Sommerhitze
Wo sich Berliner bei der Rekordhitze abkühlen können
In der Hauptstadt soll es am Sonntag bis zu 34 Grad warm werden. Morgenpost Online stellt die schönsten Badestellen und Bootstouren vor.
Silberblau kräuselt sich das Wasser neben dem langen Betonsteg. Vorn, am Ufer, picken Stockenten im nassen Sand herum, ein Kind hat ihnen Brotkrumen hingeworfen. Ganz hinten, am Ende des Stegs, sitzen die Schwimmmeister unterm Sonnenschirm. Männer in blauen Shorts und T-Shirts, braun gebrannt und mit Sonnenbrillen. Männer, die aufpassen. Aufpassen heißt: durch das Fernglas sehen, den Strand und das Wasser beobachten.
Es ist voll in diesen Tagen im Strandbad Wannsee. An diesem Wochenende, dem vermutlich heißesten des Jahres, sind zwölf Aufsichtskräfte in Europas größtem Binnenseebad im Einsatz, damit alles schön sauber bleibt und niemand untergeht. Axel Ott ist eine Art Oberschwimmmeister. Der 62-Jährige arbeitet seit 42 Jahren an dem rund 80 Meter breiten, mehr als einen Kilometer langen Strand des Freibads. Otts Zähne leuchten hellweiß im braun gebrannten Gesicht. Er lächelt oft. Kein Wunder, er hat vielleicht den besten Job der ganzen Stadt.
Nun also 30 Grad, am Sonntag vielleicht sogar 34. Da zieht es alle ans Wasser, vor allem an den Wannsee. Wer dorthin kommt, will Ruhe. Will Wasser. Natur. Manche fahren jedes Wochenende an den See, um zu segeln, zu rudern, Tretboot zu fahren, zu schwimmen oder einfach nur, um spazieren zu gehen. An der Uferpromenade zwischen Tiefehorn und Krughorn flaniert der Berliner gern. Auf die benachbarte Pfaueninsel lassen sich jeden Tag Hunderte Besucher schiffen. Eine BVG-Fähre setzt zu dem kleinen Eiland über, auf dem man nicht nur echte Pfauen sehen kann, sondern auch eine fantastische Sicht auf die südlich gelegene Glienicker Brücke hat. 22 Kilometer entfernt von der Stadtmitte Berlins und fünf Kilometer vor Potsdam, kann man in dem kleinen "preußischen Paradies" umgeben von Wasser picknicken.
Wie Einstein auf dem See
Wer sich ein Boot mietet oder gar ein eigenes besitzt, kann von dort aus über Kanäle und Seenketten fast ganz Brandenburg erkunden. So wie Albert Einstein in den 20er-Jahren häufig mit seinem Segelboot über den Caputher See südlich von Potsdam glitt. In Berlin, bekannte der spätere Nobelpreisträger, war es ihm im Sommer oft zu umtriebig. Bei den Touren über den Caputher See sei ihm auch so manche Idee in den Sinn gekommen, die in späteren Jahren in eine wichtige mathematische Gleichung Eingang fand.
Und wer nach der Bootstour im kühlen Schatten eines Baumes sitzen und eine Berliner Weiße genießen will, sollte sich südlich von Schwanenwerder ein Plätzchen suchen. An kaum einem anderen Ort ist die Sicht auf die Havel und den Sonnenuntergang in der Hauptstadt schöner.
Was für den Westen der Wannsee, ist für den Osten der Große Müggelsee, mit 743,3 Hektar der größte See Berlins. Auch hier, am anderen Ende der Stadt, schippern an den Wochenenden die Segelboote von Ufer zu Ufer. Constanze und Mario aus Friedrichshain leihen sich regelmäßig eine Jolle im Wassersportzentrum Friedrichshagen, Mario hat vor einem halben Jahr seinen Segelschein gemacht. "Es macht einfach Spaß, der Große Müggelsee ist ein perfektes Segelrevier für Anfänger", findet er.
