13.11.12

Menschenhandel

95.847 Mark verlangte die DDR für einen Häftling

Mehr als 3,5 Milliarden Mark zahlte die Bundesrepublik, um insgesamt 33.755 Häftlinge aus der DDR frei zu bekommen. Ein neues Buch dokumentiert den Sklavenhandel des SED-Regimes.

Von Sven Felix Kellerhoff
Foto: BStU
In dieser Form listete die Stasi die Einnahmen durch den Freikauf von Botschaftsflüchtlingen auf. "Bo" steht für Botschaftsflüchtlinge, "FS" offenbar für "Festsetzungen", die jeweils nur 8000 Mark brachten
In dieser Form listete die Stasi die Einnahmen durch den Freikauf von Botschaftsflüchtlingen auf. "Bo" steht für Botschaftsflüchtlinge, "FS" offenbar für "Festsetzungen", die jeweils nur 8000 Mark brachten

Wie viel ist ein Menschenleben in Freiheit wert? Ziemlich genau 100.000 Mark. So jedenfalls lautete die brutal-nüchterne Antwort, die ein Vierteljahrhundert lang DDR und SED auf diese Frage gegeben haben. Der Freikauf von politischen Häftlingen aus praktisch immer menschenunwürdigen Haftbedingungen in die Freiheit der Bundesrepublik ist ein gleichzeitig glänzendes uns düsteres Kapitel der deutsch-deutschen Teilung.

Jetzt haben die Deutsche Gesellschaft e. V. und die "Bild"-Zeitung ein überaus lesenswertes Buch über diese in der heutigen Öffentlichkeit fast vergessene Geschichte veröffentlicht. Insgesamt 33.755 Insassen von DDR-Gefängnissen kamen zwischen 1964 und 1989 für eine Gesamtsumme von 3,5 Milliarden Mark frei; ein großer Teil davon wurde in Sachleistungen für die stets klamme und unter sozialistischem Mangel leidende DDR erbracht.

Der Menschenhandel, den auf Ostseite durchgängig der Rechtsanwalt und Honecker-Vertraute Wolfgang Vogel abwickelte, war ein äußerst diffizieles Geschäft. Denn auch wenn die westlichen Unterhändler wie der Ministerialbeamte Ludwig Rehlinger oder der West-Berliner Rechtsanwalt Reymar von Wedel stets nur das Beste im Sinn hatten, arbeiteten sie immer in der Gefahr, von Vogel und seinem Stasi-Aufpasser Oberst Heinz Volpert in einen trüben Sumpf herabgezogen zu werden.

Das Geschäft begann bereits 1962

Der Freikauf begann schon anderthalb Jahre nach dem Bau der Mauer; der innerdeutsche Handel, ohne den die DDR niemals lebensfähig gewesen wäre, war ohnehin fast unbeeinflusst von den Ereignissen des 13. August 1961 weitergegangen. Die ersten 20 Häftlinge kamen zu Weihnachten 1962 gegen die Lieferung von Kali für die ostdeutsche Industrie frei. Doch das blieb zunächst ein Einzelfall. Denn obwohl die Stasi versuchte, rasch an dieses erste Geschäft anzuknüpfen, dauerte es Monate bis zum nächsten "Deal".

Tausend Häftlinge hatte das SED-Regime angeboten. Doch als Rehlinger die entsprechende Liste fertig hatte, eine furchtbare Aufgabe übrigens, stockten die Verhandlungen. So kamen Ende 1963 zunächst nur acht Verurteilte frei. Im folgenden Jahr waren es dann schon fast 900 Häftlinge, 1965 sogar mehr als 1500. Allerdings brach die Zahl dann bis auf 424 ein und schwankte in den folgenden anderthalb Jahrzehnte zwischen 600 und 1500 politischen Gefangenen im Jahr. 1984/85 bezahlte die Bundesregierung für die Freiheit von zusammen fast 5000 DDR-Bürgern.

Die Stärke des reich bebilderten Bandes, der neben Stasi-Akten auf vielen bislang unzugänglichen Unterlagen aus bundesdeutschen Beständen beruht, sind aber die eingeflochtenen menschlichen Geschichten. Viele davon werden zum ersten Mal erzählt. Die drei Autoren Andreas Apelt, Ralf Georg Reuth und Hans Wilhelm Saure lassen durch die Beschreibung individueller Schicksale die Unmenschlichkeit dieses modernen Sklavenhandels nachvollziehbar werden.

Eingesperrt für eine Meinung

Ute Franke zum Beispiel träumte mit Anfang Zwanzig noch davon, die DDR zu einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz reformieren zu können. Deshalb verbreiteten ihre Freunde und sie mit Kinderstempeln einzelne Passagen aus Rudolf Bahros in der DDR verbotenem Buch "Die Alternative" und verbreiteten sie. Der Autor, ein ehemaliger SED-Kader, saß längst in der Stasi-Haftanstalt Bauzten II, als Uta Franke festgenommen wurde.

