Militärgeschichte

Deutschlands größte Feldherrn – nach einer US-Liste

Ein amerikanisches Magazin fragt nach den "größten deutschen Feldherrn". Der Historiker Robert M. Citino versucht eine Antwort. Sieben Preußen führen die Liste an. Drei Generäle Hitlers folgen.

Von Matthias Heine
Foto: picture-alliance / akg-images

In der preußisch-deutschen Militärgeschichte erkennt der amerikanische Historiker Robert M. Citino das „Genie des Krieges“ – Friedrich der Große in der Schlacht von Zorndorf 1758 (nach Carl Röchling). Seine Top 10:

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Solche Fragen können wohl nur Amerikaner stellen: Ein Leser des amerikanischen Magazins "MHG" ("The Quarterly Journal of Military History") wollte wissen, wer die zehn größten deutschen Feldherrn waren. Eine ernsthafte Antwort gab tatsächlich Robert M. Citino, Professor für europäische Geschichte an der University of North Texas und Autor eines Buches mit dem schönen Titel "The German Way of War".

Hitler, der von seiner Entourage bekanntlich als "Größter Feldherr aller Zeiten" gefeiert und als "Gröfaz" verspottet wurde, fehlt übrigens. Bekannte Namen wie Hindenburg oder Rommel sind ebenfalls nicht dabei.

Auch der Herzog Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig, den immerhin Friedrich der Große als größten Feldherrn des 18. Jahrhundert feierte, fehlt – seine Erfolge im Siebenjährigen Krieg wurden vielleicht allzu sehr nachträglich verdunkelt durch die Misserfolge in den Kriegen gegen das revolutionäre und kaiserliche Frankreich (Kanonade von Valmy, Jena und Auerstedt).

Aus protestantischer Sicht interessant: Unter den zehn Top-Feldherrn ist anscheinend kein einziger Katholik. Das hat sicherlich mit der Frage des amerikanischen Lesers zu tun, der seinen Zeitraum von vornherein auf die Zeit von Friedrich dem Großen bis 1945 eingeschränkt hatte. Citino hat seine Liste dann zwar bis zur Zeit des Großen Kurfürsten erweitert – aber trotzdem fallen damit Tilly oder Wallenstein, die kaiserlichen Feldherrn des Dreißigjährigen Krieges, aus.

Kein österreichischer Feldherr

Außerdem hat Citino alle Österreicher weggelassen, deren Herrscher immerhin bis 1806 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gewesen sind. Andererseits kam der größte österreichische Feldherr aller Zeiten, Prinz Eugen, ja ohnehin aus dem französisch-italienischen Grenzland.

Die Liste zeigt eine starke Konzentration auf die preußisch-deutsche Militärgeschichte, in der Citino das "Genie des Krieges" recht eigentlich erschienen glaubt. Ja man könnte sie in ihrer handwerklich-technizistischen Naivität als Beleg für die These nehmen, dass Preußen eben doch der "Träger des Militarismus" gewesen ist, als der es 1947 von den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs aufgelöst wurde. Zwei Herrscher (Friedrich der Große, der Große Kurfürst) und fünf preußische Generäle (Moltke d. Ä., Blücher, Prinz Friedrich Karl, Seydlitz, Derfflinger) führen die Liste an, denen zwei Generäle aus preußischen Generalsfamilien (Manstein, Mackensen) folgen. Erst auf Platz zehn kommt ein bürgerlicher Aufsteiger, der sich bezeichnenderweise einer Waffe widmete, die Preußens Generälen lange suspekt war: Guderian, der Theoretiker und Praktiker des weiträumig geführten Panzerkrieges.

Derartige Listen gelten hierzulande seit Hitlers Krieg als höchst suspekt. "Das Wirken eines Generals im deutsch-sowjetischen Krieg wird heute fast ausschließlich danach bewertet, wie viele Kriegsgefangene und Zivilisten in seinem Befehlsbereich verhungert oder umgebracht wurden", konstantiert der Militärhistoriker Johannes Hürter. "Dagegen wird nach der militärischen Bewährung und Leistung nicht mehr gefragt."

Wegen Kriegsverbrechen verurteilt

Auch Citino kann sich offenbar derartigen Kategorien nicht entziehen, wenn er Preußens Feldherrn deutlich vor denen Hitlers platziert. Manstein, der den "Sichelschnitt"-Plan von Hitlers Feldzug entwarf und später weite Teile der Ostfront befehligte, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wegen Kriegsverbrechen zu 18 Jahren, Mackensen gar zum Tode verurteilt (beide wurden nach wenigen Jahren begnadigt). Guderian gehörte dem "Ehrenhof" an, der nach dem 20. Juli 1944 zahlreiche Offiziere aus der Wehrmacht ausstieß und sie damit Freislers Volksgerichtshof überantwortete. Als Vorbilder für demokratische Armeen sind sie desavouiert.

Erstaunlich ist immerhin, dass Citino mit Eberhard von Mackensen wegen seines "Geschwindigkeitsrekords" in der Kesselschlacht von Charkow im Mai 1942 den Sohn dem Vater vorzieht. August von Mackensen war ein kaiserlicher Feldmarschall, dem im Ersten Weltkrieg nicht nur der größte operative Durchbruch gelang, als er die russische Front bei Gorlice-Tarnów 1915 durchbrach. Sondern ihm gelang es auch, 1916 Rumänien binnen weniger Wochen zu erobern. In der Weimarer Republik diente er sich als Galionsfigur ihren konservativen Gegnern an. Gleichwohl ragten August von Mackensens operative Leistungen ungleich deutlicher aus ihrer Zeit heraus als die Kriegführung seines Sohnes, die sich kaum von der eines Rommel oder Hoth unterschied.

Doch solche Debatten sind in Deutschland heutzutage auf Militärs oder Hobby-Historiker beschränkt. Um Kriegsgeschichte in Listen zu fassen, muss man nach Amerika gehen.

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