19.11.12

Ex-Astronaut Reiter

"Viele Leute sollten von oben runterschauen können"

Esa-Direktor und Ex-Astronaut Thomas Reiter erklärt, worüber die Minister der Esa-Mitgliedsstaaten in dieser Woche entscheiden. Es geht um den Mond, den Mars, neue Satelliten und eine Ariane-6-Rakete.

Von Norbert Lossau
Foto: Esa

Esa-Direktor und Ex-Astronaut Thomas Reiter wünscht möglichst vielen Menschen, einmal von „da oben“ auf unseren blauen Planeten herunterschauen zu können
Esa-Direktor und Ex-Astronaut Thomas Reiter wünscht möglichst vielen Menschen, einmal von "da oben" auf unseren blauen Planeten herunterschauen zu können

Die Welt: Der Nasa-Marsrover "Curiosity" hat in diesem Jahr sehr viel Aufmerksamkeit erregt. Welche Marsmissionen plant Europa?

Thomas Reiter: Die Esa hat mit ihrer Sonde Mars-Express die Landung von "Curiosity" ja durchaus unterstützt. Mars-Express befindet sich schon mehr als zehn Jahre in einer Umlaufbahn um den Roten Planeten und liefert von dort hochaufgelöste, dreidimensionale Bilder der Marsoberfläche. Auf der aktuellen Ministerratskonferenz steht die Entscheidung über das Projekt "Exo-Mars" an. Da geht es einmal um eine Missionen im Jahr 2016 mit einem Orbiter und einem Landedemonstrator. 2018 soll dann ein Lander einen Rover auf dem Mars absetzen. Ursprünglich war bei diesem Projekt eine Zusammenarbeit mit der Nasa geplant. Aus finanziellen Gründen haben die Amerikaner aber einen Rückzieher gemacht, so dass wir jetzt "Exo-Mars" gemeinsam mit den Russen durchführen wollen. Dieses Umsteuern ist zum einen nicht einfach, denn die technischen Fähigkeiten der Nasa sind natürlich nicht deckungsgleich mit denen der Russen. Zum anderen führt es zu höheren Kosten. Darüber wird jetzt auf der Konferenz diskutiert. In der ersten Hälfte des nächsten Jahrzehnts peilen wir die nächste europäische Marsmission an. Dann wollen wir erstmals Bodenproben vom Mars zur Erde transportieren, so dass man diese in Laboren analysieren kann. Erst in zwei, drei oder gar vier Jahrzehnten könnte auch eine bemannte Mission zum Mars möglich werden.

Die Welt: Für welche Analysen ist es erforderlich, Proben zur Erde zu bringen?

Reiter: Viele chemische Analysen sowie gaschromatografische und massenspektroskopische Untersuchungen lassen sich in der Tat bereits auf dem Mars durchführen. Doch wenn es um den zweifelsfreien Nachweis von Hinweisen auf Leben, etwa Einzeller oder Sporen geht, dann kommt man in irdischen Labors doch weiter.

Die Welt: Neben dem Mars zählt auch der Mond zu den naheliegenden Zielen der Raumfahrt. Die Esa plant einen Mondlander, der sanft in der Nähe des Südpols aufsetzen soll. Nun zieht das Ministerium für Luft- und Raumfahrt aber zurück - es beteiligen sich zu wenige EU-Staaten an dem Projekt...

Reiter: Das wissenschaftliche Interesse am Mond wächst. Tatsächlich ist es so, dass wir heute mehr über den Planeten Mars wissen, als über den uns viel näheren Mond. Russland hat ganz konkrete Pläne für Mondmissionen. 2016 startet "Lunar Globe" und 2017/18 "Lunar Ressource". Wir sind mit Russland im Gespräch um unsere Mond-Aktivitäten zu koordinieren. China plant 2017 eine Mondmission, Indien kooperiert mit Russland bei "Lunar Ressource" und Japan bereitet ebenfalls eine eigene Mission zum Mond vor. Wir hatten eigentlich vorgeschlagen, jetzt mit der Entwicklungsphase des europäischen Lunar Landers zu beginnen, damit die Mission 2018 stattfinden kann. Weil es jedoch absehbar war, dass wir aufgrund der wirtschaftlichen Lage für diese Projektphase keine Finanzierung von der Ministerratskonferenz erhalten würden, haben wir uns entschlossen, mit geringerem finanziellen Aufwand zunächst jene Schlüsseltechnologien zu entwickeln, die für die Mission erforderlich sind. Die Hoffnung wäre dann, dass bei der nächsten Ministerratssitzung im Jahre 2014 doch noch eine Entscheidung für den Mondlander getroffen wird.

