15.08.12

Zukunftstechnologie

FU testet fahrerloses Auto im Berliner Straßenverkehr

Forscher der Freien Universität Berlin arbeiten am Auto der Zukunft. Der Wagen kommt schon jetzt fast ohne Fahrer aus.

Von Markus Falkner
Foto: DPA
Projekt "AutoNOMOS"
Keiner am Steuer: Die FU testet in Berlin ein Auto, das ohne Fahrer durch den Verkehr steuert. Laserscanner und Sensoren erkennen Hindernisse

Batmans Batmobil kann es natürlich. Der schwarze Pontiac K.I.T.T. in der 80er-Jahre-TV-Serie "Knight Rider" konnte es auch schon, und selbst in den 70er-Jahren fuhren die VW Käfer Herbie und Dudu auf der Filmleinwand nötigenfalls schon ohne Fahrer. All das war bestenfalls Science-Fiction oder schlicht Unfug. Inzwischen haben moderne Pkw längst vieles, was sich früher nur Drehbuchschreiber ausdachten: Spur- und Bremsassistenten, Abstandsregler, Einparkhilfen. Doch der Traum vom autonomen Straßenfahrzeug, vom Automobil also im Wortsinn, das ohne Zutun des Menschen im Straßenverkehr sicher sein Ziel erreicht, beschäftigt weiter Wissenschaftler in aller Welt. Zumindest in der Theorie. In der Praxis gibt es derzeit weltweit nur zwei Projekte, die über Planspiele hinaus sind. Für den Internetriesen Google kurven Autos durch den US-Bundesstaat Nevada und haben dort im Frühjahr 2012 die Straßenzulassung erhalten. Das weitere Fahrzeug fährt durch Berlin.

Kofferraum vollgestopft mit Technik

Sein Name: MadeInGermany, kurz MIG. Entwickelt haben es Wissenschaftler der Arbeitsgruppe künstliche Intelligenz der Freien Universität (FU) Berlin um den Informatikprofessor Raúl Rojas. Auf den ersten Blick unterscheiden den silbergrauen VW Passat nur ein paar Details von einem normalen Auto. Das auffälligste ist ein rotierender Metallzylinder auf dem Dach, ein Hochleistungs-Laserscanner, der mit Infrarotlicht Hindernisse und deren Entfernung erkennt. Weitere Scanner, Sensoren, Kameras sind in Stoßstangen und Scheiben integriert, mit einem hochgenauen GPS-System erkennt das Auto seine präzise Position. Ein Hodometer am linken Hinterrad ermittelt präzise die gefahrene Wegstrecke. Der Kofferraum ist vollgestopft mit Computertechnik, die die Vielzahl der Informationen in Sekundenbruchteilen zusammenführt, analysiert, an Gas- und Bremspedal sowie die Lenkung weiterleitet und so in Fahrmanöver umsetzt. Das Auto erkennt andere Fahrzeuge, Gegenstände, Fahrbahnmarkierungen, Passanten, Ampelphasen und Geschwindigkeitsbegrenzungen. Aus dem Basis-Passat für etwa 30.000 Euro ist so ein Hightech-Gefährt der Zukunft geworden. Sein Wert: geschätzte 400.000 Euro.

Fahrerlos am Ernst-Reuter-Platz

Mehr als zwei Millionen Euro haben die FU-Wissenschaftler seit November 2009 in die Entwicklung gesteckt, unterstützt vom Bundesforschungsministerium. Vor einem guten Jahr stellten sie ihr Auto erstmals öffentlich vor. Damals sahen verblüffte Reporter, wie der Kombi ohne Zutun des Fahrers über den ehemaligen Flughafen Tempelhof kurvte. Beeindruckend, ohne Frage. Doch weit weg von der Realität des Berliner Straßenverkehrs.

Seitdem hat MIG viel gelernt. So viel, dass selbst Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) am Mittwoch gelassen auf dem Rücksitz Platz nimmt, als das Auto über den kurvigen Parcours des ADAC-Übungsplatzes in Tegel fährt, entschlossen überholt und souverän vor einem Rollstuhlfahrer stoppt.

Bereits kurz nach der Vorstellung in Tempelhof hatten die Behörden und der TÜV im Sommer 2011 grünes Licht für den Straßeneinsatz gegeben. Seitdem haben die Forscher unzählige Fahrten unternommen. Zwar sitzt im Straßenverkehr stets ein Fahrer hinter dem Lenkrad, um nötigenfalls reagieren zu können. Auch der Beifahrer, der auf dem Laptopmonitor die Funktionen überwacht, ist Pflicht. Eingreifen müssen sie aber nur selten, wie der wissenschaftliche Projektleiter und häufigste MIG-Fahrer Tinosch Ganjineh bestätigt. Vom Flughafen Schönefeld zum Brandenburger Tor, 45 Minuten auf Autobahnen, Bundesstraßen und in der Innenstadt – das meistere der Wagen fast fehlerfrei, sagt Ganjineh. Und selbst einen der berüchtigtsten Verkehrsknoten der Stadt beherrsche das fahrerlose Auto inzwischen perfekt – den Kreisverkehr am Ernst-Reuter-Platz.

Serienreife in zehn bis 15 Jahren

Ein K.I.T.T. oder Batmobil ist der MIG damit noch lange nicht. Noch schwächelt die Technik in einigen Bereichen. In den zahlreichen Berliner Baustellen kommt es beispielsweise regelmäßig zu Problemen. Zwar haben die Forscher dem Computer beigebracht, weiße und gelbe Fahrbahnmarkierungen zu unterscheiden, doch kämpft das System noch mit den reduzierten Geschwindigkeiten, weil es Tempolimits aus dem gespeicherten Kartenmaterial entnimmt, statt die Schilder zu erkennen. Am häufigsten muss der sogenannte Sicherheitsfahrer allerdings aus einem anderen Grund zum Lenkrad greifen. Neugierige Verkehrsteilnehmer geraten bisweilen aus der Spur, weil sie mehr auf das merkwürdige Auto mit dem Dachlaser achten als auf den Verkehr. Für ein anderes berlintypisches Problem haben die Entwickler hingegen schon eine Lösung gefunden. Weil Autos, die regelkonform mit maximal 50 Kilometern pro Stunde durch die Stadt fahren, vom Durchschnittsberliner als Verkehrshindernis wahrgenommen werden, haben sie ihrem Auto erlaubt, etwas schneller zu fahren.

Fehler erkennen, Lösungen finden – wie lange aber wird es dauern, bis die heutige Zukunftstechnik made in Berlin im Alltag ankommt? Projektleiter Ganjineh rechnet in zehn bis 15 Jahren mit serienreifen und bezahlbaren Lösungen für den vergleichsweise unkomplizierten Autobahnverkehr. Bis autonome Autos in den Innenstädten ankommen, werden nach seiner Schätzung 15 bis 20 Jahre vergehen. Google will es nach eigenen Angaben schneller schaffen.

Eine Zukunft, in der massenhaft Fahrzeuge ohne Fahrer durch Deutschland rauschen, daran glaubt Forschungsministerin Schavan allerdings nicht. Sie sieht ganz andere Anwendungsmöglichkeiten für die Technik aus Berlin. Mit der Sensorik und Steuerungstechnik könnten etwa "intelligente Mobilitätslösungen" für ältere oder behinderte Menschen entstehen, sagt sie. Die FU-Informatiker haben da schon mal vorausgearbeitet. Als kleinen Ableger des MIG haben sie schon einen Elektro-Rollstuhl gebaut.

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