02.09.12

Bipolare Erkrankung

Forscher entschlüsseln das Gen für Manie

In der manischen Phase ist ein Bipolarer für sich selbst und für Angehörige nur schwer zu ertragen: Dann ist er extrem aktiv, verprasst oft Unmengen Geld, riskiert viel, neigt zum Konsum von Drogen.

Foto: Bildagentur-online
Manie
In der manischen Phase kann es für einen bipolar Erkrankten nie schnell genug gehen

Eine ständige Achterbahn der Gefühle – das ist Alltag für Menschen mit einer bipolaren Störung. Bei ihnen gehen Stimmungsschwankungen weit über das normale Maß hinaus und sind so gut wie unabhängig von den jeweiligen Lebensumständen. Depressive und manische Episoden wechseln sich dabei ab, und meist haben die Betroffenen das Gefühl, diesen Phasen hilflos ausgeliefert zu sein und sie nicht beeinflussen zu können.

Bisher war bereits bekannt, dass die Erkrankung durch ein komplexes Zusammenspiel zwischen erblichen Komponenten und Umweltfaktoren entsteht. Wissenschaftler der Universität Bonn und des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim berichten nun im Fachblatt "The American Journal of Psychiatry", wie das Gen NCAN zu den manischen Symptomen der Erkrankung führt.

Vom Gen NCAN sei zwar schon bekannt gewesen, dass es wesentlich an der bipolaren Störung beteiligt ist, wie Markus Nöthen von der Universität Bonn sagt. Allerdings sei bisher der genaue Zusammenhang unklar gewesen.

Maßloser Genuss einer Zuckerlösung

Der Humangenetiker wertete zusammen mit seinem Team die genetischen Daten und Symptombeschreibungen von 1218 Patienten mit der bipolaren Störung aus. Die Forscher prüften, welche der Symptome mit dem NCAN-Gen in einem besonders engen Zusammenhang stehen. "Dabei zeigte sich, dass das NCAN-Gen sehr eng und ganz spezifisch mit den manischen Symptomen korreliert", sagt Marcella Rietschel vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Dieser Befund deutet darauf hin, dass das Gen nur für die manischen Episoden der Erkrankung verantwortlich ist – nicht aber für die depressiven.

Ein weiteres Team um Andreas Zimmer, Leiter des Instituts für Molekulare Psychiatrie der Universität Bonn, erforschte den Wirkungsmechanismus des NCAN-Gen auf molekularer Ebene an sogenannten Knockout-Mäusen, bei denen das Gen ausgeschaltet war. Auch bei diesen Tieren zeigten sich nur manische Symptome, wie Zimmer berichtet.

Die Knock-out-Mäuse waren zum Beispiel wesentlich aktiver als die Gruppe der Mäuse mit funktionierendem Gen. Sie zeigten auch eine höhere Bereitschaft, Risiken einzugehen, und neigten zu einem gesteigerten Belohnungsverhalten, was sich etwa im maßlosen Genuss einer Zuckerlösung zeigte, die die Wissenschaftler den Tieren anboten. Dieses Verhalten ist auch von Menschen bekannt, die in manischen Phasen oft übermäßig viel und oft Drogen konsumieren.

Medikament verhindert Suizid

Schließlich verabreichten die Wissenschaftler den manischen Mäusen Lithium. Das Medikament ist für die Langzeittherapie beim Menschen oft die erste Wahl, denn es stabilisiert die Stimmung und kann verhindern, dass sich Betroffene in ihren manischen Phasen etwas antun.

"Die Lithium-Gabe unterband vollständig die Hyperaktivität der Tiere", sagt Zimmer. Das ist deshalb interessant, weil es zeigt, dass die Reaktionen von Mensch und Maus, das NCAN-Gen betreffend, praktisch identisch sind – eine wichtiger Befund für die Frage, inwieweit Studienergebnisse an Mäusen auf den Menschen übertragbar sind.

Auch für die Entwicklung neuer Medikamente ist das eine wichtige Voraussetzung. "Wir waren doch überrascht, wie stark die Befunde bei den Mäusen und den Patienten übereinstimmen", sagt Markus Nöthen. "Das ist in dieser Deutlichkeit sonst nur selten der Fall."

Hoffnung auf neue Therapien

Man wusste bereits, dass ein ausgeschaltetes NCAN-Gen die Bildung des Proteins "Neurocan" unterbindet, wodurch es zu einer Entwicklungsstörung im Gehirn kommt. "Als Konsequenz dieser molekularen Störung prägt sich später offenbar die manische Symptomatik bei den Betroffenen aus", erklärt Zimmer.

Bleibt zu hoffen, dass das Wissen um die molekularen Zusammenhänge nun bald den Weg zu neuen Therapien ebnet.

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Manische Depression
  • Zahl der Betroffenen

    Experten schätzen, dass etwa fünf Prozent der Bevölkerung, also zwei Millionen Menschen in Deutschland, von einer bipolaren Störung betroffen sind.

  • Phase der Manie

    Für die Phasen der Manie typisch ist eine hohe emotionale Erregung bis hin zur Euphorie, die sich in gesteigerten Selbstbewusstsein, Rastlosigkeit, vermindertem Schlafbedürfnis und impulsivem Verhalten zeigt. Betroffene suchen häufig intensiven Kontakt zu anderen, reden und gestikulieren schnell und viel, und neigen dazu, für ihre Ideen und Bedürfnisse viel Geld auszugeben.

  • Phase der Depression

    Manchmal schlägt das Stimmungshoch aber auch in gereiztes oder aggressives Verhalten um. In den Phasen der Depression dagegen überwiegen Schwermut, Ängste und Pessimismus. Die Betroffenen werden antrieblos und leiden oft unter Selbstmordgedanken. Unbehandelt dauert jede Phase im Schnitt etwa sechs bis zwölf Wochen.

  • Selbsthilfe

    Bei Bipolaris finden Betroffene andere Erkrankte und Angehörige.

  • Internet-Forum

    Im bipolar-forum.de können sich Betroffene und Angehörige austauschen.

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