Die Welt: Welche Schlüsseltechnologien sind das?

Reiter: Die Fähigkeit, weich auf dem Mond aufzusetzen, eine hinreichend präzise Navigation, damit der Landeort automatisch auf 200 Meter genau getroffen werden kann, sowie die automatische Vermeidung von Hindernissen bei der Landung.

Die Welt: Wenn beim Mondlander eingespart werden soll, dann haben offenbar andere Projekte eine höhere Priorität?

Reiter: Wir müssen natürlich auf jeden Fall die Nutzung der Internationalen Raumstation bis zum Ende des Jahrzehnts sicherstellen. Und wir wollen die Mehrkosten bei "Exo-Mars" verkraften. Doch der Mondlander soll ja nicht aufgegeben werden. Wenn es 2014 grünes Licht gibt, könnten wir noch immer den Termin 2018/19 einhalten.

Die Welt: Hat die Internationale Raumstation denn den größten Anteil im Etat der Esa?

Reiter: Das denken zwar viele, doch die ISS landet im Budget erst auf dem dritten Platz. Das meiste Geld geben wir für Ariane-Raketen aus und danach kommt die Erdbeobachtung.

Die Welt: Wie geht es denn mit der Ariane weiter?

Reiter: Das ist ein großes Thema auf der Ministerratssitzung. Es gibt da zwei Vorschläge. Zum einen könnte man die Ariane-5 weiterentwickeln und mit einer neuen, leistungsfähigeren Oberstufe ausstatten. Oder, man beginnt gleich mit der Konstruktion einer ganz neuen Rakete – einer Ariane-6.

Die Welt: Wer steht hinter diesen Vorschlägen?

Reiter: Die Weiterentwicklung wird von der deutschen Seite favorisiert. Frankreich setzt hingegen auf eine Ariane-6. Diese Entscheidung ist der größte Brocken auf der Konferenz. Ich bin auf den Kompromiss gespannt.

Die Welt: Welche Entscheidungen stehen beim Thema Erdbeobachtung an?

Reiter: Es wird über die nächste Generation von Wettersatelliten entschieden. Die große Bedeutung dieser Erdbeobachtungssatelliten steht ja außer Frage.

Die Welt: Wofür ist Erdbeobachtung vom Satelliten aus sonst noch wichtig?

Reiter: Das Wissen, das wir heute über die Entwicklung des Klimas haben, basiert zu einem sehr großen Teil auf Messdaten, die von Satelliten geliefert worden sind. Nur mithilfe von Satelliten lassen sich Parameter der Atmosphäre und Erdoberfläche wirklich rund um den Globus erfassen. Spurengase, wie etwa Ozon, lassen sich global messen. Erdbeobachtung ist natürlich auch wichtig, um nach Erdbeben oder Tsunamis ganz schnell Bilder aus den Katastrophengebieten zu haben, um die Hilfe koordinieren zu können.

Die Welt: Viele Autofahrer nutzen heute GPS-Navigationssysteme – kurz Navis genannt. Europa baut gerade mit "Galileo" ein eigenes Netz von Navigationssatelliten auf. Warum ist das notwendig? Was ändert sich dadurch für den einzelnen Nutzer?

Reiter: Zunächst einmal wird sich durch Galileo die Abdeckung durch Satelliten verbessern. GPS plus Galileo wird zusammen leistungsfähiger sein, als ein System für sich allein. Gerade in den Häuserschluchten von Städten wird man davon profitieren. Und wenn mal ein Satellit ausfällt, fällt das weniger ins Gewicht.

Reiter: GPS ist ein militärisches System der USA, das zwar sehr gut funktioniert, doch einige Nachteile hat. So kann man den GPS-Signalen nicht ansehen, wie genau sie im konkreten Moment sind. Wenn Sie zum Beispiel mit dem Auto auf der Autobahn fahren und Ihnen das GPS-Navi anzeigt, dass sie sich 100 Meter neben der Fahrbahn befinden, dann ist das nicht weiter schlimm, denn Sie wissen ja, dass Sie auf der Autobahn sind. Doch im Falle von Flugzeugen sieht das schon ganz anders aus. Wenn Sie da 100 Meter neben der richtigen Flugroute liegen, könnte das problematisch sein. Galileo kann Ihnen im Gegensatz zu GPS nicht nur sagen, wo Sie gerade sind, sondern außerdem, ob sie dem Signal trauen können. Auf der Basis von Galileo werden sich eine Reihe neuer Dienstleistungen entwickeln lassen – zum Beispiel die Möglichkeit innerhalb von Gebäuden seine Position zu bestimmen.

