25.11.12

Anthropologie

Nichts ist kultiger als ein Totenschädel

Er ist Teil von Voodoo-Ritualen, soll Geister verjagen und Feinde einschüchtern. Der Kopf-Knochen des Menschen steht im Zentrum magischer Praktiken und ist auch in der Popkultur unverzichtbar.

Von Berthold Seewald
Foto: dapd

Mythos und Kult um das Haupt des Menschen sind Thema einer Ausstellung, die auch im Westfälischen Landesmuseum in Herne Station macht. Einige Beispiele: Schädel aus einem Beinhaus am Chiemsee von 1823.

8 Bilder

Es gibt Bilder, Themen und Assoziationen, von denen Homo sapiens offenbar nicht lassen kann. Seit der Mensch anfing, seine Geschichte aufzuschreiben, also seit ungefähr 5000 Jahren, wird zum Beispiel Sexualität dazu eingesetzt, einen Gegner zu desavouieren. Vermutlich haben schon die Chefs eines Affenharems ihre Position mit Virilität legitimiert, die Konkurrenten zu diskreditieren suchten. Noch heute sucht man gern im Sexleben nach Schwachstellen, wenn sie in der Politik nicht zu finden sind.

Ein anderer anthropologischer Fetisch ist der Schädel. Forscher haben Spuren von Kannibalismus an frühmenschlichen Schädeln festgestellt. Dass der Knochen, in dem das Bewusstsein ruht, auch heute noch eine höchst mystische Aura ausstrahlt, zeigt schon ein Blick in die Popkultur: Kein Heavy-Metal-Konzert, das auf sich hält, kommt ohne Totenschädel aus, kein Piratenfilm ohne die schwarze Schädelflagge, und natürlich kredenzen die Normannen im modernen Bildungskosmos nach Asterix ihren Gästen harte Getränke in den Schädeln der Besiegten.

"Schädelkult – Mythos und Kult um das Haupt des Menschen" heißt die Ausstellung, die jetzt im Westfälischen Landesmuseum in Herne zu sehen ist. Es geht darin um die Bedeutung des Kopfes für die menschliche Kultur, was weniger metaphorisch, sondern höchst konkret gemeint ist. Herausgekommen ist eine Spurensuche durch die Epochen und Erdteile – sozusagen als Grundlagenforschung für eine kulturgeschichtliche Krainologie der popkulturellen Gegenwart von der Gothic-Szene bis nach Hollywood.

Schädelpyramiden und Schrumpfköpfe

Schädelkult provoziert Assoziationen von Voodoo-Ritualen, Schädelpyramiden und Schrumpfköpfen, die an den Gürteln von Kannibalen baumeln. Das alles enthält mehr als ein Körnchen Wahrheit, wie die Ausstellung deutlich macht. Aber es ging (und geht) dabei nicht um Belege menschlicher Grausamkeit, sondern um Ausdrücke von Spiritualität.

Im afrikanischen Vodun-Kult zum Beispiel, der gemeinhin als Ursprung des afro-amerikanischen Voodoo angesehen wird, versuchen Priester, mit Schädeln, Knochen, Farben, Symbolen und Blut, Geister anzusprechen, denen es um die Gesundheit von Kranken zu tun ist. Auch die geschrumpften Köpfe getöteter Gegner dienten bei viele afrikanischen Völkern als Botschafter, um mit dem Jenseits Kontakt aufzunehmen.

Die Kopfjagden auf Inseln des indonesischen Archipels waren – ähnlich den Blumenkriegen der Azteken – streng ritualisierte Veranstaltungen, um den beteiligten Stämmen Opfer für Fruchtbarkeitskulte zu verschaffen. Mit Kopftrophäen versuchten Menschen auf Borneo bis ins 20. Jahrhundert hinein, Missernten vorzubeugen oder Kindersegen zu steigern. Kunstvoll verziert wurden die Schädel der Opfer.

Was kostet Störtebekers Schädel?

Die Pyramiden aus den Köpfen der Feinde, mit denen die mongolischen Herrscher Asiens ihre Größe zu dokumentieren suchten, standen dagegen für prosaischere menschliche Züge: Sie dokumentierten Macht und Ansehen und sollten die überlebenden Neu-Untertanen beizeiten ermahnen, nicht gegen ihr Schicksal aufzustehen. Derartige Verhaltensmuster sind auch Europäern der zivilisierten Gegenwart nicht fremd. Im gegenwärtig laufenden Prozess um den Diebstahl des Piratenkapitäns Klaus Störtebeker aus dem Museum für Hamburgische Geschichte geht es nicht zuletzt um die Frage, was den Auftraggebern die Hehlerware wohl wert war.

Welches Kultpotenzial einem Schädel inne wohnt, zeigt gerade der Umgang mit ihm in der jüngeren abendländischen Geschichte. "Phrenologie" nannte Franz Joseph Gall (1758-1828) seine Lehre, die behauptete, den Charakter eines Menschen aus seiner Schädelform deuten zu können. Obwohl beizeiten als Scharlatan entlarvt, ließ sich selbst Goethe seinen Kopf von Gall abtasten. Auch besaß der Dichter einen Schädel, auf dem die Orte mit markanten Eigenschaften verzeichnet waren.

Klischees der nationalsozialistischen Propaganda

Als historisch heikler noch erwies sich die Kraniometrie. Die Vertreter dieses Zweiges der Anatomie vermaßen Schädel, um sie anschließend zu vergleichen. Spätestens mit dem Durchbruch der Rassenlehren im 19. Jahrhundert geriet die Schule zum wissenschaftlichen Feigenblatt rassistischer Ideologien. Bizarre Höhepunkte wurden die Klischees der nationalsozialistischen Propaganda.

Deutlich harmloser und immer noch populär sind die Beinhäuser in Teilen Österreichs und Süddeutschlands, in denen die überzähligen, gereinigten Knochen überfüllter Friedhöfe abgelegt werden. Geradezu Kultstatus haben die 13 Kristallschädel erlangt, die allein in der Lage sein sollen, den laut Maya-Kalender am 21. Dezember anstehenden Weltuntergang zu verhindern. Voraussetzung ist es aber, alle 13 an einem Ort zu versammeln. Fachleute bezweifeln aber, dass es sich dabei um Artefakte der Maya handelt. Mit ihren Werkzeugen aus Stein oder Glas wären sie kaum in der Lage gewesen, die Kristalle zu bearbeiten.

Die jüngste Meldung zum Schädelkult verweist wieder auf die Anthropologie. In Schweden muss sich eine Frau wegen Störung der Totenruhe vor Gericht verantworten, weil sie in ihrer Wohnung sechs Schädel aufbewahrt hat. Sie soll sie für "diverse sexuelle Aktivitäten" benutzt haben.

Westfälisches Landesmuseum, Herne; bis 14. April 2013

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Champions League „Das war für Rom eine Katastrophe“
Verhaftet vom Regime Nordkorea lässt US-Bürger frei
Champions League Dortmund lechzt nach einem Erfolgserlebnis
Unglück in Moskau Total-Chef stirbt bei Kollision mit Schneepflug
websiteservice.jpg
Websiteservice

Sie machen Ihr Business. Wir Ihre Websitemehr

Timetraveller.jpg
Timetraveller

Mit der Morgenpost und Timetraveller Geschichte erlebenmehr

Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Großbritannien

Ein Hauch von Bauch – Auftritt von schwangerer…

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote