Geologie
Ostsee nimmt sich immer mehr Land
Donnerstag, 19. Mai 2011 12:20 - Von Katrin SchülerSpaziergänger an der Küstenlinie aus früheren Jahrhunderten müssten heute kräftig die Hosenbeine hochkrempeln: Auf ihrem alten Weg würden sie durch die Ostsee waten, wenn sie nicht gar einen Taucheranzug benötigten. Das Baltische Meer schwappt an der deutschen Küste Jahr für Jahr weiter ins Binnenland hinein.

„Der Wasserspiegel steigt bis zu 40 Zentimeter in 100 Jahren, das ist enorm und lässt sich nicht nur mit der Erderwärmung erklären“, sagt der Geologe Jan Harff vom Institut für Ostseeforschung in Warnemünde. Gleichzeitig gehe nämlich die Ostsee etwa an der schwedischen Küste zurück, dort gibt das Meer innerhalb eines Jahrhunderts einen bis zu 80 Zentimeter breiten Landstreifen zurück. In einem sechsjährigen Forschungsprojekt „Sinkende Küsten“ (sincos), das in diesen Tagen mit einem Workshop beendet wird, haben Wissenschaftler verschiedener Disziplinen diese Veränderungen der Ostseeküste innerhalb der vergangenen 8000 Jahre nachgezeichnet und dabei manche Überraschung entdeckt.
„Wir sind auf ganz aufregende Landschaften gestoßen„, sagt Harff und fast liegt ihm der Vergleich mit Atlantis auf der Zunge. Gemeinsam mit Unterwasserarchäologen suchten sie die Küste vor Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein nach Siedlungsresten ab, um den früheren Verlauf des Ufers exakt kartieren und datieren zu können. Vor allem in der Wismarbucht und vor Poel, aber auch vor dem Darß und vor Rügen wurden sie fündig. „Die Spuren menschlicher Siedlungen führen viel weiter in die Ostsee hinein, als wir angenommen hatten“, sagt Harff.
In der Steinzeit habe sich die Küstenlinie für heutige Verhältnisse offenbar rasend schnell verändert. Bis zu eineinhalb Meter innerhalb eines Jahrhunderts stieg der Meeresspiegel, das ist fast viermal so hoch wie in der Gegenwart. „Siedlungen, die wegen guter Lebensgrundlagen gern am Ufer von Meeren und Flüssen gegründet wurden, mussten mitunter schon nach wenigen Jahrzehnten aufgegeben werden“, sagt Harff. Wasserstellen seien durch das Salzwasser unbrauchbar geworden, mühsam urbar gemachte Landstriche wurden überflutet. Vor Poel hatte es einst eine große Landzunge gegeben, als sie „versank“, verlor der dahinterliegende Fjord die Schutzfunktion für das Festland.
Verantwortlich für die sich schnell verändernde Küstenlinie war keineswegs nur der steigende Meeresspiegel, sondern auch die im Süden sinkenden Küstenabschnitte. „Als die Gletscher noch auf Skandinavien drückten, hoben sich die südlicheren Landmassen empor. Das ist der gleiche Effekt, als presst man die Faust in einen Kuchenteig. Auch der quillt an den Rändern dann über“, sagt Harff. Die auf die Eiszeit folgende Erwärmung ließ die Gletscher schmelzen, der Druck nahm ab, die südliche Ostseeküste sank wieder und tut es immer noch. „Dass Norddeutschland langsam im Meer untergeht, ist eine Folge der Eiszeit“, sagt der Geologe.
Laut Modellrechnung der Wissenschaftler für die kommenden Jahrhunderte werden weitere Teile der Küsten Schleswig-Holsteins und Mecklenburg-Vorpommerns „ertrinken“. Nicht zuletzt, weil Stürme und Brandung an den Küsten rütteln und sie bröckeln lassen. Harff empfindet das nicht als Katastrophe, sondern als beherrschbares Szenario. Generationen von Küstenbewohnern hätten immer wieder vor der Frage gestanden, „welche Region ringe ich dem Meer wieder ab, welche gebe ich auf“.
Mit Küstenschutzplänen stelle sich Deutschland seit Jahren darauf ein. Anders sähe es aber beispielsweise im benachbarten Polen oder in Litauen aus. Harff, der zurzeit als Gastprofessor an der Uni Stettin tätig ist, will deshalb ein Folgeprojekt „Sinkende Küsten“ mit den östlichen Nachbarn anschieben.
Erschienen am 06.05.2009
















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