08.11.12

"Emergency Airdrop"

Innovatives Flugobjekt, inspiriert vom Ahornsamen

Wenn Adrienne Finzsch vom Balkon wieder und wieder etwas Richtung Erde segeln lässt, wundern sich ihre Nachbarn nicht mehr: Die Studentin hat schließlich für ihr Flugobjekt einen Preis bekommen.

Foto: dapd

Industriedesign-Studentin Adrienne Finzsch hat eine Papp-Konstruktion entwickelt, mit der in Krisengebieten Hilfsgüter aus Flugzeugen oder Hubschraubern abgeworfen werden können
Industriedesign-Studentin Adrienne Finzsch hat eine Papp-Konstruktion entwickelt, mit der in Krisengebieten Hilfsgüter aus Flugzeugen oder Hubschraubern abgeworfen werden können

Auf dem Balkon einer Freundin stand Adrienne Finzsch unzählige Male und ließ ein Flugobjekt mit drei Flügeln zur Erde segeln. Nachbarn waren verwundert, Fußgänger neugierig, Finzsch vor allem ausdauernd. Mehr als 500 Mal wiederholte sie den Vorgang, belud einen Karton mit Reis oder auch mit Marmeladengläsern und ließ ihn direkt unter den Flügeln in einer Halterung einrasten. Dann ließ sie ihn aus zehn Metern Höhe los. "Ich wollte sehen, wie die Nahrungsmittel unten ankommen", sagt sie. Finzsch war dabei, ein neues Abwurfsystem für Hilfsgüter aus der Luft zu entwickeln.

Ihr daraus entstandener "Emergency Airdrop" ist im Original vom Boden bis zur Flügelspitze zwei Meter hoch und könnte bis zu 60 Kilo fassen. Würde die Konstruktion eines Tages bei Hilfsgüterflügen über Krisengebieten eingesetzt, könnten bei optimaler Raumausnutzung in einem Transportflieger bis zu 33 Prozent mehr lebenswichtige Materialien zum Abwurf verstaut werden, berechnete Finzsch.

Relativ geringe Herstellungskosten

Für ihre Erfindung wurde die 25-jährige Industriedesign-Studentin mit einem internationalen Preis ausgezeichnet. Als Deutschland-Gewinnerin des britischen James Dyson Awards setzte sie sich gegen 50 Mitbewerber durch und erhält 1500 Euro. Nun tritt sie im internationalen Entscheid nochmals gegen die Besten aus weiteren 18 Ländern an und hat die Chance auf 22.000 Euro.

Finzsch ließ sich ihre Erfindung bereits für den deutschen Markt patentieren und arbeitet mit einem hessischen Spezialunternehmen für wasserfeste, extrem widerstandsfähige Pappe zusammen. "Der Emergency Airdrop könnte nach einem Schnittmuster mit einer Schablone gestanzt werden", sagt sie. Zwei Laschen müssten geklebt oder zusammengenietet werden. Die Herstellungskosten wären relativ gering. Weitere Tests würden sich anschließen.

Inspiriert vom Ahornsamen

Bei ihrer Erfindung ließ sich Finzsch vom "Schraubenflug eines Ahornsamens inspirieren", verrät sie. Der propellerartige Flügel am Samen nutze den Luftwiderstand als Auftrieb, um den Samen sicher zur Erde zu transportieren, erläutert Finzsch. Ihr Hilfscontainer mit drei Flügeln mache sich dabei genau diesen Effekt zueigen.

"Sobald der Airdrop in der Luft ist, öffnen sich die Flügel, der Airdrop beginnt sich zu drehen und nutzt den Auftrieb für eine schonende Landung." Ein doppelter Boden unter dem Container mit Nahrung, Medikamenten oder auch Wasser solle dabei den Aufprall abfedern. Daher könne der Container auch voll beladen werden, im Gegensatz zu anderen Abwurfsystemen, die nur zu zwei Dritteln beladen würden. Der Auftrieb und der doppelte Boden sollen selbst zerbrechliche Güter oder Wasser sicher landen lassen, wie sie sagt.

Verluste von bis zu vier Prozent

Finzsch stieß durch ihr Vordiplom auf Hilfsgütertransporte aus der Luft. "Wir sollten etwas zum Thema 'Fliegen' konstruieren", erzählt Adrienne Finzsch. Bei ihrer Recherche im Internet habe sie dann Berichte über den Abwurf von Hilfskontainern über Haiti oder Afghanistan gefunden. Da werde von abgeworfenen Reis- oder Mehlsäcke berichtet, die mehrfach zusammengenäht, in Plastik- und Jütesäcke verpackt und auf Paletten geschnürt seien. Und trotzdem würden viele von ihnen beim Aufprall auf den Boden reißen.

Die Menschen müssten die Materialien in solchen Fällen wieder einsammeln, beklagt Ralf Südhoff, Leiter des Welternährungsprogamms "World Food" in Berlin. Bei den aktuellen Hilfsgutabwürfen über dem Südsudan gingen dennoch drei bis vier Prozent der Nahrungsmittel verloren.

Abwürfe mit Fallschirmen seien hingegen relativ teuer, zumal die Fallschirme meist nicht wiederverwendet werden können, führt Finzsch weiter aus. Zudem sei es möglich, dass der Wind die Güter aus der Zone heraustreibe, wo sie abgeworfen werden sollen und sie von der notleidenden Bevölkerung nicht gefunden werden.

Teure Versorgung aus der Luft

Zwar gebe es auch GPS-gesteuerte Abwurfsysteme, sagt Finzsch. Aber die würden die Kosten eines Hilfstransportes noch erhöhen. Selbst ohne diese Technik ist der Abwurf von Lebensmitteln viel teurer als ein Transport über Land. Der Abwurf einer Tonne Lebensmittel ohne Fallschirme kostet 1600 Dollar – doppelt so viel wie beim Landweg, sagt Südhoff.

Umso wichtiger sei es deshalb, so Finzsch, den Platz im Flugzeug optimal zu nutzen. Und beim Abwurf sollte es möglichst keine Verluste geben.

Quelle: dapd
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