08.11.12

Weltreiche

Das amerikanische Imperium muss nicht untergehen

Das Imperium ist kein Auslaufmodell der Geschichte, sondern hat Zukunftspotenzial. Vorausgesetzt, es findet Strategien, seine Menschen zu integrieren. Bestes Beispiel ist die Europäische Union.

Von Berthold Seewald
Foto: picture alliance / dpa

 „Eine Nation, die vom stärksten Militär der Erde verteidigt wird“: So beschrieb Barack Obama Amerikas Militärmacht am Tag seiner Wiederwahl. Die „USS Carl Vinson“ gehört zu den größten amerikanischen Flugzeugträgern
"Eine Nation, die vom stärksten Militär der Erde verteidigt wird": So beschrieb Barack Obama Amerikas Militärmacht am Tag seiner Wiederwahl. Die "USS Carl Vinson" gehört zu den größten amerikanischen Flugzeugträgern

Die Vereinigten Staaten haben gewählt. Barack Obama ist der 45. Präsident dieses Bundes von Staaten, der seit dem Bürgerkrieg, den sie von 1861 bis 1865 gegeneinander führten, sich als "Nation" versteht. Denn am Ende des blutigsten aller Kriege, die die USA je geführt haben, stand die Erkenntnis, dass die Union ein höheres Gut war als die Rechte der Einzelstaaten, die sie bildeten.

Die USA sind aber auch ein Imperium. Als mächtigster Staat der Welt sind sie beinahe an jedem Punkt des Planeten präsent, politisch, ökonomisch, kulturell. Dahinter steht der Willen und die Fähigkeit, mit Flotten und Armeen global aktiv werden zu können.

"Imperien sind große politische Einheiten, expansionistisch oder mit einer Erinnerung an räumlich ausgedehnte Macht; sie sind Gemeinwesen, die Unterschiede und Hierarchien aufrechterhalten, wenn sie neue Bürger eingliedern. Im Gegensatz dazu beruht der Nationalstaat auf der Vorstellung von einem Volk, das sich in einem Hoheitsgebiet als einzigartige politische Gemeinschaft konstituiert … Das Imperium greift über seine Grenzen aus und nimmt meist unter Ausübung von Zwang Völker auf, deren Verschiedenheit unter der imperialen Oberherrschaft nicht negiert wird."

Imperien müssen nicht böse sein

Die Definition stammt von den amerikanischen Historikern Jane Burbank und Frederick Cooper. Ihr neues Buch "Imperien der Weltgeschichte" versteht sich nicht als schaurig-schöner Rückblick auf vergangene Großreiche der Geschichte, sondern will Orientierung für die Gegenwart bieten. Denn das Konzept des Imperiums ist nicht tot. Es hat sogar – allerdings unter anderem Namen – eine Zukunft, wie sich am Beispiel Amerikas, Chinas, Russlands und Europas womöglich zeigen wird.

Die über mehr als 600 Seiten durchgehaltene Perspektive, dass Imperien nicht nur waren, sondern sind und wohl immer sein werden, ist erstaunlich. Denn in der populären Vorstellung sind "Imperien" gemeinhin in der Vergangenheit verortet und außerdem böse. Der Wechsel, den das Römische Reich vorlebte, als es von der Republik zum Kaiserreich mutierte, hat in der "Star Wars"-Saga seine popkulturelle Entsprechung erfahren. Irgendwann wirft sich ein Politiker zum Imperator auf und tyrannisiert die Welt. Ihre Befreiung begründet eine neue kleinteilige Ordnung.

Nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums machte gar das Schlagwort vom "Ende der Geschichte" die Runde, nach der die Zukunft einer Gemeinschaft von Demokratien gehören würde. Das war vor gut 20 Jahren. Ein Blick auf die Gegenwart zeigt, dass die Geschichtsdeutung des George Lucas weniger mit der Realität gemein hat als die des Science-Fiction-Klassikers Isaac Asimov, der in seiner "Foundation"-Trilogie in der Wiedererrichtung des Imperiums den Sinn der Weltgeschichte erkannt hat.

Die Flüchtigkeit des Nationalstaats

Burbank und Cooper machen deutlich, dass unsere historische Eschatologie einem höchst eurozentrischen Weltbild folgt. Die großen Imperien der abendländischen Neuzeit – das spanische, britische, französische, österreichische und das Heilige Römische Reich – wurden eben nicht unaufhaltsam vom Nationalstaat und seiner modernen Bürokratie abgelöst. Auch wenn Aufstieg, Kampf und Untergang der totalitären Imperien des 20. Jahrhunderts noch einmal den Triumph des demokratischen Nationalstaats zu belegen scheinen, sollten wir in Rechnung stellen, dass "sein Einfluss auf die politische Vorstellungskraft der Welt sich durchaus als partiell oder flüchtig erweisen kann".

Imperien sind weder per se altertümlich noch tyrannisch. Sowohl Rom als auch China waren zweifellos die modernsten Staaten der antiken Welt. Und sie waren höchst dauerhaft. Die imperiale Tradition Chinas dauert bis heute fort. Rom hat von 200 v. Chr. bis 450 n. Chr. bestanden, 1000 weitere Jahre existierte sein Nachfolger Byzanz, auch dieses ein höchst wandlungsfähiges Imperium. Auf solche Zeiten können Nationalstaaten noch nicht zurückschauen. Und auch sie haben es mit diversen politischen Systemen versucht, die wirklich nicht immer Demokratien waren und sind.

Hohes Innovationspotenzial bewiesen die Imperien der Mongolen und Türken. Sie schufen neue militärische Organisations- und Kommunikationstechniken. Die Osmanen, deren spätes Reich gemeinhin als "kranker Mann am Bosporus" verspottet wird, vereinigten gar turk-, byzantinische, arabische, mongolische und persische Traditionen zu dauerhafter, flexibler und umgestaltender Macht. Als Weltmacht von der Größe Roms bereitete es der Neuzeit den Weg, weil es die Europäer zwang, neue Wege in die Welt zu entdecken.

Die richtige Balance finden

Am Beispiel des Osmanenreiches zeigt sich auch eine der wichtigsten Leistungen von Imperien: Sie entwickeln ein Repertoire von Strategien, Menschen unterschiedlichen Herkommens zu integrieren, indem sie die Unterschiede zwischen ihnen nicht einebnen, sondern aufrecht erhalten. Die richtige Balance zwischen Eingliederung und Differenzierung ist denn auch ein entscheidender Faktor für die Dauer von Imperien.

"Die monotheistischen Religionen, von denen frühere Herrscher glaubten, dass sie der Imperiumsbildung inneren Zusammenhalt und Legitimität verschaffen würden, führten eher zu Schisma und Widerspruch als zur Einheit", konstatieren Burbank und Cooper. "Imperiale Regime, die religiöse Konformität am wenigsten beanspruchten, China und Russland inbegriffen, gehörten zu den beständigsten." Und daran krankten die muslimischen Großreiche, bis die Osmanen eigene Wege eröffneten.

Die Art der Duldung von Vielfalt war und ist der Schlüssel für den Erfolg eines Imperiums. Darin liegt auch sein Potenzial für die Zukunft. Nicht umsonst halten Burbank und Cooper die Europäische Union (trotz Eurokrise) für die innovativste der Großmächte von heute: "Die Europäische Union hat die politische Loyalität der meisten Menschen auf ihren Territorien nicht sicher gewonnen, aber ihre Führer haben die Möglichkeit, gegenüber äußeren Mächten geschlossen zu handeln und zu versuchen, Konflikte unter Mitgliedsstaaten einzudämmen." Auch das ist eine bemerkenswerte Leistung eines Imperiums.

Das Beispiel Amerika

Während Europa offenbar aus der Geschichte gelernt hat, ist das bei Amerika nur bedingt der Fall. Zwar wollen Burbank und Cooper nicht in den Chor jener Apokalyptiker einfallen, die die USA dem baldigen Untergang geweiht sehen. Gekonnt hätten die USA über das 20. Jahrhundert mit einer stattlichen Reihe imperialer Strategien gespielt.

Um so erstaunlicher aber sei ihre Unfähigkeit gewesen, in Afghanistan und vor allem im Irak Lehren aus gescheiterten früheren Versuchen zu ziehen, diese Räume imperialer Kontrolle zu unterwerfen. Stattdessen habe die "Besetzung eines einzigen schwachen, gespaltenen Landes die militärische, finanzielle und politische Leistungsfähigkeit der Vereinigten Staaten bis zum Äußersten" gefordert. Für die Sowjetunion bedeutete ihr Afghanistan-Abenteuer bekanntlich der Anfang vom Ende.

Imperien zeichnen sich durch ihre Lernfähigkeit aus. Die Lehre aus dem Irakkrieg könnte ihnen für die Zukunft helfen.

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