13.08.12

Olympia 1956

Halla – Goldmedaille für die "Wunderstute"

Deutschlands Springreiter scheiterten in London. Sie hatten auch kein Pferd wie die "Wunderstute" Halla. Die trug 1956 in Stockholm ihren fast ohnmächtigen Reiter Hans Günter Winkler zum Sieg.

Foto: dpa

Die Stute und ihr Reiter: Die dreifache Goldmedaillengewinnerin Halla und der mehrfache Weltmeister und fünffache Olympiasieger Hans Günter Winkler (Jg. 1926).

4 Bilder

Es ist das schlechteste Ergebnis seit 84 Jahren: Nicht einmal Bronze haben die deutschen Springreiter in London geholt. Hengst Plot Blue riss bereits das erste Hindernis. Der Stute Bella Donna, so heißt es, habe die "Frische" gefehlt. Vermutlich waren auch ihre Reiter nicht in Form. Umso mehr mag sich mancher nach einem Pferd gesehnt haben, das den Parcours von ganz alleine meistert – so wie es der "Wunderstute" Halla nachgesagt wird, die das erste olympische Gold im Springreiten nach dem Zweiten Weltkrieg holte.

Am 17. Juni 1956 wurde die braune Stute mit dem weißen Fleck auf der Stirn in Stockholm – wo die Reiterwettbewerbe von Melbourne stattfanden – zur Legende. Ihr Reiter, Hans Günter ("HG") Winkler hatte sich in der ersten Runde verletzt. Bei deinem Sprung rissen ihm Muskeln in Leiste und Bauch, Winkler konnte sich kaum im Sattel halten. Am Nachmittag begann der zweite Umlauf im Springreiten. Die deutsche Mannschaft führte vor England.

Nun kam es auf Winkler an. Der angeschlagene Reiter musste zumindest ins Ziel kommen und nicht alle Hindernisse umwerfen – dann war die Goldmedaille in der Mannschaftswertung sicher. Winkler aber konnte kaum stehen, bei einem Proberitt wurde er fast ohnmächtig.

Tabletten, Zäpfchen, Morphiumspritze

Mit dem Doping nahm man es damals wohl nicht ganz so genau: Schmerztabletten, Zäpfchen und eine Morphiumspritze bekam Winkler, um die Runde irgendwie zu überstehen. Gegen den Medikamentennebel trank er eine ganze Kanne Kaffee, es half nichts, mehrmals mussten ihn seine Kollegen wachrütteln. Dann begann der entscheidende Ritt. Bei jedem Hindernis schrie Winkler vor Schmerz auf. Doch am Ende blieb er als Einziger fehlerfrei. Sein Ritt brachte nicht nur das deutsche Team nach ganz oben aufs Podest, auch in der Einzelwertung holte Winkler Gold.

Der Ruhm aber wurde weniger dem Reiter, als seinem Pferd zugeschrieben. Winkler, so hieß es damals, habe "förmlich am Hals von Halla gebaumelt", und seinem Pferd weder durch Zügelsignale noch durch Schenkeldruck die nötigen Hilfestellungen geben können. Ein Mythos war geboren: Halla habe sich ihren Weg durch den Parcours selbst gesucht, weil ihr die Goldmedaille für Deutschland so am Herzen lag.

Nur wenige Jahre zuvor hatte das Deutsche Olympiadekomitee für Reiterei (DOKR) noch ein vernichtendes Urteil über sie gefällt: Halla, so die Funktionäre, sei untauglich für den Leistungssport. Tatsächlich war das Fohlen eines Wehrmachts-Beutepferdes aus Frankreich und eines deutschen Traberhengstes ein recht phlegmatisches Tier, fraß schlecht, schaukelte im Stall autistisch hin und her, versagte in der Disziplin Dressur und auch beim Military (dem heutigen Vielseitigkeitsreiten), galt als schwieriges Pferd.

"Liebe Halla, wie geht es Dir?"

