12.11.12

Online-Datenbank

Warum das Gänseblümchen ins Lexikon muss

Mit der Datenbank "EOL" planen Forscher eine umfassende Bestandsaufnahme der Natur. Bisher sind 1,1 Millionen Arten erfasst – manche sogar mit Videos. Alles ist online frei zugänglich.

Foto: picture-alliance

Das Gänseblümchen ist gleich mit elf Bezeichnungen im Lexikon allen Lebens vertreten
Das Gänseblümchen ist gleich mit elf Bezeichnungen im Lexikon allen Lebens vertreten

Der schwedische Naturforscher Carl von Linné hätte seine Freude gehabt: Vor mehr als 250 Jahren versuchte er als erster Wissenschaftler, alle Schöpfungen der Natur systematisch zu kategorisieren. Sämtliche damals bekannten Mineralien, Pflanzen und Tiere wollte er in seinen beiden Werken "Species Plantarum" und "Systema Naturæ" beschreiben, veröffentlicht in den Jahren 1753 und 1753.

Nun soll eine Datenbank im Internet Ähnliches leisten – für absolut alles, was kreucht, fleucht und wächst auf Erden. Das Mammutprojekt "Encyclopedia of Life" (EOL) ist als Online-Datenbank kostenlos zugänglich und umfasst mittlerweile etwa 1,1 Millionen Arten.

Eine enorme Zahl, doch das Ziel ist damit noch längst nicht erreicht: Rund 1,9 Millionen Tier- und Pflanzenarten sind derzeit in wissenschaftlichen Veröffentlichungen beschrieben, schätzen Experten. Drei bis zehn Mal so viele könnte es insgesamt geben – und dabei sind die Mikroorganismen nur am Rande berücksichtigt. "Es ist schon eine außerordentlich stattliche Anzahl von Organismen erfasst", sagt Georg Zizka, Professor für Diversität und Evolution Höherer Pflanzen, tätig am Senckenberg Forschungsinstitut und am Naturmuseum Frankfurt.

Server vom Ansturm lahmgelegt

Positiv zu vermerken sei, dass sonst eher unterrepräsentierte Organismengruppen wie etwa die afrikanischen Gräser Eingang in das Lexikon des Lebens fänden. "Ich bin positiv überrascht, was da zum Beispiel an Fotos zur Verfügung steht", sagt er.

Gut vier Jahre ist es her, dass die "Encyclopedia of Life" unter http://eol.org erstmals freigeschaltet wurde. Zwei US-Stiftungen und mehrere Forschungsinstitutionen finanzieren das Projekt. Rund 30.000 Einträge gab es zum Start im Februar 2008 – doch der Server brach unter dem Ansturm Neugieriger für Stunden zusammen. Mittlerweile wird daran gearbeitet, Unterseiten für verschiedene Regionen aufzubauen – zum Beispiel für Deutschland.

"Derzeit laufen Gespräche um die Finanzierung", sagt Christoph Häuser vom Museum für Naturkunde in Berlin. Ziel sei es, das Angebot Anfang nächsten Jahres starten zu lassen. "Die Datenbank entwickelt sich sehr gut", lobt Häuser. Andere Datenbanken für spezielle Organismengruppen böten zwar mitunter ausführliche Beschreibungen, seien aber oft weniger systematisch komplettiert. EOL werde zudem fachlich meist sehr gut kontrolliert.

"Die Verlässlichkeit scheint groß", sagt auch Zizka. Verweise auf Fachliteratur und Standard-Nachschlagewerke seien angegeben, und für die Verbreitungskarten der einzelnen Arten greife EOL auf die weltweit anerkannte Datenbank "Global Biodiversity Information Facility" (GBIF) zu.

Elf Bezeichnungen für das Gänseblümchen

Dort sind fast 400 Millionen Sichtungsdaten für Tier- und Pflanzenarten erfasst. Neben der Karte bietet EOL Informationen zu Klassifizierung, Verhalten, Aussehen, Gefährdungsstatus, umgangssprachlichem Namen in etlichen Sprachen und gegebenenfalls zu Mehrfachbenennungen. Für das Gänseblümchen zum Beispiel lautet der bevorzugte Fachname Bellis perennis L., es gibt aber noch mehr als zehn weitere Bezeichnungen wie Erigeron perennis und Aster bellis E.H.L.Krause. Erfasst seien diese in solchen Fällen aber als eine Art, betont Häuser.

"EOL hat den Anspruch, dieselbe Art unter verschiedenen Namen nicht mehrfach zu zählen." Noch ist der Informationsgehalt verschieden – mitunter sind für eine Art nur die Hierarchie im Stammbaum und zwei, drei Verbreitungsdaten erfasst, für eine andere gibt es neben Bildern sogar Videos oder Tonaufnahmen.

Mitmachen kann wie beim Online-Lexikon Wikipedia prinzipiell jeder. Die Angaben werden aber anschließend von Bearbeitern mit taxonomischem Wissen geprüft. "Es machen auch einige Mitarbeiter unseres Museums mit", sagt Häuser.

Frist von zehn Jahren

Vorwiegend aber werden die Informationen anderer Datenbanken wie "Fishbase" oder "Amphibianet" genutzt. Mehr als 200 Partner sind es inzwischen. Eine Frist von zehn Jahren hatte sich EOL zum Start für die Erfassung aller bekannter Arten gesetzt. Komplett fertig wird der Gesamtkatalog aller Lebensformen aber auch dann so schnell wohl nicht werden: Es werden ständig neue Arten entdeckt und beschrieben – darunter selbst Affen oder andere größere Tiere.

Statistisch gesehen bestimmen Biologen etwa jede halbe Stunde eine Art. Beim Namen wird dabei auf ein lange bewährtes Verfahren zurückgegriffen: das von Carl von Linné im 18. Jahrhundert festgelegte Ordnungssystem der Natur. Zur Zeit Linnés herrschte Chaos statt System – Arten wurden nicht mit prägnanten, eindeutigen Namen bezeichnet, sondern mit einer Aneinanderreihung der wichtigsten Merkmale – und die konnte mitunter durchaus auch etliche Zeilen lang sein.

Verstärkt wurde das Problem, als von Entdeckungsfahrten in alle Teile der Erde zahlreiche exotische Arten mitgebracht wurden. In dieser Phase des absoluten Durcheinanders brachte Linné seine Ideen ein. Der am 23. Mai 1707 als Sohn eines Pastors im südschwedischen Örtchen Råshult geborene Wissenschaftler führte eine aus nur zwei lateinischen Worten zusammengefügte Bezeichnung ein. Dabei bezeichnete der erste Begriff die Gattung, der zweite die jeweilige Art.

Einteilung mit Bestand bis heute

Diese binäre Nomenklatur war aber nicht Linnés Entdeckung. Schon vor ihm hatten Forscher sie hin und wieder in ihren Aufsätzen verwendet, aber eben nie mit Methode. Die Ambitionen des umtriebigen Schweden reichten noch viel weiter: Er schuf ein hierarchisches Grundsystem, in das alle Pflanzen und Tiere eingeordnet werden konnten.

Auch diese Einteilung in Klasse, Ordnung, Gattung, Art und Varietät – inzwischen als Unterart bezeichnet – hat bis heute Bestand. Sie bildet auch das Grundgerüst der "Encyclopedia of Life". Für Wissenschaftler sei die Datenbank ein sehr nützliches Recherchewerkzeug, sagt Zizka. Für einen Doktoranden etwa, der in einem Gebiet in Afrika drei unter 400 Arten in einem Gebiet untersuchen solle, seien schnelle Prüfungen anhand der aufgeführten Bilder und Belege außerordentlich hilfreich. "Und das wird sich noch stark weiterentwickeln, je mehr in der Datenbank drin ist."

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