21.11.12

Erneuerbare Energien

Strom aus der Tiefe

Vor Frankreich wird ein Gezeitenkraftwerk gebaut.

Von Daniel Wetzel
Foto: EDF

Die Gezeitenturbine Arcouest vor der Versenkung. Selbst bei schwerem Seegang kann der Katamaran-Schlepper die Kraftwerke auf den Meeresgrund pflanzen. Die Strömungsturbine produziert ebenso viel Strom wie ein mittelgroßes Windrad
Die Gezeitenturbine Arcouest vor der Versenkung. Selbst bei schwerem Seegang kann der Katamaran-Schlepper die Kraftwerke auf den Meeresgrund pflanzen. Die Strömungsturbine produziert ebenso viel Strom wie ein mittelgroßes Windrad

Die Bretonen haben für die Leute aus Paris normalerweise nicht so viel übrig. Projekte der Zentralregierung sind schon oft an der Starrköpfigkeit der Küstenbewohner gescheitert. Vor allem Projekte der Energieversorgung. So ist es etwa kein Wunder, dass von den 58 Atomkraftwerken in Frankreich kein einziges in der Bretagne steht. Gut, bis auf Brennilis, diesen winzig kleinen Versuchsreaktor mit kaum nennenswerten 70 Megawatt Leistung. Und selbst für den gab es nur Platz im abgelegenen Teufelsmoor Yeun Elez, von dem die alten Kelten sagten, es sei der Zugang zu einer anderen Welt, und die christlichen Missionare, es sei der Zugang zur Hölle.

Der Pannenmeiler Brennilis ist schon seit einem Vierteljahrhundert stillgelegt, eine Ruine. Den Bau eines größeren Reaktors verhinderten die Bretonen 1980 im Dorf Plogoff mit Straßenschlachten und Barrikadenbau gegen ein Großaufgebot der Polizei. Selbst eine Spezialtruppe Fallschirmjäger der Gendarmerie konnte den Willen des Staates nicht durchsetzen.

Jetzt wird die Bretagne aber Schauplatz einer neuen Energie-Revolution. Und obwohl im Mittelpunkt erneut Frankreichs staatlicher Atomkonzern Électricité de France (EdF) steht, spielen die sonst so widerborstigen Bretonen diesmal mit. Ein kleines Wunder geschieht: EdF wird in der Bretagne ein Kraftwerk bauen. Aber es ist ein Kraftwerk, das keiner sieht und niemand hört: Es wird das erste Unterwasserkraftwerk der Welt im offenen Meer, ein Kraftwerk, das nur durch die Strömung der Gezeiten angetrieben wird. Möglich gemacht hat das Wunder Vincent Denby-Wilkes, ein Urgestein der französischen Energiewirtschaft, der die EdF-Geschäfte in der Bretagne leitet. Denby-Wilkes hat den Widerstand der Einheimischen mit einer völlig zivilen Methode gebrochen: Bürgerbeteiligung. Freilich auf eine flexible, nachgiebige, pragmatische Art, von der die Planer eines Großprojektes wie Stuttgart 21 viel hätten lernen können. Denby-Wilkes ist ein Manager, der statt Anzug lieber Blouson oder Regenjacke trägt, weil er so oft an der Küste bei den Leuten ist. Seit vier Jahren setzt er sich regelmäßig mit Fischern, Schiffseignern, Hoteliers, Umweltschützern, Dorfbürgermeistern und Stadtverordneten zusammen und spricht über das EdF-Projekt, das vor allem sein Projekt ist, aber von dem er nur sagt: "Es ist das Projekt der Leute hier, es gehört ihnen."

Fischer wählen den Standort

Seit zwei Jahren investiert der Manager zwei Tage seiner Arbeitswoche, um bei den Anwohnern für das einmalige Gezeitenkraftwerk zu werben. Die Stelle im Meer, an der 2013 das Unterwasserkraftwerk versenkt werden soll, hat nicht der Energiekonzern ausgewählt, sondern die ortsansässigen Fischer: Die Männer entschieden sich für eine Schutzzone für Hummer und Krustentiere, in der Fischereifahrzeuge nicht auf Fang gehen.

Das Wunder, um das es geht, ist noch für kurze Zeit zu besichtigen, bevor es untergeht: In Brest, der Hafenstadt an der Spitze der Bretagne, die weit in den Atlantik hinausragt. Festgezurrt an der Hafenmole unter den Festungsmauern der Stadt liegt hier ein Katamaran, der zwischen seinen Auslegern einen 16 Meter großen, fast makellos weißen Ring aus Stahl trägt. Mit seinem breiten Band aus Lamellen sieht die Konstruktion aus wie die Iris eines Zyklopenauges. Es ist der Prototyp der Gezeitenturbine Arcouest.

