11.11.12

Falling-Walls-Tagung

Sauerkrautsaft gegen den Klimawandel

Zum Jahrestag des Mauerfalls fand in Berlin ein ungewöhnlicher Wissenschaftskongress statt. 20 Vordenker aus aller Welt erklärten, welche wissenschaftlichen Durchbrüche unser Leben verändern werden.

Foto: picture alliance / WILDLIFE

Geckos sind für ihre Fähigkeit berühmt, auch an Wänden und Decken laufen zu können. Forscher lassen sich von den Geckos inspirieren, wenn sie technisch eine große Haftkraft erzeugen möchten
Geckos sind für ihre Fähigkeit berühmt, auch an Wänden und Decken laufen zu können. Forscher lassen sich von den Geckos inspirieren, wenn sie technisch eine große Haftkraft erzeugen möchten

Wenn auf der Bühne mit Radieschen, Kohlrabi und Paprika jongliert wird oder das Publikum während eines Vortrags gefriergetrocknete Petersilie mit neuen Aromen knabbern darf, dann kann es sich nur um die Falling Walls Conference handeln. Sie ist in mehrfacher Hinsicht einzigartig: Zum einen findet sie immer am 9. November statt – nunmehr bereits zum vierten Mal. Dieses Datum, der Tag des Mauerfalls in Berlin, ist Konzept.

Die Falling Walls Foundation sucht die vortragenden Wissenschaftler insbesondere nach dem Kriterium aus, dass ihre Forschung das Potenzial für bahnbrechende Erkenntnisse hat – mit denen gleichsam bestehende Mauern eingerissen werden. Diese Metapher ist der rote Faden der Konferenz. Dieser erinnert natürlich auch an das historische Ereignis vor 23 Jahren. Und so lässt es sich der Initiator Professor Sebastian Turner nicht nehmen, bei der Begrüßung darauf hinzuweisen, dass die Tagungsteilnehmer hier im Saal des Berliner Radialsystems seinerzeit mitten im Todesstreifen gesessen hätten.

Jeder durfte nur 15 Minuten reden

Zum anderen ist die Kürze der Präsentationen ein Alleinstellungsmerkmal dieser Konferenz. Jedem der 20 vortragenden Experten werden nur 15 Minuten zugestanden – nach 14 Minuten warnt die Lautsprecheranlage mit einem deutlich wahrnehmbaren Räuspern vor dem Ablauf der Redezeit. Ist sie erreicht, sorgt ein Künstler direkt neben dem Wissenschaftler mit allerlei Späßen dafür, dass jeder Vortragende auf charmante Weise, aber sehr wirksam, am Weiterreden gehindert wird.

Die Falling Walls Conference ist extrem interdisziplinär und geht sogar noch über den ohnehin schon weiten Bereich der Naturwissenschaften und Medizin hinaus. So sprach etwa Daniel Libeskind darüber, wie Architektur neues Denken fördern könne, und der Künstler Tomas Saraceno entführte die Tagungsteilnehmer in seine fantastische Welt der fliegenden Städte. Von jedem Redner erfährt man vorab, wo und wie er oder sie den Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 erlebt hat.

"Die Quantencomputer werden kommen"

Die Falling Walls Conference beweist: Wissenschaft lässt sich verständlich, ja erlebbar machen, und die gesellschaftlich relevanten Konsequenzen der Forschungsergebnisse können kurz und bündig in 15 Minuten vermittelt werden. Man möchte da geradezu sagen: Wer das nicht in einer Viertelstunde schafft, dem gelingt es wohl auch in einer Stunde nicht. Insofern könnte manch andere Konferenz von diesem Zeitmanagement profitieren.

Professor David Awschalom von der University of California in Santa Barbara war der erste Wissenschaftler, der auf der Falling Walls Conference an das Rednerpult trat. Er entwickelt eine neue Form der Elektronik – die sogenannte Spintronic, bei der Daten durch die Spins von Elektronen repräsentiert werden. Da diese Spins neben den beiden Zuständen "0" und "1" unter bestimmten Umständen auch Mischzustände aus "0" und "1" annehmen können, lässt sich damit eine neue Form von Computern entwickeln: Quantencomputer. Awschaloms Botschaft ist klar: "Die Quantencomputer werden kommen." Das sei nur noch eine Frage der Zeit. Und es lohnt sich, schon heute darüber nachzudenken, wie diese künftigen Supercomputer Wissenschaft und Gesellschaft verändern werden.

1000 Mal fester als Stahl

Von der Entwicklung neuer Werkstoffe mit fantastischen Eigenschaften berichtete Professor Nicola Pugno vom Turiner Politechnikum. Bisweilen lassen sich Materialforscher von biologischen Vorbildern inspirieren. Pugno präsentierte vier Beispiele von Supermaterialien. Spinnenfäden sind das robusteste Material, das sogar den Wunderwerkstoff Kevlar noch übertrifft. Von Spinnen zu lernen sei also keine schlechte Idee. Das stärkste Material der Welt wurde indes im Labor entwickelt: Graphen. Diese Netzwerke aus Kohlenstoffatomen sind 1000 Mal fester als Stahl – und dabei extrem leicht.

