Psychologie
Lithium im Trinkwasser soll Suiziden vorbeugen
Japanische Forscher schlagen vor, dem Trinkwasser den Wirkstoff Lithium zuzusetzen – um die Suizidrate zu senken. Sie untersuchten für diese Erkenntnis das Wasser von 18 Gemeinden. Die Selbstmordrate war in Gebieten mit hohem Lithiumgehalt im Trinkwasser deutlich niedriger als in anderen Gebieten.
Von Sybille Möckl
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass es weltweit etwa eine Million Selbstmorde pro Jahr gibt – die meisten wegen Depressionen. Nach einer Rangliste der WHO belegt Japan mit 23,7 Suiziden pro 100.000 Einwohner einen der vorderen Ränge, in Deutschland waren es 2004 dagegen nur 13 Suizide pro 100.000 Einwohner. Eine japanische Studie legt jetzt nahe, dass die dem Trinkwasser zugesetzte antidepressive Substanz Lithium möglicherweise die Zahl der Suizide senken könnte.
Eine Untersuchung aus dem Jahr 1990, die Lithium im Trinkwasser mit der Selbstmordrate der texanischen Bevölkerung in Verbindung brachte, inspirierte Forscher der Universitäten Ôita und Hiroshima dazu, auch den Lithiumgehalt des japanischen Trinkwassers zu analysieren. Lithiumsalze kommen in der Natur vor, werden aber auch in der Medizin gegen "bipolare Störungen" (manisch-depressive Störungen) und gegen Depressionen verwendet. Sie haben eine suizidverhindernde Wirkung. Lithium ist kein essentielles Element und im menschlichen Körper nur in sehr geringen Mengen vorhanden.
Die Wissenschaftler untersuchten das Wasser von 18 Gemeinden der Präfektur Ôita auf der Insel Kyûshû. Diese Daten verglichen sie mit den Selbstmordraten der jeweiligen Gemeinden. In der Zeitschrift "British Journal of Psychiatry" veröffentlichten sie jetzt die Ergebnisse ihrer Studie. Die Selbstmordrate war demnach in Gebieten mit hohem Lithiumgehalt im Trinkwasser deutlich niedriger als in Gebieten, wo kaum Lithium aufzuspüren war. Nach Meinung der Forscher sei die konstante Aufnahme winziger Mengen durch das Trinkwasser ausschlaggebend für die geringere Selbstmordneigung.
So schlagen sie in ihrer Veröffentlichung indirekt vor, dass man zur Prävention von Selbstmord dem Trinkwasser Lithium zugeben könne. Weiter wollten sich die Forscher aber nicht aus dem Fenster lehnen. Ihr Vorschlag könnte nämlich zu noch größeren Diskussionen führen als die Fluoriddebatte, die in den 1940er-Jahren für großen Wirbel in Amerika sorgte. Damals begann die Regierung, Fluorid als kostengünstiges Mittel gegen Karies ins Trinkwasser zu mischen. Angeblich sei danach Karies in der Bevölkerung, vor allem in ärmeren Regionen, zurückgegangen. Mittlerweile wird das Leitungswasser seit über 60 Jahren mit Fluorid versetzt. Das wird aber nach wie vor skeptisch beurteilt.
Welche Wellen die Zugabe von Lithium schlagen würden lässt sich nur erahnen. Daher streben die Wissenschaftler weitere Forschung an, bevor sie ihre Idee direkt ansprechen. Sophie Corlett von der größten gemeinnützigen Organisation für psychisch Kranke in England und Wales, "Mind", warnt vor voreiligen Großtaten. Zur BBC sagte sie, dass unter Medizinern Lithium als guter Stimmungsstabilisator für Menschen mit bipolaren Störungen bekannt sei.
Der Vorschlag, es dem Trinkwasser zuzufügen, und seien es auch nur winzige Mengen, sei aber mit äußerster Vorsicht zu behandeln und müsse noch eingehend erforscht werden. Denn in höherer Dosis könne Lithium auch giftig sein.
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