07.11.12

Geheimdienst

ND-Person und S-Personal - Die Codes des BND

Die Arbeitsgruppe Geschichte des Bundesnachrichtendienstes hat ein Glossar von Arbeitsbegriffen aus der internen Arbeit des Geheimdienstes veröffentlicht. Es gibt kaum Lehnwörter aus dem Englischen.

Foto: picture alliance / dpa

Ein Geheimdienst bemüht sich um Transparenz: Eingang zum Gelände des Bundesnachrichtendienstes (BND) in Pullach (Landkreis München)
Ein Geheimdienst bemüht sich um Transparenz: Eingang zum Gelände des Bundesnachrichtendienstes (BND) in Pullach (Landkreis München)

Wer einen Geheimdienst verstehen will, muss seine Denkweise begreifen. Das geht am besten über die Sprache, die innerhalb des Apparates gesprochen wird. In den alltäglichen Redewendungen spiegelt sich nämlich zwangsläufig der Schwerpunkt der Interessen eines Dienstes – das gilt ganz unabhängig vom System, zu dem eine solche Organisation zählt.

Jetzt hat die interne Arbeitsgruppe Geschichte des Bundesnachrichtendienstes (BND) zum ersten Mal ein Glossar von Arbeitsbegriffen ins Internet gestellt. Enthalten sind mehrere hundert Wortschöpfungen, die in Dokumenten der "Organisation Gehlen", des direkten BND-Vorläufers und des "Dienstes" selbst bis in die Sechzigerjahre auftauchen.

Schon auf den ersten Blick fällt auf, dass es – im Gegensatz zur zeitgleichen Dienstsprache der Bundeswehr im Hinblick auf die Nato und wohl auch zur heutigen Sprache des BND – kaum Lehnwörter aus dem Englischen gibt. Das darf man als Überraschung werten, denn die "Organisation Gehlen" war eine Schöpfung des amerikanischen "Counter Intelligence Corps" (CIC), später der CIA. Doch offenbar war die Arbeit in der Amtszeit Gehlens (bis 1968) so stark auf nachrichtendienstliche Aufklärung in Ostdeutschland gerichtet, dass man sich nicht einer der Partnerdienste entliehenen Begrifflichkeit bediente.

"Defection": zum Überlaufen veranlassen

Wo das einmal anders war, ist das ebenfalls vielsagend. So stand etwa das englische Wort "Defection" als Bezeichung für eine nachrichtendienstliche Tätigkeit, "die darauf abzielt, Angehörige eines gegnerischen Dienstes zum Überlaufen zu veranlassen". Es ist eine nachvollziehbare Spekulation, dass diese Begriffswahl etwas mit der Größe solcher Operationen zu tun haben könnte, die schnell über die reine BND-Ebene hinausreichen konnte.

Bemerkenswert ist die Fülle von Fachbegriffen, die sich um Kontaktaufnahme per Funk drehen. Darin spiegelt sich, dass der BND im Gegensatz zu seinen östlichen Gegnern vor allem ein Instrument der Aufklärung war, weniger eines der direkten geheimdienstlichen Operationen.

Allerdings sollte man eine Einschränkung mitdenken: Die Zusammenstellung des Glossars ist das Ergebnis einer BND-eigenen Arbeitsgruppe. Der verantwortliche Herausgeber Bodo Hechelhammer weist in seiner knappen Einleitung ausdrücklich darauf hin, dass "einzelne Begriffe aus sicherheitlichen Aspekten nicht aufgeführt werden".

"Auskunftsperson" – "Gewährsperson"

Bemerkenswert ist zum Beispiel auch die Abstufung zwischen Quellen verschiedener Qualität. So deutet in den BND-Akten aus den Fünfzigerjahren der Begriff "Auskunftsperson" darauf hin, dass es sich um eine hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit nicht überprüfte Quelle handelt. Anders ist das bei der "Gewährsperson" – so bezeichnen BND-Berichte Menschen, die einem Mitarbeiter als verlässlich bekannt sind und als zuverlässig angesehen werden.

Bewusst für den BND tätige Personen wurden dagegen als "ND-Personen" bezeichnet. Grundsätzlich wurde jedenfalls in der Frühzeit je nach Grad der Verlässlichkeit in "S-Personal" (hochgradig vertrauenswürdig, befähigt für besondere Aufgaben), "X-Personal" (voll vertrauenswürdig und charakterlich wertvoll), "Y-Personal" (vertrauenswürdig, bewährt und zuverlässig) oder "Z-Personal" (bedingt vertrauenswürdig oder noch nicht bewährt) unterschieden.

Das gut 40 Seiten starke Glossar, das ausdrücklich nur als erste Version veröffentlicht worden ist, ist ein wichtiges Arbeitsinstrument, um BND-Berichte besser zu verstehen – zum Beispiel die erst vor wenigen Wochen veröffentlichten Archivalien des "Dienstes" zur Kuba-Krise oder die Veröffentlichungen zur nur zeitweiligen, gleichwohl skandalösen Beschäftigung des SS-Massenmörders Walther Rauff.

Keine Verweise auf geheimpolizeiliche Tätigkeit

Weiterführend ist zudem ein Blick in das bisher nur in Buchform vorliegende "Wörterbuch der Staatssicherheit", das stasi-eigene Definitionen zur "politisch-operativen Arbeit" enthält und von Siegfried Suckut herausgegeben worden ist (Ch. Links Verlag). Im BND-Glossar fehlen sämtliche auf irgendwelche geheimpolizeilichen Tätigkeiten weisenden Begriffe, die den Schwerpunkt des MfS-Wörterbuchs ausmachen.

Natürlich sind die beiden Sammlungen nicht direkt vergleichbar – das eine ist ein MfS-eigenes Arbeitsinstrument in der konkreten geheimdienstlichen Arbeit, das andere ein nachträglich zusammengestelltes und bis auf weiteres auch unvollständiges Kompendium für Historiker. Aber die grundlegenden Unterschiede zwischen dem Nachrichtendienst eines Rechtsstaates, der sicher oft auch auf halb- oder illegale Methoden zurückgriff, und dem Repressionsapparat einer Diktatur werden dennoch deutlich.

Als Einblick in die Denkweise ist das neue BND-Glossar hochinteressant. Solange auch oft mehr als ein halbes Jahrhundert alte Akten nur sukzessive und streng gesiebt veröffentlicht werden, obwohl der Kalte Krieg, dem sie entstammen, nun auch schon mehr als zwei Jahrzehnte vorüber ist, kann man aus dieser Sammlung viel über die Arbeitsschwerpunkte erschließen. Wünschenswert wäre auf jeden Fall, dass diese Zusammenstellung rasch und umfassend erweitert wird. Der BND kann mit einer Intensivierung der Aufklärung über die eigene Vergangenheit nur gewinnen.

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