Wie sich die stärksten Adhäsionskräfte erzeugen lassen, macht den Forschern der Gecko vor. Der kann mit seinen Füßen so fest auf einer Unterlage "kleben", dass man die zehnfache Kraft seines Körpergewichtes aufwenden muss, um ihn loszureißen. Auch beim Gegenteil von Kleben zeigt die Natur, wie es am besten geht: Feine Strukturen an den Oberflächen von Pflanzenblättern sorgen dafür, dass Wasser perfekt abperlt und Staubteilchen weggewaschen werden. Dieser Mechanismus der Selbstreinigung, auch bekannt als Lotus-Effekt, wird schon heute zum Beispiel bei Fassadenfarben genutzt. In den Labors arbeiten Forscher an einer Fülle neuer Materialien, die, davon ist Pugno überzeugt, unser Leben verändern werden.

Lebensstil kann Alzheimer verursachen

Professor Monique Breteler, die in Harvard und am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen tätig ist, präsentierte neue Erkenntnisse aus der Alzheimer-Forschung. Demnach spielen genetische Faktoren bei der Entstehung von Alzheimer eine geringere Rolle als bislang gedacht. Es sei vielmehr der Lebensstil, der darüber entscheide, ob jemand an dieser Demenz erkrankt oder nicht.

"Breaking the wall of bad taste" war der verheißungsvolle Titel des Vortrags von Professor Per Moller von der Universität Kopenhagen. Warum wir bestimmte Aromen mögen und wie sich geschmackliche Präferenzen verändern, sind spannende Fragen, die nicht nur die Lebensmittelindustrie interessiert. Kombiniert man etwa einen neuen Geschmacksstoff mit viel Fett, so werden ihn die Konsumenten sofort mögen. Reduziert man dann allmählich den Fettgehalt, so wird das neue Aroma schließlich auch ohne Fett akzeptiert.

100 Nachwuchsforscher mit pfiffigen Ideen

Am Vortag der Konferenz hatten 100 Nachwuchsforscher aus 38 Ländern beim Falling Walls Lab teilgenommen. Bei diesem Wettbewerb siegte der Schweizer Unternehmer Thomas Rippel von der Firma Organic Standard. Er hatte eine neue Methode entwickelt, um Treibhausgas-Emissionen von Kuhmist deutlich zu reduzieren: Man muss ihn schlicht mit Sauerkrautsaft und Pflanzenkohle anreichern.

Der zweite Preis ging an den Doktoranden Quirin Kainz von der Universität Regensburg. Der junge Chemiker überzeugte die Jury mit einer anwendungsreifen Lösung zur schnellen Reinigung von chemischen Produkten. Das Verfahren nutzt magnetische Nanopartikel. Die dritte Gewinnerin ist Mai-Thi Nguyen-Kim von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen. Sie hat Nano-Transponder entwickelt, die Zellwände von Tumorzellen gezielt durchbrechen können. Auf diese Weise lassen sich Wirkstoffe in das Innere dieser Zellen schleusen. Insgesamt zeigte sich die Jury des Falling Walls Lab begeister von der hohen Kreativität der jungen Wissenschaftler. Sie hatten bei dem Wettbewerb ihre Ergebnisse in drei Minuten präsentieren müssen. Früh übt sich, wer vielleicht später einmal als Wissenschaftler bei der Falling Walls Conference mit hoher Zeitdisziplin vortragen muss.

Schavan bekräftigt Lissabon-Strategie

Bundesforschungsministerin Annette Schavan setzte sich auf der Falling Walls Conference für stärkere Forschungsanstrengungen der EU ein. "Europa kann mehr – davon bin ich überzeugt", sagte Schavan, "in den nächsten Jahren wird sich entscheiden, ob es uns gelingt, Europa zu einem interessanten und relevanten Partner im globalen Netzwerk der Forschung zu präsentieren." Deshalb müsse auch das in der Lissabon-Strategie der EU verankerte Ziel, drei Prozent des EU-Inlandsproduktes für Forschung und Entwicklung auszugeben, fest im Blick bleiben.

Die Falling Walls Conference wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Die Arbeit der Stiftung Falling Walls Foundation wird von einer Vielzahl von wissenschaftlichen Einrichtungen unterstützt – unter anderem von der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech), der Leibniz-Gemeinschaft, der Helmholtz-Gemeinschaft, der Fraunhofer-Gesellschaft, der Max-Planck-Gesellschaft, dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, dem Deutschen Akademischen Auslandsdienst, der Körber-Stiftung, dem Lindauer Nobelpreisträgertreffen, Nationale Akademie der Wissenschaften(Leopoldina) und dem Europäischen Forschungsrat.

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