03.12.12

Immunsystem

Frauen sind anfälliger für Impf-Nebenwirkungen

Fieber, Muskel- und Gliederschmerzen treffen Frauen häufiger als Männer. Der Grund liegt in ihren Genen. Denn über die Umwelt können stillgelegte Regionen des Erbguts im Alter aktiviert werden.

Foto: picture alliance / dpa

Es ist nur ein kleiner Pieks - aber er kann vor allem bei Frauen zu Nebenwirkungen führen
Es ist nur ein kleiner Pieks - aber er kann vor allem bei Frauen zu Nebenwirkungen führen

Die Grippezeit naht – schon ist es kühl und feucht draußen, die öffentlichen Verkehrsmittel sind überfüllt, und die Ansteckungsgefahr mit den Influenzaviren wächst. Pro Jahr stecken sich in Deutschland zwischen zehn und 20 Prozent der Menschen mit der Virusgrippe an.

Und obwohl an den Folgen der Infektion jedes Jahr zwischen 8000 und 11.000 Menschen sterben, lässt sich nur eine Minderheit der Bevölkerung gegen den gefährlichen Erreger impfen.

Chronisch Kranke nutzen die Impfung

In der zuletzt vollständig ausgewerteten Saison 2009/2010 hat von dem kostenlosen Angebot der Krankenkassen nur gut ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung Gebrauch gemacht, teilt das Robert-Koch-Institut mit. Die eifrigste Gruppe darunter stellen die chronisch Kranken mit knapp 40 Prozent Anteil. Beim medizinischen Personal, das wegen der häufigen Patientenkontakte ebenfalls zur Risikogruppe zählt und dem die Ständige Impfkommission eine Impfung nahelegt, lag die Impfquote mit gut 27 Prozent nur knapp über dem Durchschnittswert für die Bevölkerung.

Für die vergangene Grippesaison 2011/2012 geht die vorläufige Auswertung sogar von einem Rückgang der Impfquote in der Bevölkerung aus. Und auch für dieses Jahr rechnen Ärzte und Krankenkassen nicht mit einer steigenden Nachfrage bei der Grippeimpfung.

Große Furcht vor Nebenwirkungen

Dass viele Deutsche impfmüde sind, liegt auch an der Furcht vor Nebenwirkungen, wie Befragungen zeigen. Sie können tatsächlich in manchen Fällen ähnlich heftig ausfallen wie die Grippe selbst. Die Betroffenen klagen dann über Kopfschmerzen, Müdigkeit und Abgeschlagenheit. In schweren Fällen kommen Muskel- und Gelenkschmerzen sowie Fieber hinzu.

Die Beschwerden können mehrere Tage anhalten und zwingen die Betroffenen manchmal sogar zur Bettruhe. Warum das so ist und was sich dagegen tun lässt, haben Wissenschaftler aus den USA und Australien nun untersucht.

Die Immunreaktion ist geschlechtsspezifisch

Deutlich wird, dass sich das Immunsystem von Frauen und Männern auf verschiedene Art und Weise und unterschiedlich stark mit Viren, Impfstoffen und antiviralen Medikamenten auseinandersetzt.

"Der weibliche Organismus reagiert auf eine Infektion durch das Grippevirus mit einer intensiveren Immunantwort als Männer", sagt Sabra L. Klein, Professorin für Mikrobiologie und Immunologie an der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore (USA). Der weibliche Körper kann so die Viren zwar besser bekämpfen. Auf der anderen Seite kommt es aber öfter zu Nebenwirkungen durch eine Überreaktion des Immunsystems.

Das gilt auch für Impfstoffe, die molekulare Bestandteile von Viren enthalten, um damit das Immunsystem gegen den Erreger aufzubringen. "Frauen zeigen dabei stärkere Antikörperreaktionen und haben häufiger Nebenwirkungen", stellt die Wissenschaftlerin fest.

Forderung nach geschlechtsspezifischer Medizin

Für die Fachzeitschrift "Bioessays" umriss Sabra L. Klein kürzlich den Stand der Forschung zu Ursachen und Auswirkungen solcher immunologisch bedingter Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Sie plädiert für einen differenzierten Einsatz von Arzneimitteln: "Es sollten mehr geschlechtsspezifische Variable bei der Prävention und Behandlung von Virusinfektionen berücksichtigt werden.

Das gilt insbesondere für hormonelle und genetische Unterschiede, die das Immunsystem betreffen."

Das X-Chromosom bestimmt

Tatsächlich reagiert das Immunsystem von Mann und Frau unterschiedlich auf denselben Erreger. Das hat seinen Grund in den Genen. So birgt das weibliche Geschlechtschromosom 117 verschiedene Gene, die für bekannte immunologische Proteine kodieren. Von dem X-Chromosom haben Männer nur eine Kopie von der Mutter ererbt. Bei Frauen, deren Körperzellen normalerweise ein doppeltes X-Chromosom besitzen – eines stammt von der Mutter, das andere vom Vater –, ist ein als Inaktivierung bekannter Prozess an der Steuerung immunologischer Vorgänge beteiligt.

