15.12.12

Autismus

US-Psychiater definieren Asperger-Syndrom neu

Die US-amerikanische Gesellschaft für Psychiatrie will den Begriff Asperger in der Diagnostik abschaffen. Sie formuliert ihre Leitlinien für die Diagnose und Therapie psychischer Störungen neu.

Foto: picture alliance / empics

Die Diagnostik eines Asperger-Syndroms soll künftig feingliedriger erfolgen. US-Psychiater wollen dafür ihre Regeln ändern
Die Diagnostik eines Asperger-Syndroms soll künftig feingliedriger erfolgen. US-Psychiater wollen dafür ihre Regeln ändern

Der Ausdruck Asperger-Syndrom ist mittlerweile geläufig – es handelt sich um eine bestimmte Form von Autismus. Aber die Abgrenzung ist oft schwierig. Die Amerikanische Gesellschaft für Psychiatrie (APA) will deshalb Konsequenzen ziehen und in der Diagnostik den Begriff Asperger abschaffen.

Eine entsprechende Neufassung der Leitlinien beschloss kürzlich das Kuratorium der APA, im Mai sollen die neuen Leitlinien – die auch in anderen Bereichen Änderungen enthalten – veröffentlicht werden. Was nach einer Formalität klingt, kann weitreichende Folgen für die Therapie der Betroffenen haben. Denn an den Leitlinien orientieren sich auch die Krankenversicherungen bei der Erstattung von Behandlungskosten.

Die Leitlinien legten fest, welche "Konstellation von Symptomen" Ärzte bei der Diagnose psychischer Störungen zugrunde legten und welche Behandlung verordnet werde, sagt der Psychiater Mark Olfson von der Columbia Universität, der an der Neuformulierung nicht beteiligt war. Selbst kleinste Veränderungen der Kriterien könnten sich erheblich auf die Art der Versorgung auswirken.

Angst vor Stopp der Förderung

Genau das ist die Angst vieler Familien, in denen ein Angehöriger eine Asperger-Diagnose erhalten hat. Sie befürchten, dass den Betroffenen bestimmte Leistungen wie eine besondere schulische Förderung nicht mehr gewährt werden könnte.

Auch innerhalb des Kuratoriums soll die Neufassung der Autismus-Leitlinien heftig umstritten gewesen sein. Von dieser Entwicklungsstörung Betroffene ziehen sich in ihre eigene Welt zurück und kapseln sich von der Umwelt ab; es gibt allerdings sehr unterschiedliche Ausprägungen von Autismus.

Vom Asperger-Syndrom spricht man landläufig, wenn sich jemand relativ gut am "normalen" Leben beteiligen kann, aber Probleme hat, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Mangelnde Empathie, das Nichterkennen sozialer Signale sind hier die Schlagwörter. Dabei sind "Aspies" oft sehr intelligent und leistungsstark.

Exakte Diagnose gesucht

Die neuen APA-Leitlinien umfassen jetzt nur noch den Begriff Autismus-Spektrum-Störungen – wie ihn viele Fachleute auch heute schon verwenden. Weiter unterschieden wird dann nach leichteren und schwereren Ausprägungen. Das Asperger-Syndrom taucht nicht mehr auf.

Ziel der Revision sei es, dass die Diagnose bei betroffenen Kindern und Erwachsenen so exakt wie möglich ausfalle, betont David Kupfer, Psychiater an der Universität von Pittsburgh, der maßgeblich an der Neufassung der APA-Leitlinien beteiligt war. Von einem "bedeutenden Schritt nach vorne" spricht David Fassler von der Universität von Vermont, Mitglied des APA-Kuratoriums.

Einzelheiten wird man erst erfahren, wenn die Leitlinien im kommenden Frühjahr veröffentlicht werden. Die Revision gilt als umfangreichste seit 1994, zuletzt waren die Leitlinien 2000 überarbeitet worden. "Seitdem hat es bedeutende Fortschritte in unserm Verständnis von psychischen Erkrankungen gegeben", sagt Olfson.

Asperger-Diagnose auch künftig

Die Autismus-Expertin Catherine Lord vom New Yorker Weill Cornell Medical College, die an der Neufassung der Autismus-Leitlinien mitgearbeitet hat, versichert, dass diejenigen, bei denen Asperger diagnostiziert worden sei, auch von den neuen Kriterien erfasst würden.

Vorsichtig optimistisch zeigt sich auch Geraldine Dawson von einer Autismus-Interessengruppe. Allerdings, so schränkt sie ein, müsse genau beobachtet werden, ob betroffene Kinder tatsächlich weiterhin in den Genuss aller Leistungen kämen.

Quelle: dapd
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Fakten über Autismus
  • Zahlen

    Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, bei der sich die Betroffenen stark in ihre eigene Welt zurückziehen. Männer sind schätzungsweise viermal so häufig betroffen wie Frauen. Genaue Zahlen gibt es für Deutschland allerdings nicht, Schätzungen gehen von einigen hunderttausend Betroffenen aus.

  • Ausprägung

    Die Störung ist nach Schweregrad und Symptomen unterschiedlich ausgeprägt. Bis zu 60 unterschiedliche Symptome können beobachtet werden. Dabei haben autistische Menschen vor allem Schwierigkeiten, mit anderen in einen engen sozialen Kontakt zu treten.

  • Bei Kindern

    Mehrere typische Auffälligkeiten treten bereits in den ersten drei Lebensjahren auf. Dazu zählt, dass autistische Kinder Blickkontakt auch mit vertrauten Personen vermeiden. Sie lächeln nicht zurück und scheinen Sprache nicht zu verstehen. Ungefähr die Hälfte aller autistischen Kinder lernt nie, sich lautsprachlich zu äußern. Auch eine Störung des Sozialverhaltens gehört zu den typischen Symptomen. Am wohlsten scheinen sich Autisten allein zu fühlen. Sich wiederholende, stereotypische Bewegungen sind ebenfalls häufig zu beobachten.

  • Asperger-Syndrom

    Als eine Störung im Autismus-Spektrum wird das Asperger-Syndrom bezeichnet. Betroffene sind unfähig, soziale Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Ihnen fehlt das natürliche Gespür für Gefühle, Wünsche und Gedanken anderer. Zugleich sind sie häufig sehr intelligent und intellektuell leistungsstark.

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