30.11.12

Computerzocker

Elektronische Superhirne stürzen Börsen ins Chaos

In Schweden bricht der Handel zusammen, der Goldpreis stürzt ohne Grund ab – Pannen an der Börse häufen sich. Ursache sind oft superschnelle Computer, die fast ohne Kontrolle agieren.

Foto: Infografik Die Welt

Bei diesem Absturz ist vielen Goldinvestoren der Schreck in die Glieder gefahren
Bei diesem Absturz ist vielen Goldinvestoren der Schreck in die Glieder gefahren

Börsenchaos in Schweden mit einer mehrstündigen Aussetzung des Handels, Absturz des Goldpreises innerhalb von Sekunden, ohne ersichtlichen Grund - gleich zwei Mal innerhalb von 24 Stunden haben Computer wieder für heftiges Durcheinander an den Finanzmärkten gesorgt.

Die Reihe der Pannen und Katastrophen an den Börsen allein in diesem Jahr wird damit immer länger. Schuld sind fast immer Rechner, die offenbar weitgehend ohne menschliche Kontrolle vor sich hin handeln. Experten und Investoren fordern daher, dieser Praxis endlich ein Ende zu bereiten.

In Stockholm ist man offiziell noch auf der Suche nach den Ursachen. Doch klar ist bislang, dass es am Mittwoch zu einem gigantischen Fehlauftrag beim Handel mit Index-Derivaten kam. Es soll zu einer Order im Wert von 460 Billionen schwedischen Kronen gekommen sein – das entspricht dem 131-fachen des schwedischen Bruttoinlandsprodukts.

Bei den Index-Derivaten handelt es sich zwar nur um Wetten auf Aktienkurse, also nicht um echte Investitionen in Unternehmen, dennoch ist dieser Handel inzwischen fast wichtiger für die Finanzmärkte als die normalen Börsen. Und so war es auch keine Kleinigkeit, dass der Handel mit den Derivaten für Stunden ausgesetzt werden musste. Erst am Donnerstag konnte er wieder aufgenommen werden.

Computer verkaufen, weil andere verkaufen

Ebenfalls am Mittwoch stürzte der Goldpreis urplötzlich um rund zwei Prozent ab. "Verantwortlich dafür war eine computergesteuerte Verkaufsorder, wodurch in der ersten Minute des Future-Handels an der New Yorker Börse Comex ein extrem hohes Handelsvolumen umgesetzt wurde", sagt Eugen Weinberg, Rohstoff-Experte bei der Commerzbank.

"Durch das Unterschreiten von Stop-Loss-Marken kam es darüber hinaus zu technisch bedingten Anschlussverkäufen, die den Preissturz noch verstärkten."

Computer verkauften also aus heiterem Himmel, und deshalb verkauften andere Computer ebenfalls. Über den ganzen Tag hinweg wurden dann anschließend rund 1500 Tonnen Gold gehandelt - das entspricht mehr als der Hälfte einer jährlichen Minenproduktion und ist drei Mal so viel wie im Durchschnitt der vergangenen drei Monate gehandelt wurde.

Superhirne haben die Macht übernommen

In beiden Fällen standen Computer im Zentrum des Geschehens. Das ist kein Zufall, denn die elektronischen Superhirne haben längst die Macht an den Börsen übernommen. Wenn ein Kleinanleger einige Aktien kauft, so bewegt dies schon lange keine Kurse mehr.

Aber heute sind selbst die Großanleger, die Aktien kaufen oder verkaufen, nur noch von untergeordneter Bedeutung. In den USA werden heute schon rund zwei Drittel des Handels an den Börsen von so genannten Hochfrequenzcomputern bestritten, in Deutschland soll der Anteil knapp unter 50 Prozent liegen.

Diesen Computern wurden bestimmte Algorithmen einprogrammiert, nach denen sie weitgehend ohne jegliche menschliche Kontrolle Wertpapiere kaufen oder verkaufen. Ihr Vorteil ist, dass sie dies völlig emotionslos tun und zudem schneller als es jeder Mensch könnte. So geben sie bis zu 250 Handelsaufträge pro Sekunde. Viele dieser Orders dienen jedoch wiederum nur dazu, Handel vorzutäuschen, 80 bis 90 Prozent von ihnen werden vor Ausführung wieder gestrichen.

Andere Händler mit Schnelligkeit übervorteilen

Doch die Supercomputer nutzen ihre Schnelligkeit auch dazu, andere Investoren zu übervorteilen. Denn die Rechner stehen meist in unmittelbarer Nähe zu den Börsensystemen, und aufgrund der kürzeren Leitungen können sie schneller agieren als alle anderen Marktteilnehmer, denn es geht bei dieser Art des Aktienhandels inzwischen um jene Mikrosekunden zwischen dem Absenden eines Auftrags und dessen Eintreffen im Börsencomputer. Innerhalb dieser winzigen Zeitspanne agieren viele Hochfrequenzcomputer, um Aufträge abzufischen oder ihnen zuvor zu kommen.

Es ist ein irrsinniges Geschäft, das mit einem echten Finanzmarkt längst nichts mehr zu tun hat. "Die Aktie ist für diese Handelsstrategien ein Selbstzweck", sagt Bernhard Langer, Leiter der quantitativen Anlagestrategie bei der Fondsgesellschaft Invesco. Ob eine Firma erfolgreich ist oder nicht, ihre Produkte, ihr Management, ihre Zukunftspläne - all das spielt dabei keine Rolle mehr. Es geht nur noch um die Mikrosekunden, die ein Computer dem anderen voraus ist.

