23.12.12

Gefährlicher Trend

Mit gefälschter Billigbremse steigt das Unfallrisiko

Die Schäden durch nachgemachte Bremsen, Ölfilter oder Felgen gehen in die Milliarden. Branchenkenner sprechen von organisierter Kriminalität. Selbst Fachleute erkennen manche Fälschungen nicht.

Foto: picture-alliance / Bernd Weisbrod
Echte Sterne? Produktpiraten schrecken nicht davor zurück, Markenlogos zu kopieren
Echte Sterne? Produktpiraten schrecken nicht davor zurück, Markenlogos zu kopieren

Tatort Automechanika. In den Frankfurter Messehallen drängeln sich Tausende Besucher und bewundern die neuesten Produkte aus den Bereichen Technik, Zubehör und Tuning. Auch rund zwei Dutzend Zollfahnder haben sich unter das Fachpublikum gemischt. Die Beamten sind dienstlich im Einsatz und nehmen vor allem Firmen aus China, Taiwan und der Türkei unter die Lupe. Der Grund: Verdacht auf Produktpiraterie.

Denn ebenso wie bei Luxusprodukten wie Rolex blüht auch in der Kfz-Branche das Geschäft mit gefälschter Ware. Bremsbeläge, Radkappen, Ölfilter, Zündkerzen, Scheinwerfer, Felgen – nahezu alles, was Autofahrer benötigen, wird illegal kopiert und zu Billigpreisen angeboten. Meistens laufen solche Geschäfte über das Internet ab, doch inzwischen sind manche Produktfälscher sogar so dreist und stellen ihre Plagiate auf Messen aus.

Bei der diesjährigen Ausstellung entdeckten die Zollfahnder 490 mutmaßlich gefälschte Produkte, für die ein Patent- oder Musterschutz europäischer Firmen besteht. 83 Ermittlungsverfahren wurden eingeleitet – 50 Prozent mehr als im vergangenen Jahr.

Gefälschte Ware im Wert von 83 Millionen Euro

Dabei decken solche Razzien nur einen Bruchteil des illegalen Treibens auf. Insgesamt spürte der deutsche Zoll 2011 gefälschte Produkte im Gesamtwert von rund 83 Millionen Euro auf. Nach Uhren und Taschen stehen Fahrzeuge einschließlich Zubehör und Bauteilen bereits an dritter Stelle der amtlichen Statistik über Produktpiraterie. Doch die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches größer.

Inzwischen sei bereits jedes zehnte in Europa verkaufte Autoteil eine Fälschung, schätzt man beim Bremsenhersteller ATE. Die Frankfurter Conti-Tochtergesellschaft ist besonders betroffen, denn Bremsbeläge und Bremsscheiben gehören zu den am häufigsten kopierten Ersatzteilen.

Der Gesamtschaden, der Automobilunternehmen durch Produktpiraterie entsteht, liegt nach Angaben des Dachverbands der europäischen Kfz-Zulieferindustrie bei jährlich fünf bis zehn Milliarden Euro. Kein Wunder also, dass viele Insider im Zusammenhang mit Produktpiraterie von organisierter Kriminalität sprechen.

Gewinne fließen in mafiöse Strukturen

"Viele mafiöse Strukturen haben diesen Wirtschaftszweig als weniger hart bestrafte Alternative zum Drogenhandel für sich entdeckt", heißt es in einer Dokumentation des Autoherstellers BMW, der ebenso unverblümt vor den Folgen dieser Entwicklung warnt. "Die Gewinne, die der Verkauf gefälschter Produkte erzielt, werden in den Ausbau krimineller oder auch terroristischer Organisationen investiert."

Autofahrer, die gefälschte Ersatzteile kaufen, sind aber nicht nur in einer rechtlichen Grauzone unterwegs, sie leben überdies auch sehr gefährlich. Denn die Mehrzahl der Plagiate ist von minderwertiger Qualität und erfüllt selbst die einfachsten Sicherheitsvorschriften nicht. Weitverbreitet, aber auch besonders riskant, ist nach Meinung von TÜV-Fachleuten der Einbau von Billig-Bremsbelägen, deren Material sich bei hoher Beanspruchung auflösen oder verbrennen könne.

Wer häufig im Gebirge unterwegs ist und die Bremsen seines Autos deshalb stark strapaziert, müsse deshalb mit stark verminderter Bremsleistung und großer Unfallgefahr rechnen. Ebenso folgenschwer kann aber auch der Einbau gefälschter Zubehörteile sein, die das Auto schmücken sollen. Zum Beispiel Leichtmetallfelgen: "Gefälschte Billigfelgen können reißen, meist in der Kurve. Dann ist Bremsen oder Lenken nicht mehr möglich", warnt Hans-Ulrich Sander, Sachverständiger beim TÜV-Rheinland.