Die Welt: Wie das? Die Signale der Galileo-Satelliten können doch ebenso wenig in Gebäude eindringen wie die von GPS-Satelliten?

Reiter: Das ist richtig. Doch bei Galileo wird es mithilfe von speziellen Repeatern möglich, auch eine Indoor-Navigation zu machen. Denkbar ist auch, dass man eine Zeit lang mit einem eingebauten Trägheitsnavigationssystem die aktuelle Position in einem Gebäude ermittelt, wenn man die letzte Position vor Betreten des Gebäudes dank Galileo sehr genau gekannt hat. Mit solchen Anwendungen beschäftigen sich viele Start-Up-Unternehmen. Galileo wird also letztlich Arbeitsplätze schaffen.

Die Welt: Welchen Stellenwert haben bei der Esa die astronomischen Missionen?

Reiter: Im kommenden Jahr wird die Gaya-Mission zur 3D-Kartierung des Universum in verschiedenen Wellenlängenbereichen starten. Für 2022 planen wir eine Mission zum Jupitermond Ganymed, wahrscheinlich in Kooperation mit Russland. Doch zunächst steht "Exo-Mars" bei uns im Fokus.

Die Welt: Wie wirkt sich die Eurokrise auf die europäische Raumfahrt aus.

Reiter: Wenn es zu Kürzungen kommen sollte, wäre natürlich die eine oder andere Mission gefährdet oder müsste zumindest verschoben werden. Es ist wünschenswert, hier für eine gewisse Kontinuität zu sorgen, so dass das Know how der europäischen Raumfahrtindustrie nicht verspielt wird. Bislang haben wir auf den Ministerratskonferenzen immer leichte Steigerungen des Etats erreichen können. Das wird dieses Mal nicht der Fall sein. Wir müssen unter den aktuellen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen froh sein, wenn sich die geplanten Missionen mit hinreichender Kontinuität verwirklichen lassen.

Die Welt: Aufwärts geht es hingegen mit der chinesischen Raumfahrt.

Reiter: Ja, das sehe ich auch so. China plant ja bis zum Ende des Jahrzehnts den Aufbau einer eigenen Raumstation. Wir stehen in engem Kontakt mit der chinesischen Agentur für bemannte Raumfahrt und sprechen sogar darüber, ob bei künftigen Raumstationen nicht alle miteinander kooperieren könnten. Mir ist natürlich klar, dass zumindest im Moment die Zusammenarbeit zwischen China und den USA in der Raumfahrt nicht so einfach möglich ist. Aber das muss ja nicht immer so bleiben. Die Esa könnte hier ja durchaus als Mediator zwischen den beiden Welten fungieren.

Die Welt: Es gab ja mal zwischen Europäern und den Chinesen einen Konflikt über Frequenzen beim Galileo-System. Ist das inzwischen gelöst?

Reiter: Noch nicht, die Europäische Union und China befinden sich aktuell im Dialog darüber.

Die Welt: Würden Sie gerne noch einmal ins All fliegen?

Reiter: Jeder Astronaut hegt natürlich diesen Wunsch. Doch realistisch betrachtet, wird sich diese Gelegenheit nicht mehr ergeben. Die Arbeit als Esa-Direktor für den Bereich bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb macht mir sehr viel Spaß und darauf möchte ich mich konzentrieren.

Die Welt: Aber so ein kleiner Flug als Weltraumtourist wäre doch wohl drin?

Reiter: Darüber mache ich mir keine Gedanken. Allerdings befürworte ich es sehr, dass private Firmen touristische Flüge ins All anbieten wollen. Möglichst viele Menschen sollten die Chance haben, von da oben auf unseren blauen Planeten herunterschauen zu können. Doch ich fürchte, dass die Preise für ein Ticket noch lange sehr teuer sein werden. Aber das wird sich hoffentlich noch ändern.

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    Der Merkur ist der innerste Planet unseres Sonnensystems. Er umkreist die Sonne in einer mittleren Entfernung von "nur" 58 Millionen Kilometern und wird deshalb von ihr regelrecht gegrillt. Weil er sich nur extrem langsam dreht, ist es auf seiner jeweiligen Sonnenseite tagelang bis zu 430 Grad heiß; auf der abgewandten Seite fallen die Temperaturen bis auf minus 170 Grad. Der Merkur hat keine Atmosphäre. Derzeit umkreist die Sonde Messenger den Planeten. Existiert dort Leben, wie wir es kennen, dann wohl unter der Oberfläche, wo es kühler sein könnte.

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