05.12.12

Türkei

Mit Parfüm gegen den Gestank des Dorfsees

Fatih Akin dokumentiert im Film "Der Müll im Garten Eden", wie eine Deponie in der Heimat seiner Familie zur Katastrophe wird. Aber er zeigt zugleich, wie sich in der Türkei ziviler Widerstand regt.

Quelle: Pandora Filmverleih
01.12.12 1:51 min.
Als vor zehn Jahren die türkische Regierung beschließt, neben dem kleine beschaulichen Bergdorf Camburn im Nordosten des Landes eine riesige Mülldeponie zu errichten, ist die Idylle gefährdet.

Mit dem Müll ist es so eine Sache: Er soll weggeschafft werden, möglichst dorthin, wo wir nicht sind. Dummerweise sind genau dort dann aber meist andere – die dasselbe wollen, nämlich, dass der Müll wegkommt. Der Protest dagegen ist auf diese Weise dazu verdammt, immer nur lokal aufzuflammen und von weiter weg bestenfalls mit Gleichgültigkeit betrachtet zu werden.

Fatih Akins Dokumentarfilm "Der Müll im Garten Eden" bildet dieses Phänomen auf sehr gelungene Weise ab. Es geht um eine Deponie in einem idyllischen kleinen Ort namens Çamburnu an der türkischen Schwarzmeerküste.

Wie selbstverständlich bezieht der Hamburger Regisseur mit türkischen Wurzeln hier als Filmemacher die Position der protestierenden Anwohner: Akins Großvater stammt aus Çamburnu. Genauso selbstverständlich aber hält Akin sich als Person weitgehend heraus. Er erzählt eine Geschichte, die keinen persönlichen Erzähler braucht, weil sie zwar im Lokalen spielt, aber höchst universell ist.

Zum dritten Mal geht es um Akins Herkunft

Mit "Der Müll im Garten Eden" greift Fatih Akin nicht zum ersten Mal aufs Dokumentarfilmgenre zurück. Früh hat er für die Fernsehreihe "Denk ich an Deutschland" eine so humorvolle wie persönliche Dokumentation über seine Eltern gedreht: "Wir haben vergessen zurückzukehren". Die Beschäftigung mit der eigenen Herkunft und Traditionen spielt bezeichnenderweise auch in seinem preisgekrönten Musikdokumentarfilm "Crossing the Bridge: The Sound of Istanbul" eine Rolle.

Über das Thema von "Eden" stolperte Akin im wahrsten Sinne des Wortes bei den Dreharbeiten zu seinem Spielfilm "Auf der anderen Seite", als er mit seinem Vater die Gegend von Çamburnu erstmals besuchte. Er habe sich gleich in das Dorf verliebt, erzählt Akin. Dieser "verliebte" Blick findet sich wieder in den ersten Einstellungen des Dokumentarfilms, die die mit Teeplantagen überzogenen Hügel um Çamburnu als sprichwörtlichen "Garten Eden" zeigen.

In dieses Paradies zieht 2006 der Teufel ein: Eine stillgelegte Kupfermine soll zur Mülldeponie umgebaut werden. Akin begann sozusagen spontan mit der dokumentarischen Beobachtung. Auf den ersten Blick ist die Idee keineswegs unsinnig. Schließlich sind die "traditionellen" Techniken der Müllentsorgung, das Verkippen im Meer oder das Vergraben im Garten, keine zukunftsfähigen Lösungen. Doch der Teufel steckt im Detail, und das heißt hier: in der strukturellen Blindheit einer zentralen Planung, die anordnet, ohne sich zu kümmern.

Diese Planer ordnen nur an und hören nicht zu

Akin lässt die Gegenargumente vor der Kamera zu Wort kommen. Am Anfang sind das Aspekte wie die große Nähe zu den Wohnhäusern und die Gefahr einer Grundwasserverseuchung. Die Einwände werden weggewischt. Akin und seine Kamera tut nicht viel anderes als über die nächsten Jahre, von 2007-2011, zu verfolgen, wie nun sämtliche Befürchtungen der Deponie-Gegner nach und nach eintreffen und von schlimmeren Nebenwirkungen übertroffen werden.

Die Plane, mit der die Mine ausgekleidet wird, um die Grundwasserverseuchung zu verhindern, weist schon im Bau undichte Stellen auf. Als mit der Müllentsorgung begonnen wird, entfaltet sich bald ein bestialischer Gestank, der die Anwohner nur noch mit Mundschutz vors Haus gehen lässt. Als Gegenmaßnahme wird Parfüm versprüht.

Streckenweise bekommt diese Chronologie der Missgeschicke und Katastrophen fast burleske Züge – vor allem was das oft unentschlossene und fast immer unangemessene Handeln der Verantwortlichen betrifft. Als heftige Regenfälle – in dieser Gegend eher die Regel als die Ausnahme – die Deponie überlaufen lassen, wird so getan, als sei damit als letztes zu rechnen gewesen. Die "Schuld" wird schulterzuckend der Natur zugewiesen.

Akin folgt dem Widerstand über Jahre

Einige der Widerständler behält Akin über die Jahre hinweg im Auge, wie den Bürgermeister, der gegen die eigene Partei opponiert. "Garten Eden" ist so auch eine Dokumentation über den wachen Zivilgeist der türkischen Bevölkerung. Immer wieder filmt Akin (beziehungsweise der Dorffotograf, von dem die meisten Videoaufnahmen stammen) die langen Wortgefechte, die sich die Bewohner von Çamburnu mit den Verantwortlichen aus den lokalen und zentralen Regierungsstellen liefern.

Letztere reisen nur an, wenn sich mal wieder eine kleine Katastrophe ereignet hat und sich etwa gerade der Dorfbach schwarz färbt, weil verseuchtes Wasser aus der Deponie durchsickert. Die Begegnungen dokumentieren wieder und wieder Hilf- und Kopflosigkeit. Vor Ort wollen alle nur das Beste; dort, wo Entscheidungen gefällt werden, aber herrscht blinder Anordnungswahn.

Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist weder originell noch neu. Akin hält sich außerdem ganz an die konventionelle Dokumentarfilmform, die sprechende Köpfe mit Beobachtungen von Land und Leuten abwechselt. Trotzdem ist "Müll im Garten Eden" ein recht kraftvoller Film geworden, der sich nicht eitel darin sonnt, auf der richtigen Seite zu stehen, sondern leidenschaftlich Partei ergreift.

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