Seeleute aus Irland machen den Katamaran los und schleppen das Turbinenrad schon mal testweise durch die Hafengewässer. Nur halb im Wasser, eingeklemmt zwischen den Auslegern des Katamarans, beginnt sich Arcouest langsam zu drehen – und Elektrizität zu produzieren wie der Dynamo an einem Fahrrad. James Ives ist immer wieder begeistert: "Die Turbine ist absolut zuverlässig und wartungsarm, sie hat nur ein einziges bewegliches Teil", sagt der Chef der irischen Herstellerfirma OpenHydro. "Keine andere Ökostrom-Technologie hat so geringe Umweltauswirkungen." Das ist zunächst einmal schwer zu glauben: Denn mit ihrem Standgerüst ist die Meeresturbine 21 Meter hoch und 850 Tonnen schwer. Eine so monströse Fischhäcksel-Maschine soll keine Umweltauswirkungen haben?

Doch Ives und seine Auftraggeber von EdF sind sich ihrer Sache sicher. Anders als Offshore-Windräder, argumentiert er, würden die Unterwasserturbinen lediglich auf dem Meeresgrund abgesetzt. Lärmende Fundament-Bohrungen sind daher nicht nötig. Und an den für die Stromproduktion ergiebigen Stellen mit einer Strömungsgeschwindigkeit von mindestens drei Metern pro Sekunde fühlten sich Fische ohnehin nicht wohl. Monatelang hätten sie die Anlage im European Marine Energy Center auf den schottischen Orkney Inseln auf Nebenwirkungen getestet. Und keine gefunden.

Gegenüber Windkraftanlagen haben die Unterwasserturbinen noch eine Reihe weiterer Vorteile. Während das Windaufkommen unberechenbar und unstet ist und immer wieder durch Flauten unterbrochen wird, arbeiten die Gezeitenturbinen im starken Tidenhub vor der französischen Küste so gleichmäßig und vorhersagbar wie ein Schweizer Uhrwerk: 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Für die Stabilität des Stromnetzes ist das Gold wert. Alle sechs Stunden wechselt zwar die Strömungsrichtung, während des Umschwungs von Ebbe und Flut gibt es aber täglich nur ein geringes Zeitintervall von 20 bis 70 Minuten, in dem die Turbine nicht arbeitet.

Die Idee, die Kraft der Gezeiten zur Stromgewinnung auszunutzen, ist alles andere als neu. Schon 1966 hatte EdF die Mündung des Flusses Rance in der nordöstlichen Bretagne komplett mit einem Damm gesperrt, in den 24 Turbinen zur Stromgewinnung eingebaut wurden. Mit 240 Megawatt ist La Rance noch immer das zweitgrößte Gezeitenkraftwerk der Welt nach der erst 2011 fertiggestellten Anlage im Sihwa Lake in Südkorea, die ebenfalls in einen Damm eingebaut ist. Doch Absperrungen ganzer Flüsse sind künftig wohl kaum noch durchsetzbar, ökologische Überlegungen sprechen dagegen und touristische auch. Deshalb hat die neue Idee, Strömungsturbinen frei stehend im küstennahen Meer aufzustellen, weitaus mehr Potenzial.

So wird das erste Gezeitenkraftwerk im offenen Meer vor der Küste von Paimpol-Bréhat mit zunächst vier Turbinen nur eine Testanlage mit bescheidenen 2,2 Megawatt sein. Doch schon damit lässt sich der Strombedarf von bis zu 3000 Haushalten rund ums Jahr verlässlich decken. Wenn die Anlage im Herbst kommenden Jahres in 35 Meter Wassertiefe versenkt wird, könnte das also die Geburtsstunde einer vielversprechenden neuen Ökostrom-Technologie sein. Entlang der 3400 Kilometer langen Küste Frankreichs gebe es genug starke Meeresströmungen, um Gezeitenkraftwerke mit insgesamt 3000 Megawatt Leistung anzutreiben, glaubt man bei EdF: Damit könnte man schon drei bis vier Atomkraftwerke ersetzen. Für ganz Europa wird das Potenzial auf 15.000 Megawatt geschätzt.

Für Frankreichs Präsident François Hollande kommt das Ökostromprojekt wie gerufen: Der Sozialist hatte im Wahlkampf angekündigt, den Anteil von Atomstrom in Frankreich bis 2025 von derzeit 75 auf 50 Prozent senken zu wollen. Zwar ist klar, dass die junge Technologie frei stehender Gezeitenkraftwerke auf mehrere Jahre hinaus noch keinen substanziellen Beitrag zur Deckung der Stromnachfrage in Frankreich leisten kann. Doch als markantes Aushängeschild taugt das neue Kraftwerk wohl schon jetzt.

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