10.10.12

Röhrwettbewerb

"Die Hirsche reden natürlich über Frauen"

Hans-Günter Kisse röhrt am besten: Der frühere Landarzt hat den größten Hirschruf-Wettbewerb des Nordens gewonnen. Er verrät, was Wild bewegt, und warum er niemals lauter brüllt als der Platzhirsch.

Quelle: Die Welt
09.10.12 0:38 min.
Hans-Günter Kisse setzte sich beim 6. Hirschrufen in Mecklenburg-Vorpommern am Wochenende als Sieger durch. Der frühere Arzt überzeugte die Jury in den Disziplinen Lock-, Droh- und Kampfrufe.

Berliner Morgenpost: Herr Kisse, herzlichen Glückwunsch zum Sieg! Und, sind Sie noch heiser?

Hans-Günter Kisse: Danke. Ja, meine Stimme ist noch sehr rau, ich hatte am Abend vor dem Wettbewerb schon lange geübt. Aber das ist gar nicht schlecht, der Hirsch ist ja von Natur aus auch eher heiser.

Berliner Morgenpost: Wie trainieren Sie Ihre Stimmbänder fürs Hirschrufen?

Kisse: Da gibt es keine besonderen Tricks. Ich schnappe mir ein Rohr, das meine Stimme verstärkt, und dann geht es raus. Gerade ist Brunftzeit, da unterhalte ich mich ziemlich oft mit den Hirschen.

Berliner Morgenpost: Sie unterhalten sich?

Kisse: Ja, ich gehe Abends auf die Wiese im nahen Waldgebiet, da stehen, wenn ich Glück hab', dann an drei Ecken schon die Hirsche und röhren, und in die vierte stelle ich mich und stimme mit ein.

Berliner Morgenpost: Worüber reden die Hirsche dann so?

Kisse: Na über Frauen natürlich. Die alten Hirsche versuchen, ihre Damen zusammenzuhalten, damit sie nicht zu einem anderen Rudel überwechseln. Da gibt es einmal den Ruf des ziehenden Hirschen, der nach seinem Rudel sucht. Wenn er es gefunden hat, setzt er zum Sprenglaut an und läuft wie ein Schäferhund um die Herde um seine Weibchen herum, so hält er sie beisammen.

Berliner Morgenpost: Und was rufen Sie den anderen zu?

Kisse: Ich imitiere zum Beispiel den Kampfruf, das ist ein ganz wilder, tiefer Laut (setzt zu einem dunklen Brummen an). Damit erzähle ich dem Hirsch: "Pass mal auf, ich bin dein Nebenbuhler, ich werde dir jetzt dein Rudel abjagen." Ich fordere die Hirsche heraus und locke sie dadurch an. Aber ich rufe natürlich immer etwas leiser als die anderen Hirsche.

Berliner Morgenpost: Warum?

Kisse: Wenn ich zu laut rufe, dann bin ich der Platzhirsch und vertreibe die anderen, weil sie denken, dass ich stärker bin als sie. Aber zu leise darf ich auch nicht sein. Dann erscheine ich schwach und reize sie, mich zu bekämpfen. Nachher werde ich noch umgerempelt.

Berliner Morgenpost: Ist das schon einmal passiert?

Kisse: Nein, sobald die meine Witterung aufnehmen, fürchten sie sich und laufen in den Wald zurück.

Berliner Morgenpost: Klingt kompliziert. Haben Sie denn schon mal eine hübsche Hirschdame angelockt?

Kisse: Ich? Nein, der Hirsch lockt nicht, der geht zu der Dame hin. Mit seinem Röhren warnt er seine Rivalen, ihn jetzt nicht beim Beschlagen, also beim Decken des Weibchens zu stören.

Berliner Morgenpost: Ist das Hirschrufen eine männliche Disziplin?

Kisse: Das steht auch allen Jägerinnen offen. Bei uns in Mecklenburg-Vorpommern ist aber leider noch keine Dame dabei. Die Frauen haben einen stimmlichen Nachteil, die Hirsche röhren ja doch sehr tief.

Berliner Morgenpost: Können die Frauen nicht die Hirschkühe nachahmen?

Kisse: Also das wär ja ein ganz neuer Sport, wenn die Jäger die brünftigen Hirsche geben und die Jägerinnen dann… das ist aber ein eher uninteressanter Part, die Hirschkühe rufen ja kaum, die knörren höchstens mal ein bisschen als Antwort.

Berliner Morgenpost: Sie sind eigentlich Arzt. Wie sind Sie denn zu diesem seltenen Hobby gekommen?

Kisse: Ich wollte früher auch mal Forst machen. Nach meinem Medizinstudium in Leipzig habe ich mich dann hier nach Waren an der Müritz beworben, wo es viele Hirsche gibt. Mehr als vierzig Jahre habe ich hier als Landarzt gearbeitet und nebenbei eine kleine Försterei übernommen.

Berliner Morgenpost: Was fasziniert Sie am Hirschrufen?

Kisse: Wenn man nachts im Mondschein ganz alleine auf einer Wiese im Wald steht, man hört die Hirsche und röhrt mit... das ist ein ganz tiefes romantisches Empfinden.

Berliner Morgenpost: Eigentlich geht es beim Hirschrufen aber ums Töten, oder?

Kisse: Mit dem Ruf lockt man die Hirsche an. Aber es geht nicht immer darum, sofort zu schießen. Als Jäger reicht es eigentlich, einmal im Leben einen alten, starken Hirsch zu erlegen. Und dann noch ein paar Rehe, um den Zuwachs zu regulieren. Gerade ist Schonzeit, da kann ich mich einfach nur mit den Tieren unterhalten.

Berliner Morgenpost: Wie haben Sie die Sprache gelernt?

Kisse: Ich habe mir den Eifelhirschruf gekauft, das ist ein Plastikrohr aus zwei Teilen, die man ineinanderschieben kann. Dadurch kann man den Ton ähnlich wie bei einer Posaune verschieden gestalten, der schwingt dann richtig schön mit, wenn man hineinruft. Zu dem Rohr gab es auch eine Hör-CD zum Nachahmen.

Berliner Morgenpost: Was sagen denn die Nachbarn dazu?

Kisse: Ich röhre ja nicht im Hof, sonst würden die sich ganz schön erschrecken. Meistens gehe ich in den Wald zum Rufen. Am besten trainiert man direkt bei den Hirschen, dann merkt man auch gleich, ob man alles richtig macht.

Berliner Morgenpost: Woran?

Kisse: Ganz einfach: Wenn Sie die Rufe nicht richtig hinbekommen, laufen die Hirsche weg. Die denken sich dann: "Hier ist was faul, ich verdrücke mich jetzt lieber."

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