"Staatsfeindliche Hetze" lautete der Vorwurf, obwohl sie nur das in Artikel 27 der DDR-Verfassung verbriefte Recht auf freie Meinungsäußerung wahrgenommen hatte. Allerdings galt dieses Recht nur "den Grundsätzen dieser Verfassung gemäß" – Kritik an der totalen Macht der SED war also untersagt. Auf elf Monate Untersuchungshaft folgte die Verurteilung zu 28 Monaten Gefängnis – weil sie der "ideologischen Diversion des Klassengegners auf dem Boden der DDR" zugearbeitet habe. Sie kommt in das berüchtigte Frauengefängnis Hoheneck, wo sie auch Zwangsarbeit leisten musste: Nähen für den Klassenfeind, Bett- und andere Wäsche, die bei westdeutschen Versandhäusern billig verkauft wird.

Allein für den Wunsch zu flüchten wanderte Kirsten Israel ins Gefängnis. Die junge Potsdamerin hatte nichts getan – ihr Freund im Westen hatte Kontakt zu einem kommerziellen Fluchthelfer aufgenommen. Doch die geplante Aktion kam nie zustande, weil der vermeintlich Helfer in Wirklichkeit ein Stasi-Spitzel war. Trotzdem wurde die 22-Jährige wegen "versuchter Republikflucht" und "ungesetzlicher Verbindungsaufnahme" zu 27 Monaten Haft verurteilt und ebenfalls nach Hoheneck gebracht. Nach knapp elf Monaten kann sie die DDR verlassen.

Schicksale wie diese werden in dem Band reihenweise geschildert, eines ist erschütternder als das andere. Zahlreiche Dokumente und Fotos zeigen die Akteure dieses ungleichen Handels, bei dem die DDR mit dem Leben von Menschen spielte und die Bundesregierung faktisch erpresste. Wolfgang Vogel, der vermeintliche Unterhändler in "humanitären Fragen", genoss seine Macht über Menschen und das extrem hohe steuerfreie Einkommen von bis 1,3 Millionen Westmark im Jahr.

Ein "Kopfpreis" wird festgelegt

Nachdem ein Dutzend Jahre lang über den "Preis" jedes einzelnen Gefangenen geschachert worden war, angeblich als Erstattung der Ausbildungskosten, einigte man sich 1977 auf eine Summe von 95.847 Mark pro Person. Die krumme Zahl sollte davon ablenken, dass es sich um eine Kopfpauschale handelte. Übrigens versuchte Vogel wiederholt, der Bundesrepublik anstelle von politischen Gefangenen Kriminelle zu verkaufen. Nicht in allen Fällen dürfte das rechtzeitig entdeckt worden sein. Der Rechtsanwalt und Stasi-IM war ein moderner Sklavenhändler.

Dennoch konnte Wolfgang Vogel in den Neunzigerjahren nicht juristisch zur Rechenschaft gezogen werden, sondern wurde in letzter Instanz wegen des Hauptvorwurfes freigesprochen. Sogar integre Politiker wie der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt und der frühere Außenminister Hans Dietrich Genscher setzten sich für ihn ein. Vielleicht fürchteten sie, Vogel könne belastende Details aus Verhandlungen verraten. Vielleicht aber hatten sie durch ihre Kontakte mit dem charmanten, jedoch schmierigen Anwalt auch verlernt, dass er der Handlanger eines skrupellosen Unrechtsstaates war.

Die Verhandlungsführer auf Westseite handelten, mit wenigen Ausnahmen wie dem dreieinhalb Jahren Haft wegen Unterschlagung verurteilten Ministerialdirektor Edgar Hirt, nach bestem Wissen und Gewissen. Sie setzten beträchtliche Steuermittel ein, um das Schicksal wenigsten von einigen der vielen tausend Insassen der DDR-Gefängnisse zu lindern. An dieses wichtige Kapitel der deutsch-deutschen Teilung erinnert das Buch "Freigekauft" auf eindrucksvolle Weise.

Foto: Brunk Foto giessen
Zwei Busse mit freigekauften Häftlingen überqueren die innerdeutsche Grenze nach der Kontrolle. Ihnen folgt der Anwalt Wolfgang Vogel in seinem berühmt-berüchtigten goldenen Mercedes (hier halb verdeckt)
Zwei Busse mit freigekauften Häftlingen überqueren die innerdeutsche Grenze nach der Kontrolle. Ihnen folgt der Anwalt Wolfgang Vogel in seinem berühmt-berüchtigten goldenen Mercedes (hier halb verdeckt)
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