Doch dann, eines Tages Anfang der 50er-Jahre, schwang sich der junge Springreiter Hans Günter Winkler auf ihren Rücken und, um es mit Winklers Worten zu sagen: "Es machte klick." Der unaufhaltsame Aufstieg des Duos begann. 125 Springsiege, darunter drei Goldmedaillen hat Halla in ihrer zwölfjährigen Laufbahn gewonnen. Der denkwürdige olympische Ritt 1956 machte sie zur "Wunderstute", auch wenn ein Miesmacher später Bilder der Deutschen Wochenschau analysierte und belegte, dass der vermeintlich handlungsunfähige Reiter Winkler jederzeit die Kontrolle über die Zügel behalten und alle gewohnten Hilfen gegeben hatte.

Hallas Beliebtheit tat das keinen Abbruch: Die Stute bekam Fanpost aus aller Welt ("Liebe Halla, wie geht es Dir?") und tonnenweise Würfelzucker zugeschickt. Ihr zu Ehren wurde eine lebensgroße Bronze-Plastik vor dem Sitz des DOKR aufgestellt. Am 19. Mai 1979 starb die Stute im stolzen Alter von 34 Jahren und drei Tagen. Sie hinterließ acht Kinder, die allerdings nie so erfolgreich wurden wie sie. Halla bleibt bis heute ein Ausnahmepferd. Allein schon deshalb, weil die Deutsche Reiterliche Vereinigung ihren Namen gesperrt hat: Kein Turnierpferd darf je wieder "Halla" getauft werden.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Mehr Obst und Gemüse: Viele Schulen wünschen sich gesünderes Essen für ihre Schüler
07:16Schulessen
Berliner Senat verdirbt Eltern den Appetit

Die Reform des Schulessens wird am Donnerstag im Bildungsausschuss des Abgeordnetenhauses abgestimmt. Eltern sollen künftig 37 Euro statt 23 Euro zahlen. Sie hoffen jetzt auf eine soziale Staffelung. mehr...


Sängerin Beyoncé ist in der O2 World in Friedrichshain zu Gast
22.05.13Terminvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Donnerstag

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Donnerstag, den 23. Mai. mehr...


Die 13.000 BVG-Beschäftigten können sich über ein Lohnplus von knapp 4,8 Prozent in zwei Jahren freuen
07:16Kommentar
Die BVG ist einen bemerkenswerten Kompromiss eingegangen

Die Berliner Verkehrsbetriebe und die Gewerkschaften haben sich rasch auf einen neuen Tarifabschluss geeinigt. Nun ist die Landespolitik gefordert, die sich klar zu ihrer BVG bekennen muss. mehr...


Am Dienstagnachmittag gegen 17.30 Uhr wurde 82 Jahre alter Mann in einer Supermarkt-Filiale erstochen
07:14Mord an Fleischtheke
Verdächtiger wird voraussichtlich in Psychiatrie eingewiesen

Nach der tödlichen Messerattacke auf einen 82-Jährigen in einer Kaufland-Filiale im Wedding muss geklärt werden, ob der mutmaßliche Täter voll schuldfähig ist. Sein Motiv ist weiterhin unklar. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Oklahoma Wiedersehen nach dem schweren Tornado
Umzug Karneval der Kulturen 2013 - Berlin ist bunt
US-Kongress Apple verteidigt Steuersparmodell
Xbox One Microsoft stellt neue Spielkonsole vor
 
title
Abi 2012

Hier finden Sie eine Übersicht der Abiturienten.mehr

1085783744.jpg
Ausbildung 2013

Ratschläge zur erfolgreichen Gestaltung und zur Berufswahlmehr

Bildschirmfoto 2013-05-07 um 15.39.57.png
Outletcenter

Diese Outletcenter bieten gute Ware zu günstigen Preisen... mehr

Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Bilder von oben

Das zerstörte Oklahoma City aus der Luft

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote