27.11.12

Neue Untersuchung

Therapien für übergewichtige Kinder kaum wirksam

Eine Langzeitstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung liefert deprimierende Ergebnisse: Selbst professionelle Therapien bekommen das Problem Übergewicht bei Kindern nicht in den Griff.

Foto: pa

Eine neue Untersuchung belegt einen deutlichen Optimierungsbedarf bei Therapien für übergewichtige Kinder – die Betroffenen nehmen meist nur kurzfristig ab
Eine neue Untersuchung belegt einen deutlichen Optimierungsbedarf bei Therapien für übergewichtige Kinder – die Betroffenen nehmen meist nur kurzfristig ab

Lilli hat ein Problem: Sie ist zu dick. Die Neunjährige besucht eine Kölner Grundschule und muss immer Hänseleien ihrer Klassenkameraden über sich ergehen lassen.

Ihre Eltern haben das Mädchen zum Ballettunterricht und in einen Sportverein geschickt, lassen sie mit dem Rad zur Schule fahren und achten auf eine einigermaßen gesunde Ernährung.

"Sie isst halt so gern und hat irgendwie immer Hunger", seufzt ihre Mutter. Wann immer Lilli mühsam ein paar Kilo abnimmt, sind sie nach einiger Zeit wieder drauf.

Das Problem in den Griff zu bekommen, ist alles andere als einfach: Eine Langzeitstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat nun gezeigt, dass selbst professionelle Therapien von übergewichtigen Kindern nur begrenzt wirksam sind.

Erfasst wurden die Daten von 1916 Kindern und Jugendlichen zwischen acht und 16 Jahren, die entweder ein Jahr lang ambulant oder sechs Wochen lang stationär behandelt wurden.

Meist nur kurzfristige Erfolge

Daraus geht hervor, dass es zwar durchaus zu kurzfristigen Erfolgen kommen kann. So nahmen 56 Prozent der Kinder und Jugendlichen zunächst einmal ab. Doch ein bis zwei Jahre nach Ende der Programme hatten nur noch 14 Prozent der Teilnehmer ihr Gewicht reduziert.

"Das ist auch für uns ein deprimierendes Ergebnis", gibt die Direktorin des Bundeszentrale, Elisabeth Pott, zu. Die Schlussfolgerung aus der Studie könne nur sein, dass es noch deutlichen Optimierungsbedarf gebe.

Die Gründe, warum die Programme so wenig Erfolg zeigten, seien unterschiedlich: Beispielsweise seien die Angebote nicht zielgruppenspezifisch genug. Auch würden die Bereiche Ernährung, Bewegung und psychisches Wohlbefinden zu wenig als eine Einheit gesehen.

Auch seien stationäre und ambulante Programme häufig nicht ausreichend miteinander verzahnt, um gute und nachhaltige Ergebnisse beim Abnehmen zu erreichen.

"Man muss einen Weg finden, um Kinder schrittweise an eine gesündere Lebensweise heranzuführen. Nicht von heute auf morgen nur noch Salat auf den Tisch bringen, sondern die Kinder langsam an gesunde Nahrungsmittel gewöhnen", schlägt die Expertin vor.

Individuelles Fehlverhalten nur begrenzt verantwortlich

Doch Martin Wabitsch von der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter sagt, die Programme zur Gewichtsabnahme basierten ganz allgemein auf einem falschen Denkmodell: Nämlich dass der einzelne allein über sein Gewicht bestimmen könne. "Doch tatsächlich ist es so, dass Übergewicht nur begrenzt auf individuelles Fehlverhalten zurückzuführen ist", meint der Ernährungsexperte und Kinderarzt von der Universität Ulm.

Wabitsch macht die veränderten Lebensgewohnheiten dafür verantwortlich, etwa dass Mahlzeiten am Tisch im Familienkreis immer seltener werden und die Kinder stattdessen allein vor dem Fernseher essen, dass es immer mehr Fastfood gibt, dass man sich generell heute viel weniger bewegt als früher.

Kindern nur noch Äpfel, Wasser und Vollkornmüsli vorzusetzen, sei schlicht unrealistisch, meint er: "Kinder schaffen das vielleicht eine Weile lang, aber dann möchten sie auch wieder normale Kinder sein, vor allem im eigenen Freundeskreis, und der ernährt sich nun einmal anders."

Lebenswelt der Kinder verändern

Die meisten hätten einfach nicht die Disziplin, eine solche Ernährung auf Dauer durchzuhalten oder täglich eine Stunde Sport zu treiben. "Wir müssen woanders ansetzen: Wir müssen die Lebenswelt der Kinder verändern." Wabitsch plädiert dafür, an den Schulen Trinkwasserspender aufzustellen und an Schulkiosken den Verkauf von Süßigkeiten zu verbieten.

Auch Elisabeth Pott hält es für nötig, das soziale Umfeld stärker miteinzubeziehen: "Die Eltern, aber auch die Lehrer und die Schule." Zudem müsse man Sportvereine gezielt ansprechen, damit diese ihr Angebot für übergewichtige Kinder ausweiteten.

Man brauche ein gutes Konzept, das mehr Bewegung, eine ausgeglichene Ernährung und gleichzeitig eine Stärkung der Psyche der Kinder umfasse: "Das ist ein sehr komplexes Problem", sagt Pott, "und deshalb sind auch komplexe Lösungen nötig."

Quelle: epd
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