Wer lieber auf dem Wasser statt am Wasser ist, aber keinen Boots-Führerschein hat, kann nicht nur per Dampfer oder Solarboot Berlin und Umland erkunden, sondern auch an Dutzenden Verleihstationen in der ganzen Stadt führerscheinfreie Boote mieten und auf eigene Faust mit Paddel- und Ruderbooten, Kajaks, Kanus, Kanadiern oder Tretbooten die Wasserstraßen und Seen entdecken. Knapp acht Prozent der Fläche Berlins sind Wasser. Genug für alle also, Berliner, Zugezogene und Touristen, Familien, Paare und Singles.
Kaum Wind am Sonntag
Wer es mehr mit Baden hat, sollte früh aufstehen. Ins Strandbad Wannsee jedenfalls sollte man nicht zu spät kommen, denn bei gutem Wetter ist vor lauter Handtüchern und Picknickdecken mittags kaum noch Sand zwischen den Strandkörben zu erkennen.
Der Große Wannsee wurde besungen und in Gedichten bedacht, war vor dem Mauerfall das beliebteste Sommerwochenend-Ausflugsziel der West-Berliner. 282 Hektar groß und durchschnittlich 5,5 Meter tief, ist er eigentlich gar kein See, sondern genau genommen lediglich eine große Ausbuchtung der Havel. An der Südwestseite streckt ein Yachtclub neben dem anderen seinen Privatsteg ins Wasser. Am Großen Wannsee liegen auch die prächtigsten Villen Berlins, wie etwa die von Max Liebermann, die als Museum mit ihrem prächtigen Garten und dem Café mit Blick auf den See ebenfalls ein beliebtes Ausflugsziel ist.
Für Sonntag ist kaum Wind angesagt. Das ist schlecht für die Segler, die weißen Strandkörbe im Strandbad auf der anderen Seite des Großen Wannsees werden sich trotzdem – oder vielleicht auch gerade deswegen – wieder schnell füllen. Kleine Fähnchen zeigen an, wer für einen halben und wer für einen ganzen Tag Miete gezahlt hat.
Drei ältere Damen haben es sich in Badeanzügen am Strand bequem gemacht. Sie beobachten die Enten beim Brotkrumenpicken. Manchmal sind auch Schwäne hier, erzählt die eine den anderen begeistert. Schwimmmeister Michael Gress schwärmt von Kormoranen und Mauerseglern, die dort auch zu Hause sind. "Die Tierwelt hier ist vielfältig", sagt er und zeigt auf ein paar dicke Fische im Wasser am Steg. Angeln sei übrigens verboten.
Weiter hinten auf dem Steg, am Wachhaus, springt gerade Myriam Klinkmüller, die Auszubildende, in eines der Motorboote. Sie streift die Adiletten von ihren Füßen. Barfuß, in kurzer Hose und mit braungebrannten Armen hockt sie im Boot und löst die Taue. Es ist ihr Job, aber irgendwie sieht es nach Urlaub aus. Mit einem Kollegen fährt sie auf den See, um die Begrenzungsbojen für den Schwimmerbereich auszurichten.
Die beiden begegnen einem Mann im Schlauchboot, er ist offenbar von einer der anderen Badestellen nahe dem gegenüberliegenden Heckeshorn hergerudert. "Bleiben Sie bitte hinter den Bojen", ruft Myriam Klinkmüller ihm freundlich zu. Er paddelt langsam über den See. Im Wannsee, vor allem im Strandbad, trainieren regelmäßig Triathleten und schwimmen von Boje zu Boje. Da sind Boote im Schwimmbereich nicht ungefährlich. Auch heute zieht ein Mann seine Runden. Im Neoprenanzug, obwohl die Wassertemperatur bei 25 Grad liegt. Aber Training ist eben etwas anderes als Urlaub.


















