19.06.09

Heilpflanzen

Der Gewürznelkenkrieg am Ende der Welt

Die Gewürznelke ist zur Heilpflanze des Jahres gekürt worden – doch nicht viele wissen, dass sie in Wirklichkeit Weltgeschichte schrieb: Die Gewürznelke war es, die einst das Zeitalter der Entdeckungen einleitete. Sie versprach die höchsten Handelsgewinne – ihr Wert lag über dem von Gold.

Von Ulli Kulke
Foto: pa/wiki
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Es war der 8. November 1521, nachmittags, als von zwei spanischen Galeonen etwa 200 Meter vor einer winzigen Vulkaninsel die Anker fielen. Am Äquator, am anderen Ende der Welt, im Archipel der Molukken. Ein Hauch von Nelken, so meinten Manche, kam herübergeweht vom kleinen Flecken Land. Eigentlich war es schon der 9. November. Aber das konnten die Seeleute nicht wissen, obwohl das Logbuch korrekt geführt war. Auch nicht die Menschen auf der Insel, sie lebten in ihrer eigenen Zeit. Die bewaldeten Bergwände, über denen heiße Luft flirrte, schickten den Knall des Saluts zurück.


Da löste sich ein Punkt an der Küste, ein langes Drachenboot, mit etwa 50 Mann an Bord näherte sich. Der Sultan von Tidore, so hieß der kleine Berg im Meer, ließ sich unterm Baldachin herbeipaddeln, und stieg über seinen Dolmetscher umgehend in Verhandlungen ein mit dem Kommandanten der Spanier, Juan Sebastian del Cano: Er begrüße die überraschende Ankunft der Europäer. Er wolle gern mit ihnen Handel treiben, Schiffsladungen seiner Baumfrüchte verkaufen. Vor allem aber begehrte er den Schutz der Spanier. Schutz gegen seinen Rivalen, den anderen Sultan, drüben auf der anderen Insel, einem ebenso winzigen, ebenso steilen Vulkankegel. Ternate heißt der, und der Sultan von Ternate genoss seit Jahren die Protektion einer anderen Macht aus dem Abendland: Portugal.


Ternate und Tidore, eine knappe Seemeile voneinander entfernt. Hier, am 127. Längengrads Ost, begegneten sich an jenem Nachmittag die beiden europäischen Großmächte des 16. Jahrhunderts: Portugal und Spanien, auch daheim Nachbarn, feindliche Konkurrenten. In diesem Moment hatten sie den Globus in die Zange genommen, die Portugiesen über den östlichen, die Spanier über den westlichen Seeweg. Was sie hierher gelockt hatte: Zwei Zentimeter lange, feste Stempel, in rohem Zustand rot und grün, im getrockneten rostbraun – die Gewürznelken, die damals schon an Bäumen wuchsen, wie sie heute hier noch stehen. Es kam zum Knall am anderen Ende der Welt. Zum Nelkenkrieg.


"Im Anfang war das Gewürz". So beginnt Stefan Zweig sein Buch über Ferdinand Magellan, "Der Mann und seine Tat". Er meint damit nicht nur die Fahrt seines Protagonisten, es galt für alle großen Entdecker. Auch für Kolumbus waren die Gewürze eher wichtiger als das Gold, wie in seinen Aufzeichnungen steht, auch für Vasco da Gama, und alle vor und nach ihnen, die für Portugal und Spanien loszogen.


Weniger um Pfeffer ging es, um Zimt oder Vanille. Die höchsten Handelsgewinne versprachen jene Produkte, die auf den Gewürzinseln wuchsen, und die heute eher unwichtig erschienen: Muskat, vor allem aber die Gewürznelke. Und so war sie es, die die Wissenschaft in einer Disziplin weit ab von der Botanik vorantrieb: In der Geowissenschaft. Sie sorgte für den letzten Beweis, dass die Erde eine Kugel ist.


