27.12.12

Psychologie

Überlebenstipps für den täglichen Büro-Irrsinn

Sind deutsche Unternehmen zu Irrenhäusern geworden? Leiden auch Firmen unter ADHS? Das legen aktuelle Job-Ratgeber-Bücher nahe. Doch wie überlebt man den täglichen Büro-Wahnsinn?

Foto: dpa-tmn/DPA

Gegen „irre“ Kollegen hilft nur eins: Im eigenen Arbeitsbereich eigene Regeln schaffen – und Bündnisse mit anderen schließen
Gegen "irre" Kollegen hilft nur eins: Im eigenen Arbeitsbereich eigene Regeln schaffen – und Bündnisse mit anderen schließen

Beim Blick in die Regale der Buchläden könnte man meinen, die meisten Chefs und Kollegen gehörten in Zwangsjacken gesteckt. "Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus" heißt ein aktueller Besteller unter den Job-Ratgebern. Daneben steht: "Am liebsten hasse ich Kollegen", "Raus aus dem Irrenhaus!", "101 Tipps, wie Sie den täglichen Bürowahnsinn überleben", "Wer Kollegen hat, braucht keine Feinde mehr" und viele mehr.

Die Büros scheinen zum Irrenhaus der Nation geworden zu sein. "Es gibt kaum eine Verrücktheit, die man nicht in zig Unternehmen genau so findet", sagt Martin Wehrle, Karrierecoach aus Appel bei Hamburg. Doch mit der richtigen Therapie kann man dem Büro-Irrsinn entkommen.

Als Wehrle vor eineinhalb Jahren sein Buch "Ich arbeite in einem Irrenhaus" mit kleinen Episoden aus dem Arbeitsleben veröffentlichte, war ihm nicht klar, was er damit lostreten würde. Rund 2000 Zuschriften von Lesern bekam er, die aus ihrem alltäglichen Büro-Irrsinn erzählten – und ihm so gleich den Stoff für den zweiten Band lieferten, der seit ein paar Wochen verkauft wird.

Vertriebs-Mannschaft muss Putzen

Da geht es um den Chef, der seine Mitarbeiter einfach nicht über einen Bombenalarm informiert, weil er den Arbeitsausfall nicht in der Bilanz verbuchen wollte. Oder um den Manager, der erst die Putzfrau einspart und dann die teure Vertriebs-Mannschaft zum Putzen verdonnert.

Oder um die Firma, die aus Kostengründen weniger Arbeitsplätze als Mitarbeiter hat – und deshalb in Kauf nimmt, dass einige immer unbeschäftigt in der Ecke stehen. Vor allem aber geht es um den Zickzackkurs und die Kurzsichtigkeit vieler Entscheidungen, die die Mitarbeiter auf die Palme bringt.

"Wo früher überlegt gehandelt wurde, tobt heute ungezügelter Aktionismus", sagt Wehrle. "Viele Manager fühlen sich durch die Börsengläubigkeit und aus Sorge vor den nächsten Quartalszahlen genötigt, ständig etwas Neues zu präsentieren.

Viele Firmen leiden unter ADHS

Zur Not wird eben restrukturiert, obwohl bislang alles super lief." Seine Diagnose: Viele Firmen leiden unter ADHS – dem sogenannten Zappelphilippsyndrom. "Und das geht vielen Mitarbeitern ganz schön auf den Keks."

Doch auch wenn die Mitarbeiter noch so sehr über ihre wankelmütigen Chefs schimpfen – denen gehe es häufig nicht besser, weiß Michael Paul, Unternehmensberater in Wien und Berlin und Autor des Buchs "Raus aus dem Irrenhaus!".

"Die Spielregeln der Märkte ändern sich rasend schnell, Technologiezeiten werden kürzer, die Erwartungen der Eigentümer an das Top-Management sind extrem hoch – und wer die nicht erfüllt, fliegt raus." Das prägt den Führungsstil. "Die Top-Manager sind oft total verunsichert, geben diesen Druck nach unten weiter, jede Führungsebene verstärkt ihn nochmal – und bei den Mitarbeitern unten kommt das reinste Chaos an."

Kleine Schirme der Vernunft

Doch was hilft gegen so viele scheinbar Irre um einen herum? "Erstmal muss man sich klar machen: Ich bin ja nicht nur in diesem Irrenhaus drin, ich arbeite ja auch selbst daran mit", sagt Wehrle. "Ich kann zwar die Großwetterlage nicht ändern, denn die wird vom Management gemacht. Aber ich kann in meinem Arbeitsbereich kleine Schirme der Vernunft aufspannen."

Wer Bündnisse mit den Kollegen und dem direkten Vorgesetzten schmiede, habe gute Chancen, in seinem Zuständigkeitsbereich zumindest einigermaßen unbehelligt vom Irrsinn der Chefetagen zu arbeiten.

Letztlich gebe es zwei verschiedene Arten, mit denen die Menschen auf den alltäglichen Büro-Wahnsinn reagierten, sagt die Augsburger Management-Beraterin Theresia Volk – und beide machten das Problem nur noch schlimmer.

Der Größenwahnsinnige und der Ohnmächtige

"Der Größenwahnsinnige sagt, mit dem richtigen Zeitmanagement, dem richtigen Coaching und dem richtigen Einsatz ist das alles schaffbar. Der Ohnmächtige wundert sich schon gar nicht mehr darüber, dass jeden Tag eine andere Sau durchs Dorf getrieben wird. Der duckt sich nur weg, lästert vielleicht und wartet, dass die Katastrophen möglichst an ihm vorbeigehen."

Doch wer wirklich etwas dafür tun wolle, den Wahnsinn an seinem Arbeitsplatz zu bekämpfen, sollte sich offen mit der Unternehmenskultur beschäftigen und Führungskräfte auf Probleme ansprechen.

"Gerade wenn das Unternehmen zu einem Irrenhaus geworden ist, brauchen alle Mitarbeiter mehr Mut, damit sich daran etwas ändern kann", sagt Paul. Zum Beispiel könne ein Vertriebs-Mitarbeiter seinen Chef darauf hinweisen, dass ein wichtiger Kunde zunehmend genervt auf den Zickzack-Kurs im Unternehmen reagiere.

Arbeit ist wahnsinnig wichtig geworden

Doch Chefs, die wirre Entscheidungen treffen, habe es immer schon gegeben, findet Volk. "Aber es ist ja wahnsinnig, wie wichtig Arbeit für unser ganzes Leben heute geworden ist." Früher seien die Menschen morgens zur Arbeit gegangen und hätten halt die Aufgaben erledigt, für die sie bezahlt wurden.

"Aber wenn die Arbeit der alles dominierende Faktor im Leben wird, dann regt man sich auch viel stärker über jedes Detail auf, das nicht perfekt läuft – weil man sich darüber definiert." Die Therapie: Es hilft, die Arbeit weniger ernst zu nehmen und den Selbstoptimierungswahn zu zügeln – und schon kämen einem auch die Chefs und Kollegen nicht mehr so irre vor.

Quelle: dpa/oc
Quelle: dapd
06.06.12 1:41 min.
Symptome wie Antriebsschwäche, gedrückte Stimmung, Reizbarkeit, Erschöpfung seien durchaus ernst zu nehmen, erklärte der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, Rainer Richter.
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