26.12.12

Forschung

Warum Affen sozial sind

Eine Studie zeigt, dass Altruismus im Gehirn verankert ist

Foto: dapd

Kuschelnde Blutbrustpaviane: Forscher konnten jetzt ermitteln, welche Hirnregionen für soziales Verhalten wichtig sind
Kuschelnde Blutbrustpaviane: Forscher konnten jetzt ermitteln, welche Hirnregionen für soziales Verhalten wichtig sind

Im Gehirn von Affen gibt es Nervenzellen, die auf Uneigennützigkeit spezialisiert sind: Sie sitzen in einem kleinen, gefurchten Bereich hinter den Augen und werden vor allem dann aktiv, wenn ein Tier einem anderen bewusst eine Belohnung zukommen lässt. Allerdings entscheiden sie nicht allein darüber, wie uneigennützig ein Affe handelt: Zwei weitere Gruppen von Nervenzellen in der direkten Nachbarschaft bewerten zusätzlich, wie wichtig diese Belohnung für die Gemeinschaft ist – und wie hoch ihr Wert für das persönliche Wohlergehen einzuschätzen wäre.

Ob der Affe besagte Belohnung für sich behält, sie mit einem anderen teilt oder sogar vollständig überlässt, hängt davon ab, welche dieser drei Nervenzellen-Gruppen die Oberhand behält. Die Ergebnisse könnten helfen, den Antrieb sehr sozialer oder auch sehr unsozialer Menschen besser zu verstehen, berichten Steve Chang von der Duke University in Durham und seine Kollegen im Fachmagazin "Nature Neuroscience".

Wer mit anderen umgehen will, hat grundlegend drei Möglichkeiten: Er kann mit ihnen kooperieren, er kann sich ihnen unterordnen, also sich uneigennützig verhalten, oder er kann auf seinem Recht bestehen und sich rücksichtslos nehmen, was er möchte. Welche Strategie er wählt, ist individuell sehr verschieden und hängt auch stark von der aktuellen Situation ab. Wie diese Entscheidung im Gehirn zustande kommt, interessiert Hirnforscher schon seit Langem. Beim Menschen ist die Untersuchung derartig komplexer Verhaltensprozesse allerdings sehr schwierig, weil es extrem viele, nur schwer kontrollierbare Einflussfaktoren gibt.

Test mit Orangensaft

Chang und seine Kollegen entschieden sich daher dafür, mit Rhesusaffen zu arbeiten. Sie wollten beobachten, wo im Gehirn welche Nervenzellen für die Entscheidung für oder gegen ein uneigennütziges Verhalten zuständig sind. Erste Studien hatten gezeigt, dass solche Prozesse wohl im vorderen Teil des Gehirns stattfinden, vor allem im orbitofrontalen Cortex, der direkt über den Augenhöhlen liegt, sowie im tiefer liegenden Gyrus cinguli und dem direkt darüber positionierten Sulcus cinguli.

Die Forscher überwachten daher mithilfe implantierter Elektroden die Nervenaktivität in diesen Hirnteilen, während die Affen eine Testaufgabe erledigten. Sie hatten die Wahl zwischen drei Möglichkeiten: Sie konnten entweder eine Portion Orangen- oder Kirschsaft ausschließlich sich selbst gönnen oder den Saft mit dem anderen Affen teilen oder aber nur das Gegenüber beglücken.

Vor allem dann, wenn die Tiere selbst entscheiden durften, beobachtete das Team deutliche Unterschiede der Hirnaktivität: Wenn sie sich selbst bedienten, ohne auch ihren Partner zu versorgen, war es vor allem der orbitofrontale Cortex, der in Aktion trat. Schenkten sie den Saft dagegen vollständig ihrem Artgenossen, übernahmen Nervenzellen im Sulcus cinguli. Der vordere Teil des Gyrus cinguli hingegen wurde in allen Fällen aktiv.

Drei Hirnregionen entscheiden mit

Offenbar sind demnach alle drei Hirnregionen an der Entscheidung für oder gegen altruistisches Verhalten beteiligt, haben aber unterschiedliche Aufgaben, schlussfolgern die Forscher. Der orbitofrontale Cortex sei demnach dafür zuständig, den subjektiven Wert der Belohnung zu beurteilen, also festzustellen, wie sehr man selbst etwas haben möchte. Der Sulcus cinguli sei dagegen auf weggegebene oder auch entgangene Belohnungen spezialisiert und bewerte, was diese bei anderen auslösen. Der Gyrus cinguli stehe schließlich wie ein Wächter im Hintergrund und behalte den Überblick über die Gesamtsituation: Er berücksichtige sowohl den subjektiven Wert der Belohnung als auch deren Nutzen für die anderen sowie den sozialen Kontext. Dazu passe, dass diese Hirnregion bereits früher mit gemeinsamen Erfahrungen und Empathie in Verbindung gebracht wurde, ergänzen die Forscher.

Sie vermuten, dass auch beim Menschen ein ähnliches Zusammenspiel über den Grad an sozialem – oder auch antisozialem – Verhalten entscheidet. Die Ergebnisse sollen daher helfen, vor allem den Antrieb von Menschen besser zu verstehen, deren Sozialverhalten außerhalb der Norm liegt, wie es etwa bei Soziopathen der Fall ist.

Auch in anderer Beziehung sind sich Menschen und Affen ähnlich: Die Midlife-Crisis trifft beide, wie britische Forscher von den Universitäten Warwick und Edinburgh vermuten. Sie haben das Muster des "Wohlbefindens", das man bei Menschen erkannt hat, auch bei Menschenaffen gefunden. 508 Affen, die in Zoos und Gehegen in Japan, Kanada, Australien, den USA und Singapur leben, wurden für die Studie beobachtet. Tierpfleger und Forscher, welche die einzelnen Tiere sehr gut kannten, beschrieben die Stimmung der Affen. Und tatsächlich, auch die Affen machen in ihrer Lebensmitte eine Phase der emotionalen Gedrücktheit durch. Die Wissenschaftler freuen sich. Die Affenstudie zeige, dass das Stimmungstief in der Lebensmitte nicht an Schulden, Scheidungen, Mobiltelefonen oder anderen Dingen des modernen Lebens liege. Schließlich sind Affen diesen Aspekten des modernen Lebens nicht ausgesetzt.

Quelle: dapd
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