23.08.12

Berliner Mauer

Im Westen trafen den Grenzer die tödlichen Schüsse

Hans-Dieter Wesa gilt bei den DDR-Grenzern als vorbildlicher Polizist. Im August 1962 entschließt er sich zur Flucht. Er ist bereits im Westen, als ihn die Kugeln eines Kameraden töten.

Foto: phs

West-Berliner Polizisten und Offiziere der französischen Schutzmacht am Sterbeort des DDR-Grenzpostens Hans-Dieter Wesa. Er war am 23. August 1962 von seinem eigenen Streifenkameraden erschossen worden, obwohl er sich beim Fluchtversuch schon auf West-Berliner Gebiet befand.

6 Bilder

Dunkelheit senkt sich über den Norden Berlins, als Hans-Dieter Wesa kurz verschwindet – um das Licht auf dem Bahnsteig der S-Bahnstation Bornholmer Straße anzuschalten. In Wirklichkeit will der 19-jährige DDR-Transportpolizist im Grenzdienst am 23. August 1962 die Gelegenheit nutzen, um die SED-Diktatur für immer zu verlassen. Doch er wird sein Vorhaben nicht überleben – Wesa stirbt an diesem Donnerstag, getroffen von den Kugeln seines Postenkameraden.

Die Station Bornholmer Straße ist ein Grenzbahnhof. Seit dem Bau der Berliner Mauer gut ein Jahr zuvor hat hier kein Zug mehr gehalten; die Bahnsteigbeleuchtung dient der besseren Sicht der Grenzposten. Im Dämmerlicht erkennt man nicht weit entfernt einen hohen Zaun. Es ist nicht irgendein Zaun, sondern die letzte Sperre, die hier Ost- von West-Berlin trennt. Als Wesa auf den Bahnsteig geht, um dort mehr Lichter anzuschalten, ist er der Freiheit nah. Doch er wird sie nie erleben.

Direkt nach seinem Schulabschluss hat Wesa eine Lehre bei der Reichsbahn absolviert und sich noch vor dem Mauerbau 1961 bei der Transportpolizei verpflichtet, die für Sicherheit auf allen Bahnanlagen der DDR zuständig ist. Machtlos steht er seiner Versetzung an die Grenze gegenüber.

Die Angst bei der Patrouille

Jeder Deutsche weiß 1962, dass Grenzposten bei Fluchtversuchen scharf schießen, die SED von ihnen erwartet, den Tod von fluchtwilligen Bürgern zu verschulden. Wesa fragt sich, wie viele seiner Kameraden im Grenzdienst, was er tun solle, wenn in seiner Schicht jemand die Mauer zu überwinden versucht?

Vielen der fast ausschließlich jungen Männer bleibt nur die Hoffnung, während ihrer Schicht möge nichts Ungewöhnliches passieren. Wesa leidet unter dieser Situation. Er stammt aus einer christlichen Familie; ihn quält die Vorstellung, auf Menschen schießen zu müssen. Trotzdem gelingt es ihm, dass seine Vorgesetzten und Kameraden ihm vertrauen: Hans-Dieter Wesa gilt als vorbildlicher "Trapo". Scheinbar bestätigt sich das, als er im Juli 1962 dazu beiträgt, eine Flucht zu verhindern. Dafür wird er zum Oberwachtmeister befördert und genießt noch mehr Vertrauen bei seinen Offizieren.

Am 23. August 1962 ahnt deshalb niemand etwas von seinem Vorhaben, selbst zu flüchten. Seinen Streifenkameraden an diesem Abend kennt er aus den Tagen bei der Leipziger Transportpolizei. Adolf B. wird nicht einmal skeptisch, als Wesa scheinbar scherzhaft erzählt, wie wohl seine Schwester staunen würde, wenn er in Westdeutschland auftauchte. Erst als Wesa verschwindet, begibt sich Adolf B. auf die Suche.

