03.09.12

Ifa 2012

Samsung und die gekauften Tech-Blogger

Der Konzern lud freie Journalisten zur Ifa ein. Die selbstlose Hilfe entpuppte sich als harter PR-Job. Es kam zum Eklat.

Von Benedikt Fuest
Foto: DPA
Internationale Funkausstellung IFA 2012
Besucher informieren sich am Samsung-Stand bei der Ifa

Wer als Journalist auf die Ifa kommt, darf damit rechnen, dass Dutzende PR-Spezialisten sich um seine Aufmerksamkeit bemühen. Es gibt Vorabinformationen, spezielle Enthüllungspartys in angesagten Veranstaltungsorten, gut aussehende junge Menschen erklären dort jedes Detail eines neuen Produkts. Hersteller laden internationale Journalisten extra ein, so mancher zahlt die Reise nach Berlin nicht selbst. Wie unabhängig es sich mit solcher Finanzierung im Rücken noch schreibt, muss jeder selbst entscheiden – doch für schlecht finanzierte Mitarbeiter von Online-Newsseiten und private Solo-Blogger aus Schwellenländern sind diese bezahlten Reisen die einzige Möglichkeit, zur Ifa zu kommen.

Das weiß auch der südkoreanische Hersteller Samsung und lud verschiedene Gewinner eines Blogger-Wettbewerbs nach Berlin zum hauseigenen Mobile Unpacked Event im Tempodrom ein – Flug und Hotel während der Ifa-Woche wollte der Konzern bezahlen. Einzige Bedingung war, auch – aber nicht ausschließlich – über Samsung zu berichten. Ein verlockendes Angebot.

Doch in Berlin machten die Südkoreaner schnell klar, dass sie die Blogger auf Samsung-Ticket als Berichterstatter zweiter Klasse begreifen, berichtet der indische Blogger Clinton Jeff von der Seite Unleashthephones. Er war kaum in seinem Hotelzimmer angekommen, da änderte Samsung seinen Reiseplan: Jeff sollte in blau-weiße Promotion-Kleidung mit Samsung-Logos schlüpfen und auf dem Unpacked-Event nicht als unabhängiger Berichterstatter, sondern als Samsung-Markenbotschafter auftreten.

Auch in den kommenden Tagen hatte Samsung ihn nach seinen Angaben ohne Rückfrage als Promoter auf dem hauseigenen Messestand eingeteilt. Als er sich weigerte, bekam Jeff einen Anruf: Bei Arbeitsverweigerung werde der Rückflug storniert, auch aus dem Hotel müsse er sofort ausziehen.

Samsung selbst wiederum gibt an, Jeff habe das Reisepaket missverstanden, die Blogger seien von Anfang an in zwei verschiedene Gruppen eingeteilt gewesen. Wer die ganze Woche auf der Messe bleiben wollte, sollte sich als Promoter für den Messestand verpflichten, alle anderen sollten bereits zum Wochenende Berlin verlassen.

Samsung behandelte nicht nur Jeff so, sondern auch andere Blogger. Doch nur Jeff weigerte sich auch, die vorgelegte Verschwiegenheitserklärung zu unterschreiben und berichtete deshalb über den Kurznachrichtendienst Twitter über Samsungs Methoden, woraufhin sein Rückflug storniert wurde. Ein weiterer Blogger berichtete Morgenpost Online Ähnliches über Samsungs Vorgehen, ohne jedoch mit Namen genannt werden zu wollen – er hatte nachgegeben und die Verschwiegenheitserklärung unterschrieben.

Jeff wiederum hatte Glück im Unglück: Noch auf der Samsung-Veranstaltung traf er einen Vertreter von Nokia, der die PR-Steilvorlage des Konkurrenten Samsung erkannte. Die Finnen zahlten dem Inder das Hotel und den Rückflug in die Heimat, ohne Gegenleistungen zu verlangen, und können sich nun über jede Menge positive Meldungen bei Twitter freuen. Ein Nokia-Vertreter bestätigte Jeffs Bericht der Morgenpost.

Samsung war in der internationalen Techbloggerszene schon einmal durch ein eigenwilliges Verständnis des Wortes Einladung aufgefallen: Zu den Olympischen Spielen in London hatten die Südkoreaner per Wettbewerb geladen und hatten die angereisten Blogger prompt zur Gefälligkeitsberichterstattung auf Facebook herangezogen.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Belästigungsvideo "Ich betreibe Kampfsport und habe trotzdem…
Vorsicht Kamera! Hochzeit aus der Sicht einer Whiskey-Flasche
Nach Pokalsieg Pep Guardiola denkt nur noch an Borussia Dortmund
Israel Radikaler Rabbiner überlebt Attentat
Timetraveller.jpg
Timetraveller

Mit der Morgenpost und Timetraveller Geschichte erlebenmehr

Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Kleine Horror-Show

Halloween, das Fest des Gruselns

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote