08.10.12

Reichsgründer

Otto von Bismarck, ein Genie des Machtspiels

Bismarck war der größte Politiker des 19. Jahrhunderts. Wie kein anderer hat er den Kontinent auf Dauer verändert. Bismarcks Geschick, wie er sich an der Spitze hielt, hebt eine neue Biografie hervor.

Von Jacques Schuster
Foto: Otto-von-Bismarck-Stiftung

Der junge Kaiser Wilhelm II. beim Antrittsbesuch bei Otto von Bismarck (r.) in Friedrichsruh, wahrscheinlich im Jahr 1888
Der junge Kaiser Wilhelm II. beim Antrittsbesuch bei Otto von Bismarck (r.) in Friedrichsruh, wahrscheinlich im Jahr 1888

Wer ermessen will, wie außergewöhnlich lang Otto von Bismarck an der Spitze der Regierung stand, der möge sich vorstellen, Helmut Kohl säße immer noch im Bundeskanzleramt. Fast dreißig Jahre bestimmte Bismarck die Geschicke seines Landes.

Mehr als vierzig Jahre war er der wichtigste Politiker Berlins: Mit 35 Jahren ernannte ihn der König zum preußischen Gesandten am Deutschen Bundestag; mit 47 Jahren wurde er Ministerpräsident und ab 1871 Reichskanzler, bis er 1890 widerwillig seinen Abschied nehmen musste.

Der ewige Kanzler

Der Sohn eines märkischen Adeligen ragt aber nicht nur ob seiner langen Herrschaft heraus. Er war auch der maßgebliche Politiker des 19. Jahrhunderts – und das noch vor Napoleon! Während Bismarck mit der Reichsgründung von 1871 den Kontinent und sein Gleichgewicht auf Dauer veränderte, glich Bonapartes Wirken einer Fackel, die nichts hinterließ, als sie erloschen war, sieht man von einigen Eigenarten des Verwaltungssystems ab, die der Korse eingeführt hatte. Kurzum, man kommt an Otto von Bismarck nicht vorbei, wenn man sich mit Preußen, Deutschland und Europa im 19. Jahrhundert beschäftigen will.

Die zahlreichen Studien über seine Außen- und Sozialpolitik, seinen Umgang mit den Katholiken, Sozialisten und Liberalen belegen es. Und wer sich für Bismarcks Charakter interessiert, von dem nichts bliebe, befreite man ihn von seinen Widersprüchen, der kann aus einer Fülle von Biografien den geeigneten Titel auswählen.

"Weißer Revolutionär"

Vor allem Lothar Galls Studie über den "weißen Revolutionär" (1980) und das zweibändige Werk Ernst Engelbergs aus den Jahren 1989/90 seien empfohlen. Wer sie liest, wird mit intimen Einblicken in das Leben des Reichskanzlers belohnt werden, den die einen als Genie priesen, die anderen als Barbar verdammten, was beides zutraf.

Vielleicht fühlen sich jüngere deutsche Historiker von Galls und Engelbergs Werken so eingeschüchtert, dass sie es bisher nicht wagten, zu eigenen Ansichten über Bismarcks Herrschaft zu kommen. Seit 1990 jedenfalls hat kein deutscher Historiker mehr den Versuch unternommen, sich in einer größeren Arbeit mit dem Kanzler biografisch auseinanderzusetzen, was mit Blick auf das wiedervereinigte Deutschland, dieses Amalgam aus Rheinbund und Bismarckreich, lehrreich wäre. Schließlich haben wir heute mit einigen Problemen zu kämpfen, die aus der neuen und gleichsam alten Mittellage herrühren. Die Einsicht, was Bismarck in dieser Mittellage richtig und was er falsch machte, wäre hilfreich.

Magier der Macht

Immerhin hat nun der amerikanische Historiker Jonathan Steinberg eine neue Biografie über den "Magier der Macht" (so der Untertitel) geschrieben, die in wenigen Tagen auf Deutsch erscheinen wird. Als Steinberg sie in Amerika veröffentlichte, da nannte Henry Kissinger sie die beste englischsprachige Biografie über den "Eisernen Kanzler". Ob es stimmt?

Klar ist nur: Steinbergs Werk sollte auch von Deutschen gelesen werden, die sich für Bismarck und das 19. Jahrhundert interessieren. Der Verfasser vermag es, Bismarcks Leistungen und sein Versagen in vielen Facetten plastisch wiederzugeben. Mehr als das: Steinberg verwandelt die zahllosen Informationen und Quellenfunde über das lange Leben Otto von Bismarcks (1815 bis 1898) in eine Charakterstudie, die Romanqualität besitzt, weil ihr Autor aus mitunter schwer zu durchschauenden Sachverhalten Landschaften zu malen versteht, längst vergangene Stimmungen wiederaufleben lassen und farbige Porträts von Bismarcks maßgeblichen Freunden und Feinden zeichnen kann. Selten hat man in Deutschland eine derartig gut geschriebene historische Biografie gelesen!

Ein "gigantisches Selbst"

Nur dann und wann stören Steinbergs Superlative: Alle zehn Seiten ist Bismarck für ihn der "mächtigste", der "größte", der "durchtriebenste" Staatsmann des 19. Jahrhunderts. Weniger Trompetenstöße wären eindringlicher gewesen. Doch der Einwand sollte nicht allzu schwer wiegen, angesichts der Qualität dieser Studie, in deren Mittelpunkt die Machtfrage steht.

Steinberg geht es vor allem darum, wie Bismarck Macht ausübte, wie er sich an der Spitze hielt, wie er seinen Rang verteidigte und welches System er schuf, um sich in der Wilhelmstraße zu halten.

Vater-Sohn-Verhältnis

Auf diese Weise erfährt man viel von Bismarcks "gigantischem Selbst", seiner "magischen Anziehungskraft", aber auch von seiner Beziehung zum preußischen König und Kaiser Wilhelm I., die Steinberg zu Recht als Vater-Sohn-Verhältnis charakterisiert. Ohne Wilhelm hätte sich Bismarck nicht so lang halten können.

"Mein größtes Glück ist es ja, mit Ihnen zu leben und immer fest einverstanden zu sein", zitiert Steinberg den Kaiser. Klarer lässt sich nicht hervorheben, warum der Monarch selbst in den düstersten Momenten des Zweifels an seinem Kanzler festhielt.

Wenn nötig erbarmungslos

Obwohl sich Bismarck immer wieder nach Verbündeten umsah, lässt Steinberg zu Recht keinen Zweifel daran, dass der Kanzler ein Einzelgänger war, der mutig, charmant und wenn nötig erbarmungslos seine persönlichen oder politischen Interessen durchsetzte und als Politiker weder Mitleid noch Träume hatte. Wenn Bismarck "wir" schrieb, dann meinte er entweder sich selbst oder Preußen.

Die Macht seiner Heimat sollte gemehrt werden. Vom Deutschen Bund und der Milchstraße kleiner und kleinster deutscher Staaten hielt er nichts. Steinberg schildert dies alles eindringlich; auch hebt er detailreich hervor, wie Bismarck die Reichseinigung mit Hilfe der Kriege gegen Österreich und Frankreich gelang.

Saturierte Macht

Mit Bewunderung schildert der Autor, wie es Bismarck glückte, die hungrige preußische Macht nach der Reichseinigung in eine "saturierte" deutsche zu verwandeln und damit Europas Stabilität wiederherzustellen. Bismarcks kompliziertes Bündnisgeflecht erscheint dank Steinberg am Ende wohl geordnet.

Ein wenig mehr Gedanken über die außenpolitischen Fehler Bismarcks nach 1870 hätte sich der Autor freilich machen können. Es war zumindest ein ungeschickter Anfang, das eigene Reich im Prunkschloss des Nachbarn gegründet und ihm gleichzeitig noch Elsass-Lothringen weggenommen zu haben.

Zwar verhält sich 1914 zu 1870 nicht so eindeutig wie der Beginn des Zweiten Weltkriegs zu dem des Ersten, einen Zusammenhang aber gibt es, und Bismarck trägt eine Verantwortung dafür. Freilich haben auch seine Verteidiger Recht. Seit Jahrzehnten weisen sie darauf hin, dass sich die Großmächte ohne den Alten schon dreißig Jahre vor 1914 in den Haaren gelegen hätten. Doch das ist eine andere Geschichte, die Steinberg nicht interessiert.

Foto: picture-alliance / akg-images

„Der Lotse verlässt das Schiff“, hieß die Karikatur im britischen „Punch“ vom März 1890, als Bismarck zurücktreten musste
"Der Lotse verlässt das Schiff", hieß die Karikatur im britischen "Punch" vom März 1890, als Bismarck zurücktreten musste
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