16.11.12

Psychologie

Druck, Kritik, Gewalt – Wenn Lehrer gemobbt werden

Wenn Lehrer zu Opfern von Mobbing werden, geht es weniger um Unflätigkeiten von Schülern gegenüber den "Paukern". Denn die Täter sitzen meist in einem Lehrerzimmer.

Foto: Infografik Die Welt

Die Lehrer wurden befragt, wie oft sie sich gemobbt fühlen.

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Professor Reinhold Jäger von der Universität Koblenz-Landau hat sich in einer Befragung des Mobbings von Lehrern angenommen. 1831 Pädagogen berichteten von ihren Erfahrungen in den zurückliegenden zwei Monaten.

Das Ergebnis: 17,4 Prozent der Lehrer fühlen sich gemobbt. Bei 54 Prozent der Betroffenen war es die Schulleitung, von der sie sich gemobbt fühlten, bei 48 Prozent kam der Zoff von Kollegen. Platz 3 auf dem traurigen Mobber-Siegertreppchen nehmen die Eltern der Schüler ein. Die Hälfte der Antwortenden kam aus Bayern – das Thema könnte dort besondere Aufmerksamkeit genießen.

Bei der letzten Befragung über Mobbing am Arbeitsplatz in anderen Bereichen hatten 5,5 Prozent der Erwerbstätigen von verbalen und heimlichen Attacken berichtet. Diese Studie ist inzwischen zehn Jahre alt. Die technische Entwicklung spielt seither dem Mobber in die Hände: Über Handy, Internet, Mails und Chats lassen sich Bösartigkeiten hinterrücks verbreiten oder Opfer verfolgen.

Ausgeschlossen aus dem Kollegium

Das direkte Mobbing ist da weniger subtil: Körperliche Aggression, verbale Attacken und ein Ausschließen aus dem Kollegium machen vielen Opfern zu schaffen.

Die gute Nachricht: Nur acht Prozent der Lehrer waren in den zwei Monaten Opfer von Mobbing im Internet geworden. Die schlechte: In der realen Welt konnten das nur 59 Prozent von sich behaupten. Zwölf Prozent der Befragten fühlten sich sogar mehr als viermal im Monat gemobbt. Und: Das Risiko, Opfer von direktem Mobbing zu werden, ist für Frauen im Lehrerberuf 38 Prozent höher als für Männer.

Jäger untersuchte auch, ob den Lehrern eine Fortbildung zum Thema Mobbing hilft. Das ist jedoch nicht der Fall: Die Wahrscheinlichkeit, Opfer zu werden, ist mit und ohne Weiterbildung fast gleich hoch. "Manche Fortbildungen könnten zu allgemein und für die Teilnehmer nicht konkret genug sein", schätzt Jäger ein. Wenn für die Schüler allerdings konkrete Präventionsprogramme wie Faustlos oder Streitschlichtung etabliert sind, leben die Lehrer sicherer: Ohne diese Maßnahmen ist die Wahrscheinlichkeit, Opfer zu werden, mehr als doppelt so hoch.

Je größer die Schule, desto größer das Risiko

Ob ein Lehrer in die Mobbing-Falle läuft oder nicht, hängt von der Größe der Schule ab. Das ist für Reinhold Jäger wenig überraschend: Je größer eine Schule ist, umso mehr Lehrer gibt es – und damit mehr potenzielle Mobbing-Täter. Die Schulform ist dann aber interessant: In der Primarstufe tritt direktes Mobbing um 28 Prozent häufiger auf als in Sekundarstufe I und II.

Für junge Lehrer ist das Mobbing-Risiko deutlich kleiner. Wer dann aber mehr als 22 Jahre lang vor Klassen steht, hat ein um 56 Prozent erhöhtes Risiko.

Davon fühlen sich Lehrer vor allem gemobbt:

  • von anderen schlecht gemacht werden: 54,7 Prozent
  • unter Druck gesetzt werden: 54,7 Prozent
  • ignoriert werden: 46,9 Prozent
  • von anderen ausgegrenzt werden: 46,7 Prozent
  • wegen der Arbeit kritisiert werden: 54,4 Prozent

Nicht immer behalten die gemobbten Lehrer die Nerven: Sie reagieren schon mal mit Weinen, wehren sich körperlich, schreien, drohen Schläge an oder beschimpfen und beleidigen den Angreifer. Die zweithäufigste angegebene Reaktion aber war Fassungslosigkeit: "Ich wusste nicht, was ich tun sollte".

Ankündigung von Sanktionen muss sein

Für Reinhold Jäger steht fest: Eine Reaktion ohne die Ankündigung von Sanktionen bleibt relativ wirkungslos. Räumt der Lehrer das Feld, könnte er den Angreifer damit weiter herausfordern. Denn dieser könnte dann glauben, einen wunden Punkt getroffen und damit sein Ziel erreicht zu haben. Die Androhung körperlicher Gewalt dagegen ist keine Lösung, sie wird zum Bumerang: Hier droht ein juristisches Nachspiel.

Die Mobbing-Opfer suchen Rat vor allem beim Partner oder Freunden. Sie informieren Kollegen über die Attacke, lesen sich Wissen im Internet und in Büchern an und tauschen sich mit ebenfalls Betroffenen aus. Professionelle Hilfen vom schulpsychologischen Dienst, von Beratungshotlines oder der Polizei werden dagegen am seltensten in Anspruch genommen.

Jäger fordert: Künftige Lehrkräfte sollten schon vor Beginn und während des Lehramtsstudiums auf Anforderungen in der Schule vorbereitet werden – damit sie nicht von der Realität überwältigt werden.

"Mobbing ,passiert' nicht einfach so, sondern wird verursacht", heißt es bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Die Behörde erklärt: "Dort, wo der Personalentwicklung wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, wo die Arbeit schlecht organisiert ist, wo das Betriebs- und Arbeitsklima schlecht ist, kann Mobbing gut gedeihen" Habe sich Mobbing im Betrieb erst einmal festgesetzt, werde man es nur schwer wieder los.

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Lehre(r) in Zeiten der Bildungspanik

Mittel gegen Mobbing
  • Transparenz

    Entscheidungen und Arbeitsabläufe sollten für alle Beteiligten transparent sein.

  • Aufgabenstellungen

    Die Aufgabenstellungen im gesamten Unternehmen müssen von Zeit zu Zeit kritisch überprüft werden.

  • Hierarchien

    Starre Hierarchien abbauen, flache Hierarchien einführen!

  • Vorschläge

    Ein betriebliches Vorschlagwesen ist hilfreich.

  • Qualifizierung

    Mitarbeiter müssen für ihre Aufgaben entsprechend qualifiziert werden.

  • Eigenheiten

    Individuelle Bedürfnisse bei Stellenbesetzungen berücksichtigen und die Persönlichkeitsentwicklung der Mitarbeiter fördern

  • Veränderungen

    Veränderte Betriebsabläufe sollten rechtzeitig kommuniziert und Mitarbeiter an sie betreffende Entscheidungen beteiligt werden.

  • Wertschätzen

    Die Arbeit sollte so gestaltet werden, dass sich die Mitarbeiter als Ganzes einbringen können. Routinetätigkeiten lassen sich auf mehrere Beschäftigte verteilen.

  • Chefs

    Die Firma sollte Vorgesetzte auch danach auswählen, wie gut sie Konflikte lösen können.

  • Quelle

    Das Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat eine Broschüre „Wenn aus Kollegen Feinde werden“ herausgegeben.

  • Weiterlesen

    Von der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz gibt es ein Faktenblatt zum Thema.

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