Dabei wird schon während der Embryonalentwicklung durch Zufall eines der beiden Geschlechtschromosomen ausgewählt und praktisch stillgelegt. Diese Inaktivierung ist jedoch nicht vollständig. Auch kann sich deren Grad bei Frauen im Laufe des Lebens erheblich verändern. So findet man bei erwachsenen Frauen eine deutlich häufigere Ungleichverteilung inaktivierter Regionen auf dem X-Chromosom als bei neugeborenen Mädchen: Im Laufe des Lebens werden manche Regionen auf dem eigentlich stillgelegten X-Chromosom also wieder aktiviert.

Dieser durch Umwelteinflüsse ausgelöste sogenannte epigenetische Effekt trägt auch dazu bei, dass Frauen mit zunehmendem Alter stärkeren Veränderungen bei den Reaktionen ihres Immunsystems unterliegen als Männer.

Zellen als Vermittler der Immunantwort

"Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass durch eine Immunantwort ausgelöste Entzündungsreaktionen bei Frauen stärker ausfallen als bei Männern", sagt Klein. Das liege unter anderem daran, dass Männer im Verlauf einer Abwehrreaktion genetisch bedingt weniger entzündungsvermittelnde T-Lymphozyten ausprägen. In ihrem Blut sind dann geringere Konzentrationen sogenannter CD3plus- und CD4plus-Zellen nachweisbar.

Auch bei den Konzentrationen von Botenstoffen, die an entzündlichen oder allergischen Reaktionen beteiligt sind, darunter Cytokine, Interferone und Interleukine, gibt es große Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

"Bei Frauen kommt es als Antwort auf eine Virusimpfung zu deutlich höheren Spiegeln insbesondere bei Immunglobulinen und Antikörperkonzentrationen", stellt Klein fest. In einem 2010 erschienenen Bericht im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mahnt die Wissenschaftlerin eine umfassendere Bewertung an.

"Da das Ausmaß, in dem sich die Immunantworten zwischen Mann und Frau während einer Influenza-Infektion unterscheiden, den Schweregrad der Erkrankung beeinflusst, brauchen wir Richtlinien, die diesem Sachverhalt Rechnung tragen", fordert sie.

Man könnte Impfstoffmengen sparen

Bereits ein Jahr zuvor hatte sich Klein in einem Beitrag für die "New YorkTimes" mit dem Risiko von Nebenwirkungen durch die Impfung gegen das Schweinegrippevirus H1N1 in einer breiten Öffentlichkeit auseinandergesetzt. Darin fragt die Forscherin: "Brauchen Frauen wirklich eine so große Dosis?"

Nach Abwägung der Vor- und Nachteile regte sie an: "Wenn wir Frauen eine kleinere Dosis verabreichen könnten, bliebe mehr von dem Impfstoff für andere übrig. Wir könnten den Frauen Nebenwirkungen durch die Impfung wie Schmerzen an der Einstichstelle, Entzündungsreaktionen und Fieber ersparen. All diese Reaktionen kommen bei ihnen häufiger vor als bei Männern."

Mit dem Alter ändert sich das Immunsystem

Zu ähnlichen Befunden waren auch australische Wissenschaftler gelangt. Diese betreffen jedoch die Immunreaktionen auf Infektionen durch Rhinoviren, die gewöhnliche Erkältungserkrankungen verursachen. Das Team um John Upham von der School of Medicine der Universität von Queensland hatte im Vorjahr untersucht, welche Rolle Geschlecht und Alter bei der Infektion mit Rhinoviren spielen.

Für die Studie sammelten die Wissenschaftler Blutzellen von insgesamt 63 gesunden Testpersonen. Die Zellen wurden nach Geschlecht und Alter der Probanden sortiert und dann zusammen mit Rhinoviren im Reagenzglas weiterkultiviert. Nach 24 Stunden ermittelten die Forscher zunächst den Gehalt eines Botenstoffes, der die Aktivität des unspezifischen Immunsystems anzeigt.

Danach wurden die Werte für Immunproteine erhoben, welche Auskunft über die Aktivität der Antikörperproduktion geben, die spezifisch gegen die Krankheitserreger gerichtet sind.

Nach der Menopause lässt die Überempfindlichkeit nach

Das überraschende Ergebnis: Während es bei der unspezifischen Immunantwort kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern und in den Altersgruppen gab, zeigte sich eine signifikant höhere Konzentration der Immunmoleküle in Zellkulturen von Frauen aus der Altersgruppe jünger als 50 Jahre. Offensichtlich reagiert ihr Immunsystem deutlich heftiger gegen das Erkältungsvirus. Diese Unterschiede ließen sich nach der Menopause nicht mehr feststellen.

Daher gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die Reaktion des spezifischen Immunsystems von Sexualhormonen reguliert wird, deren Konzentration bei Frauen nach den Wechseljahren drastisch sinkt. "Wenn wir nach neuen Behandlungsmethoden zur Verhinderung dieser Infektionen suchen, müssen wir die Auswirkung von Hormonen und deren Beeinflussung des Immunsystems genauer untersuchen", sagt Upham. Das könnte die Häufigkeit von Impfnebenwirkungen verringern.

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