Salven aus einer Maschinenpistole

Schließlich entdeckt er ihn, doch Wesa befindet sich schon jenseits der Sektorengrenze, also auf West-Berliner Gebiet. Adolf B. steckt nun in der gefürchteten Situation: Er weiß, was seine Vorgesetzten von ihm erwarten: Er muss den Fahnenflüchtigen auffordern zurückzukommen – und wenn der das nicht tut, muss B. schießen. Denn wenn er seinen Kameraden in die Freiheit laufen ließe, wäre ihm eine Strafe sicher. Das ist der Druck, den das SED-Regime auf die Grenzposten ausübt.

Wesa ignoriert die Aufforderung zurückzukehren, entfernt sich stattdessen weiter in Richtung West-Berlin. Adolf B. gibt aus nur fünf Metern Entfernung mehrere Salven aus seiner Maschinenpistole ab. Wesa wird, obwohl er sich schon auf westlichem Boden befindet, geradezu durchlöchert. Er stürzt sofort zu Boden und stirbt kurze Zeit später in den Armen zweier West-Berliner Polizisten.

Fast im selben Moment gehen auf dem Grenzbahnhof Bornholmer Straße die Lichter aus. Obwohl ein Krankenwagen schnell kommt und Wesa noch in das kaum zwei Kilometer entfernte Jüdische Krankenhaus eingeliefert wird, kann der diensthabende Arzt nur noch seinen Tod feststellen. Treffer in Gesicht und Rumpf werden dem jungen Mann zum Verhängnis.

"Sie ist der Ausdruck einer Disziplin"

Hans-Dieter Wesa stirbt nur sechs Tage nach Peter Fechter, dem wohl bekanntesten Maueropfer. Dessen grausamer Tod hat heftige Reaktionen und Demonstrationen der West-Berliner Bevölkerung hervorgerufen. Bei Wesa ist das anders. Zwar löst auch dieser Gewaltakt Abscheu bei der West-Berliner Bevölkerung aus.

Willy Brandt trifft eine Stunde nach dem Mord am Tatort ein, um seine Anteilnahme zum Ausdruck zu bringen; Innensenator Heinrich Albertz spricht bei der offiziellen Trauerfeier am 25. August 1962; viele West-Berliner Polizisten nehmen daran teil. Jedoch kommt es nicht, wie Brandt und andere Politiker befürchten, zu neuerlichen Massenprotesten wie nach Fechters Tod.

"Unsere Haltung ist keine Gleichgültigkeit", schreibt die "B.Z." schon am 24. August: "Sie ist der Ausdruck einer Disziplin, die niemandem leicht fällt. Hitzig reagieren ist einfach – besonnen bleibend eine Tugend." Dabei unterstützt die größte Zeitung West-Berlins Brandts Aufruf, Ruhe zu bewahren, um die brisante Situation nicht zusätzlich anzuheizen.

Strafanzeige gegen Unbekannt

West-Berlins Polizeipräsident stellt Strafanzeige gegen "unbekannte sowjetzonale Transportpolizisten". Nach dem Mauerfall nimmt die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wieder auf und leitet 1990 ein Strafverfahren gegen Adolf B. ein. Weil dieser sich einer polizeilichen Befragung verweigert, lässt ihn die Staatsanwaltschaft im November 1993 in Untersuchungshaft nehmen. Die Anklage wegen Totschlags folgt im Juni 1994 – doch es kommt nie zu einer Hauptverhandlung, da B. kurz darauf Selbstmord begeht.

Der Todesschütze hat sich nie dazu geäußert, was ihn bewogen hat, auf seinen Kameraden zu schießen, obwohl Wesa sich schon auf West-Berliner Gebiet befunden hat. Ist es die Angst, in den Augen seiner Vorgesetzten versagt zu haben? Die Sorge vor Strafe, weil er einen "Grenzdurchbruch" nicht verhindert hat?

Man wird nie erfahren, was Adolf B. in diesen Sekunden durch den Kopf gegangen ist. Doch eins ist sicher: Der Druck, der auf den Grenzpolizisten lastet, ist immens. Hans-Dieter Wesa hat diesen Druck nicht länger ausgehalten und nimmt vermutlich deshalb das Risiko auf sich, die Flucht zu versuchen. Es kostet ihn das Leben.

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