Auf Eseln über die Alpen


Wo waren die Gewürzinseln? Ungefähres nur wusste man, es war wohl ein Archipel mit dem Namen Molukken, weit hinter dem hinteren Indien. Genaueres war so lange unwichtig, wie der Zwischenhandel klappte. Mit Daus kamen die Gewürze über den Indischen Ozean nach Arabien. Auf Kamelrücken gelangten sie ans Mittelmeer, wo sie von Seglern aus Genua und Venedig abgeholt wurde. Weiter ging es auf Eseln über die Alpen, ins Heilige Römische Reich. Man macht sich heute keine Vorstellung, welche Rolle Nelken auf den herrschaftlichen Tafeln des spätmittelalterlichen Deutschland spielten. Gerichte jeder Art schmückten sie, Esslöffelweise tauchten sie im Weinkrug, dessen Inhalt eher einer Gewürzlauge als reinem Rebensaft glich. Auch zur Konservierung dienten sie. Bei ihnen, aber auch beim Pfeffer, Zimt und anderen war es natürlich mehr als der Geschmack, der den Massenverbrauch sicherte, trotz aller gehörigen Preisaufschläge. Auch der Duft des Paradieses lies den Handel um die Welt florieren.


Gegen Ende des 15. Jahrhunderts war Schluss. Das expandierende osmanische Reich schob dem Handel quer über die Levante einen Riegel vor. Der Preis der "Spezereien" schoss auf das dreißigfache des Vorherigen empor. Grund für die Länder am südwestlichen Ausgang Europas, auszuschwärmen, die enormen Profite zu erheischen, die der Gewürzhandel nun in Aussicht stellte, und die norditalienischen Stadtstaaten, die den Handel im Mittelmeer beherrschten, endlich auszustechen. Kolumbus fuhr nach Westen, Vasco da Gama nach Osten. Damit man sich nicht ins Gehege kommt, mischte sich der Papst ein, zog als Vermittler eine Linie von Nord nach Süd durch den Atlantik, entlang des 46. Längengrades. Die Welt war aufgeteilt zwischen zwei westlichen Großmächten.


Die entscheidende Frage aber, wo die Linie auf der gegenüberliegenden Seite des Globus weiterlaufen sollte, blieb unbeantwortet. Und in wessen Bereich wären dann die Molukken, die Gewürzinseln, die Nelkenbäume? Tief in die Schatullen hätten die Könige gegriffen für genaue Karten vom anderen Ende der Welt. Es gab keine.


In den 90er Jahren des 15. Jahrhunderts wurde die Suche ernst. Als Kolumbus 1492 über den Atlantik segelte, tasteten sich die Portugiesen langsam aber sicher entlang der afrikanischen Westküste bis zum südlichsten Punkt, dem Kap Aghulas vor. Vasco da Gama vermochte es zwar erst 1498, im Auftrag Lissabons um das Kap herum nach Indien zu segeln, doch zu dem Zeitpunkt war Kolumbus immer noch der Meinung, die von ihm gefundenen karibischen Inseln lägen in unmittelbarer Nähe des Nelken-Archipels in Ostasien. Es dauerte noch bis 1513, dass der erste Spanier, Vasco Nunez de Balboa, im heutigen Panama über Amerika hinaus blickte, den Ozean entdeckte, hinter dem die Gewürzinseln auf den warteten, der zuerst ankommt.

3000-fache Handelsspanne


Inzwischen hatten die Portugiesen ihren Vorsprung ausgebaut, waren von der ostindischen Küste weiter vorgedrungen in die Sultanswelt des heutigen Indonesien, über Malakka, wo sie von Zwischenhändlern schon mal manche Ladung Muskat und Nelken erwarben und mit 3000-facher Handelsspanne an die Küchen Europas verkaufen konnten. Einer der höheren portugiesischen Chargen, die es bis hierher brachten, sollte es später noch anders herum versuchen, für Spanien: Ferdinand Magellan. Unkenntnis der Geografie, auch feindlich gesonnene Insulaner verzögerten das Fortkommen der Lusitanier, viele Irrfahrten mussten sie in Kauf nehmen. Doch 1513 war es so weit: Francisco Serrao hatte, über den östlichen Seeweg, für die Portugiesen die Gewürzinseln entdeckt: Die südlichen, um Banda Neira, auf denen der Muskatbaum wuchs, schließlich die nördlichen, die Nelkeninseln, Ternate. Zügig nahm man regelmäßigen Handel auf. Ein Schiff nach dem anderen, verlies die Reede von Ternate, einmal halb um die Welt, nach Lissabon. Vollgestopft mit Nelken, bis zur Reling im Wasser. Investoren konnten binnen Jahresfrist ihr Vermögen vervielfachen – um einen dreistelligen Faktor.


1519 erst kam der entscheidende Vorstoß der Spanier über den Westen. Ferdinand Magellan, der beim portugiesischen König in Ungnade gefallen war, sollte die Flotte aus fünf Dreimastern befehligen. Immer noch hatte er Briefwechsel mit Francisco Serrao gepflegt, seinem guten Freund aus portugiesischen Zeiten in Malakka, auch nachdem der in Ternate gelandet war. Lange hatte er gehofft, Magellan würde wieder zu ihm stoßen, als Portugiese, über den Osten. Hatte Serrao Magellan die genaue Lage der Inseln mitgeteilt? Nun jedenfalls näherte sich der Freud über den Westen, als Spanier. Er war es, der endlich den Durchgang durch Amerika fand, die "Magellan-Straße". Eine lange, entbehrungsreiche Etappe über den Pazifik folgte, ohne jede Sicht einer Insel, immer am Rand des Verhungerns, aber stets auch den unerschöpflichen Reichtum der Gewürzinseln im Sinn. Zwischendurch kreuzten sie die heutige Datumsgrenze, hätten eigentlich im Bordbuch einen Tag nach vorne springen müssen, doch davon ahnten sie nichts.


Magellan wurde auf den Philippinen, der Zwischenstation, ermordet. Die Stunde der Wahrheit, die Begegnung der beiden alten Freunde, die nun für zwei Mächte die Jagd nach den Nelken aufgenommen hatten, ihr Showdown im Weltrennen, konnte nicht mehr stattfinden. Die spanische Flotte war hinfällig, der Wurm saß im Holz, in der Mannschaft wütete der Skorbut, Tod, Krankheit, Not.


Vom Schiff in den Kerker

Das war die Situation, in der die Spanier von ihren letzten Schiffen, der Victoria und der Trinidad, an jenem Nachmittag des 8. November – oder des 9.? – vor Tidore mit letzter Kraft die Anker fallen ließen, tatsächlich in etwa an der Fortsetzung der päpstlichen Linie, eine glänzende Dramaturgie der Entdeckungsgeschichte. Für die Spanier nahm es kein gutes Ende. Beide Schiffe luden sie noch mit ihres Sultans Hilfe randvoll mit Nelken. Die Victoria kam damit durch in die Heimat. Die wurmzerfressene Trinidad aber musste kurz nach dem Ablegen nach Tidore zurückkehren, zur Generalüberholung. Doch dazu kam es nicht. Die Mannschaft wurde von den Portugiesen in Arrest genommen, viele Jahre lang lernten die Männer alle Kerker Südostasiens kennen, 20 Jahre später kehrten vier Überlebende, nach einer grausamen Odyssee nach Spanien zurück.


Das Rennen zu den Nelken hatten die Portugiesen für sich entschieden. Bis die Niederländer kamen, und die Gewürzinseln eroberten. Wie kostbar sie lange Zeit waren, zeigt ein Handel noch im Jahre 1667: Im Tausch bekam Holland eine von England in Besitz genommene kleine Insel mit Namen Run, eine Muskatinsel. Und gab dafür eine Halbinsel in Amerika: Manhattan.

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