Flash-Crash vernichtete Milliarden von Dollar

Und dabei geschehen immer wieder Fehler, die dann zu seltsamen Bewegungen am Markt führen, teilweise mit drastischen Folgen. Anfang Oktober war der indische Aktienmarkt nach einer Reihe fehlerhafter Aufträge vorübergehend im Chaos versunken. Im August hatte es binnen weniger Tage gleich drei große Handelsaussetzer in New York, Madrid und Tokio gegeben. Mitte September war der Ölpreis innerhalb von Sekunden um vier Dollar eingebrochen, ohne irgendeinen Anlass. Immer standen aus dem Ruder gelaufene Computerprogramme im Mittelpunkt der Ursachen.

Die bisher dramatischsten Folgen waren jedoch am 6. Mai 2010 zu verzeichnen gewesen. Damals war es an der New Yorker Börse zum so genannten Flash-Crash gekommen. Der S&P-500-Index brach innerhalb weniger Minuten um sechs Prozent ein, der Dow Jones um über neun Prozent, was fast 1000 Punkten entsprach.

Einzelne Aktien verloren innerhalb kürzester Zeit sogar bis zu 99 Prozent an Wert. Milliarden von Dollar wurden so vernichtet, zumindest kurzzeitig, denn die meisten Handelsaufträge wurden hinterher wieder rückgängig gemacht. Auch an jenem Chaos hatten die Hochfrequenzcomputer einen entscheidenden Anteil.

Mit diesem Handel lässt sich viel Geld verdienen

Die Bundesregierung hat aufgrund dieser gehäuften Vorfälle vor einigen Wochen ein Gesetz auf den Weg gebracht, das den Hochfrequenzhandel stärker regulieren soll. So müssen sich Betreiber und Nutzer der Computersysteme künftig registrieren lassen und ihre Rechenmodelle offenlegen. Die Transaktionen dieser Computer sollen zudem gekennzeichnet werden und bei übermäßig vielen Order-Stornierungen sollen die Börsen dafür künftig Gebühren erheben.

Doch all diese Maßnahmen führen nur zu mehr Bürokratie. Eindämmen werden sie den Hochfrequenzhandel sicher nicht, zumal der wichtigste Markt dafür nach wie vor in den USA ist. Und dort gibt es bislang wenig Bestrebungen ihn zu beschränken, schließlich lässt sich damit viel Geld verdienen.

Warren Buffett spricht von Massenvernichtungswaffen

Doch nicht nur die superschnellen Computer stehen in der Kritik, auch der ausufernde Derivatehandel, der im Fall Schweden im Mittelpunkt stand, gerät zunehmend ins Visier. Ursprünglicher Zweck solcher Wetten, um die es dabei geht, war die Absicherung von Geschäften.

So können beispielsweise Firmen ihre Währungsrisiken über Derivate absichern oder Rohstoffhändler können über entsprechende Kontrakte ihre Preise festlegen. Doch längst hat sich auch dieser Handel von seinem eigentlichen Zweck weit entfernt. Der gesamte Derivatemarkt ist heute etwa zehn Mal so groß wie das Bruttoinlandsprodukt der ganzen Welt.

Die Investment-Legende Warren Buffet hat diese Instrumente aufgrund ihres Wettcharakters und ihres riesigen Umfangs schon vor Jahren als Massenvernichtungswaffen bezeichnet. Doch bis heute traut sich die Politik nicht daran ihn einzuschränken. Denn bislang waren die Schäden immer noch einzufangen, so am Mittwoch in Stockholm. Doch das muss nicht immer so bleiben.

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Der Hochfrequenzhandel
  • Inhalt

    In Sekundenbruchteilen Wertpapiere kaufen und wieder verkaufen, Hunderte von Order innerhalb kürzester Zeit platzieren, rasend schnelle Reaktionen auf winzigste Kursänderungen: All dies gehört zum sogenannten Hochfrequenzhandel an der Börse. Benutzt werden dabei Computerprogramme, die auf Basis komplexer Formeln automatisch bestimmte Börsenaktionen starten. In Deutschland machen diese Operationen etwa 40 bis 50 Prozent des Börsenumsatzes aus.

  • Probleme

    Ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit rückt die Existenz der Technologie vor allem dann, wenn sie Probleme verursacht. So kam es im Frühjahr 2010 zu einem „Flash Crash“, einem blitzartigen Absturz, der US-Börsen. Einige Aktien verloren mehr als 90 Prozent ihres Wertes. Die Experten waren zunächst ratlos, was der Auslöser war. Spätere Analysen ergaben, dass die Computerprogramme für den ultraschnellen Handel den Absturz zumindest beschleunigt hatten.

  • Regulierung

    Wegen solcher Vorfälle und wegen eines generellen Unbehagens gegenüber maschinengesteuerten Entscheidungen wird immer wieder das Verbot des Hochfrequenzhandels gefordert. Andere Kritiker schlagen vor, dass Wertpapiere nach dem Kauf zumindest für einen bestimmten Zeitraum gehalten werden müssen, bis sie wieder verkauft werden. Die Bundesregierung versucht dagegen, mit neuen Kontrollauflagen für Händler und Börsen die Risiken zu verringern.

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