Kinder in Ostpreußen

"Was ich erlebt habe, ist zu viel für ein Leben"

Man nannte sie Wolfskinder, Tausende Waisen, die sich 1945 in Ostpreußen und anderswo durchschlagen und dabei Entsetzliches erleiden mussten. Jetzt wollen Psychiater sich der Überlebenden annehmen.

Von Berthold Seewald
Foto: picture-alliance / obs

Genrich Tschupailis lebt in Vilnius. Er lebt unter einem fremden Namen, aber wer er wirklich ist, ist für ihn seit vielen Jahren ein ungelöstes Rätsel – Szene aus der TV-Dokumentation „Verschollen in Ostpreußen. Der lange Weg der ,Wolfskinder’“ von Hans-Dieter Rutsch
Genrich Tschupailis lebt in Vilnius. Er lebt unter einem fremden Namen, aber wer er wirklich ist, ist für ihn seit vielen Jahren ein ungelöstes Rätsel – Szene aus der TV-Dokumentation "Verschollen in Ostpreußen. Der lange Weg der ,Wolfskinder'" von Hans-Dieter Rutsch

Helmut Falk war fünf Jahre alt, als er seine Mutter verlor. Im Jahr 1944, auf einem Bahnhof in Ostpreußen. Zuletzt sah er sie, als sie sich mit seinen Geschwistern durch die Menschenmenge drängte, die auf einen Zug zustürmte, der nach Westen fuhr. Der kleine Helmut dachte sich nichts dabei und spielte mit seinen Murmeln. Als der Zug den Bahnhof verließ, war er allein. Vermutlich hatte seine Mutter das Kind im panischen Gedränge übersehen.

Helmut Falk wurde ein Wolfskind. So nannte man die Kinder aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, die ihre Familien verloren und sich als Waisen durchschlagen mussten. Etwa 20.000 sollen es allein in Ostpreußen gewesen sein, rund 5000 dieser "Vokietukai", kleinen Deutschen, gelangten nach Litauen. 4700 hat die Historikerin Ruth Leiserowitz im Oblast Kaliningrad (Königsberg) ausgemacht. Sie verschwanden buchstäblich, in Heimen, Familien, als billige Arbeitskräfte. Und vergaßen ihre Namen, ihre Sprache, ihre Kindheit.

Jetzt, wo die Jüngsten der noch Lebenden auf die 80 zugehen, werden die Wolfskinder auf einmal wiederentdeckt. Die Journalistin Sonya Winterberg hat soeben mit ihrem Buch "Wir sind die Wolfskinder. Verlassen in Ostpreußen" zahlreiche Erinnerungen und Augenzeugenberichte versammelt. Der Filmemacher Rick Ostermann arbeitet an einem Film mit dem Titel "Wolfskinder", der, mit Jürgen Vogel in einer Hauptrolle, möglicherweise auf der Berlinale gezeigt wird. Und die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapien der Universität Greifswald will in einer wissenschaftlichen Studie untersuchen, welche Auswirkungen die traumatischen Ereignisse auf das spätere Leben der Kinder hatten.

"Folgen kriegsbedingter Gewalt"

Als Forschungsobjekte für, wie es die Klinik ausdrückt, "psychische, soziale und körperliche Folgen von kriegsbedingter und politischer Gewalt" eignen sich die Wolfskinder in der Tat. "Was ich erlebt habe, was mir angetan wurde, ist zu viel für ein Menschenleben", zitiert Sonya Winterberg ein Wolfskind, das sich nach Litauen retten konnte. Dennoch hatte diese zumindest das Glück, Krieg, Hunger und Verfolgung zu überleben, was gerade vielen jüngeren Kindern nicht gelang.

Viele Kinder erlebten den Tod ihrer Eltern und Geschwister, die Strapazen der Wanderungen, Krankheiten und Erniedrigung. Weil die Mähr umging, in Litauen gebe es Brot und Kuchen im Überfluss, versuchten viele, über die Memel zu gelangen. Wenn russische Soldaten sie entdeckten, wurden sie gnadenlos aus den Zügen geworfen oder zusammengetrieben und zurückgeschickt. Mehrere Tausend gelangten in Heime der DDR, einige wenige konnten sich bis in den Westen durchschlagen.

Da sie ihre Namen und sehr oft ihre Sprache vergessen hatten und ihnen litauische Namen gegeben wurden, lief die Suche nach ihnen zumeist ins Leere. Wenn es sie überhaupt gab.

In seinem Film "Wolfskinder" hat Rick Ostermann viel authentisches Material verarbeitet. Journalisten konnten vorab Szenen sehen, in denen ein Junge, Hans, erst von seinem Bruder getrennt wird und schließlich zum Führer einer Gruppe umherstreunender Kinder wird. Als Soldaten sich nähern, drückt er ein quengelndes Kind so lange unter Wasser, bis es ertrinkt. Zwei Brüder muss er trennen, weil ein Bauer nur den stärkeren von beiden aufnehmen will.

Die Angst, als Deutsche erkannt zu werden

Das ist kondensierte Geschichte. Die trostlose Wirklichkeit bestand häufig genug aus Sklavendiensten und Bettelei, Willkür und Missbrauch. Aus der Rückschau ist vielen die schlimmste Erinnerung, als Deutsche erkannt zu werden. "Lauf, fang die Hitlers", mit solchen Tiraden mussten sie groß werden.

Erst nach 1990 konnten die Wolfskinder ihren Erinnerungen einigermaßen freien Lauf lassen. 1990 wurde in Vilnius der Verein "Edelweiß-Wolfskinder" gegründet, der wenige deutsche Mäzene fand. Die deutsche Bürokratie verweigerte deutsche Staatsbürgerschaft und Rentenzahlungen. Eine kleine Rente kommt aus Litauen.

Erst die Einladung einer Gruppe durch den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff brachte 2011 die Wolfskinder auf die Agenda des Erinnerungsdiskurses. Seitdem wird über das Thema etwa im Rahmen der Bundesvertriebenenstiftung diskutiert. Und die Forderung des Vorsitzenden der Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten der Unions-Fraktion im Bundestag, Klaus Brähmig, nach einer wissenschaftlichen Aufarbeitung trägt Früchte. In Greifswald wird jetzt ein Anfang gemacht.

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