufolge erkleckliches Umsatzpotenzial haben - und so ein Gutteil der zu erwartenden Verluste werden auffangen können.

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