Plagiat-Felge mit Rissen

So muss eine Leichtmetallfelge beispielsweise 200.000 Lastwechsel durch Gasgeben und Gaswegnehmen problemlos überstehen, um den TÜV-Test für die Allgemeine Betriebserlaubnis zu bestehen. Bei der Kontrolle einer Plagiat-Felge durch den TÜV Nord bildeten sich aber schon nach 182.500 Lastwechselreaktionen Risse im Material.

Anders als die meisten Fälschungen stammte die vom TÜV geprüfte Alufelge nicht aus Fernost, sondern aus dem Angebot einer Firma im Ruhrgebiet. Sie hatte das Produkt des renommierten BMW-Tuners AC Schnitzer kopiert und auf der Essener Motor Show zum Billigpreis angeboten. Das brachte den Fälschern nicht nur Ärger mit Zoll und Justiz, sondern auch den diesjährigen Negativpreis des Vereins Plagiarius ein, der damit schon seit Jahren die in allen Branchen weit-verbreitete Produktpiraterie anprangert.

Allerdings ist der Felgen-Fall eher eine Ausnahme: Über die Hälfte der Plagiarus-Preisträger kommen auch in diesem Jahr wieder aus China. Das bestätigt auch die Zollstatistik: Rund 82 Prozent der 2011 beschlagnahmten Produktfälschungen im Fahrzeugbereich wurden in der Volksrepublik hergestellt. Doch viele Fälscherbetriebe arbeiten auch nahe der EU-Grenzen: Mit 12,8 Prozent liegt die Türkei auf Platz 2 der Herkunftsländer gefälschter Automobilteile.

Billig-Filter können zu Motorschäden führen

Dass Autofahrer, die durch den Kauf solcher Plagiate Geld eigentlich sparen wollen, häufig kräftig draufzahlen müssen, zeigt die BMW-Dokumentation "Profit für wenige – Schaden für viele." Darin erklärt der Autohersteller, dass schon der Einbau gefälschter Zündkerzen große Folgen haben kann. Das minderwertige Produkt könne durch geringeren Hitzewiderstand und schlechtere Entflammbarkeit schwerwiegende Motorschäden verursachen, deren Reparatur sehr teuer ist.

Auch gefälschte Luft- oder Ölfilter, die man für ein paar Euro im Internet bestellen kann, sind laut Erfahrung der Münchner Experten häufig die Ursachen kostspieliger Motorreparaturen. Und Rechtsanwälte warnen: Wer wissentlich gefälschte Ersatz- oder Zubehörteile in sein Auto einbaut, verliert nicht nur die Garantieansprüche gegen den Pkw-Hersteller, er muss auch bei einem Unfall alle Schäden aus eigener Tasche bezahlen.

Auch Prüfzeichen werden gefälscht

Doch es wird immer schwieriger, gefälschte Kfz-Teile zu erkennen. Die Hersteller solcher Produkte sind mittlerweile so dreist und kopieren nicht nur die Verpackungen der Originalteile, sondern fälschen auch die Markenzeichen renommierter Hersteller und die amtlichen Prüfzeichen. Mit anderen Worten: Wo Bosch, BMW, Mercedes oder ATE draufsteht, muss nicht unbedingt auch ein Produkt dieser Markenfirmen drinstecken.

Deshalb haben verschiedene Firmen den sogenannten MAPP-Code ins Leben gerufen. Das Kürzel steht für "Manufacturers against Product Piracy": Ein spezieller Aufkleber auf der Verpackung soll Originalprodukte kennzeichnen und mithilfe eines digitalen Verfahrens (Data-Matrix-Barcode) überprüfbar machen. Wer den Code mit der Kamera eines Smartphones aufnimmt, wird automatisch via Internet mit einer Datenbank verbunden, in der die Identifikationsnummern der Originalteile gespeichert sind.

War die Überprüfung erfolgreich, erscheint auf dem Handydisplay ein grüner Punkt und man kann sicher sein, ein einwandfreies Produkt in der Hand zu halten. In Zweifelsfällen antwortet die Datenbank mit einem orangefarbenen oder roten Signal, das vor dem Kauf warnt.

Gelb-Weiß statt Weiß-Blau

Manche Firmen statten ihre Verpackungen zusätzlich mit Hologrammen, Siegeln oder speziellen Farbcodes aus, die über die Echtheit des Produkt informieren sollen. Doch die Praxis zeigt, dass auch solche Verfahren nicht fälschungssicher sind und dass Laien die Merkmale häufig nicht kennen, um echte von gefälschten Hologrammen unterscheiden zu können.

Denn nicht immer outen sich Produktpiraten so schnell wie ein asiatischer Fälscherbetrieb, der schon bei der Kopie des BMW-Markenzeichens versagte: Statt der Farben Weiß und Blau, druckte er das Logo in den Farben Gelb und Weiß auf die Verpackung.

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