01.08.12

Sensationelle Funde

Der dreiäugige Saurier aus dem Thüringer Wald

Spinnen, Seeskorpione und Saurier: Fossilien, wohin das Auge blickt. Hobby-Forscher haben mitten im Thüringer Wald 30.000 sensationelle Funde gemacht. So viele wie nirgendwo sonst in Europa.

Von Ulli Kulke

Fällt ein ausgewachsener, stattlicher Baum, umgeworfen durch starken Wind, so hinterlässt sein herausgerissenes Wurzelwerk meist eine Grube. Der Waldboden öffnet sich. Genau so eine Stelle war es, eine noch recht frische Vertiefung, die Andree Amelang aus Stützerbach auffiel, mitten im Thüringer Wald, oben in der Nähe des Kamms. Er riskierte einen Blick. Und landete in einer anderen, einer fernen, fantastischen Welt.

"In 15 Zentimeter Tiefe ging es los", erzählt er über jenen Moment, "da hielt ich schon den versteinerten Rest einer Farnpflanze in der Hand." Nur ein wenig Erde schabte Amelang mit seinen Fingern beiseite und entdeckte weitere Versteinerungen, hier ein deutlich geformter Zweig, dort ein regelmäßiges Blattwerk.

Kleine Appetithappen für den Hobby-Paläontologen. Es war schon spät, Andree Amelang merkte sich die Stelle oberhalb eines kleinen Baches. Am nächsten Tag kehrte der gelernte Straßenbauer zurück, ausgerüstet mit einer kleinen Gartenschaufel, einem Rucksack und ein paar Plastiktüten – seine Utensilien für eine Zeitreise: Keine zwei Handbreit tief unter dem samtweichen Boden des lichten, stummen Mischwaldes, an einem Hang, öffnete sich dem Thüringer nun zügig das Erdaltertum.

Fossilien, wohin das Auge blickt

In seiner ganzen lebendigen Vielfalt, geronnen zu Stein. Über 30, 40, 50 Zentimeter ging es hier nach unten – und zurück mitten hinein ins Perm, über 300 Millionen Jahre, ungewöhnlich dicht unter der Oberfläche. Jeder Millimeter fast eine Million Jahre.

Fossile Spinnen fand er, 20 Zentimeter lange Seeskorpione, Insektenreste, Stachelhaie, Quastenflosser. Amelang ist zurzeit arbeitslos, hat Zeit, und so verbrachte er Wochen danach noch in der Grube.

Die ist inzwischen vier, fünf Meter tief, etwa 15 Meter lang, und immer noch hält er den genauen Ort der Grube geheim. Schätzungsweise 30.000 Fossilien förderte er zutage, der Fund seines Lebens und eine Sensation nicht nur für ihn. In ganz Europa wurden an keiner anderen einzelnen Stelle so viele Fossilien aus dem Erdaltertum gefunden.

Amelang ist nicht unbeleckt in dem Thema, seit Längerem schon hilft er in seiner Freizeit aus im Naturhistorischen Museum Schloss Bertholdsburg in Schleusingen bei Zella-Mehlis. Nach ein paar Tagen buddelte er auch nicht mehr allein. Der Thüringer Geologe Stephan Brauner von Geopark am benachbarten Inselberg wühlte mit.

Funde sind sensationell

Doch auch sie beide konnten bei der Fülle, die ihnen dort aus dem Untergrund entgegenkam, längst nicht mehr an Ort und Stelle die Arten bestimmen. Was nicht gleich offen zutage trat, kam mit einem fachmännisch dosierten Hammerschlag auf Steine oder Kiesel ans Licht, fast jeder Hieb ein Treffer. Alles wanderte in die Tüten und kam in die Bertholdsburg.

Noch immer fühlen sich die beiden Hobby-Paläontologen unentdeckt, auch wenn hin und wieder schon mal jemand in der Nähe vorbeistreifte. Es gibt viel zu suchen und zu vermuten oben im Thüringer Wald. Mit ein bisschen Fantasie jedenfalls, und wer lange genug sucht, so wie Amelang und Brauner, der begegnet zwangsläufig auch Gleichgesinnten, mitten im Tann; den Neugierigen, den Entdeckern. Unten im Bach ist hier und da der Goldwäscher bei der Arbeit und sammelt seine mikroskopisch kleinen Nuggets.

"Kürzlich kam ein Wünschelrutengänger vorbei und schaute uns neugierig zu", erzählt Amelang, "und dann war da noch der Mann, der uns erzählte, er sei auf der Suche nach einem geheimen Bunker von Ribbentropp, Hitlers Außenminister, dort oben, stellen Sie sich vor." Auch das Bernsteinzimmer soll ja, wie manche glauben, irgendwo eingelagert sein in der Gegend. Es wird wohl nie gefunden werden. Aber auch Amelangs und Brauners Funde sind schon sensationell genug.

Immer wieder liefen sie zu der Bertholdsburg, mit ihren Tüten voller Fossilien, ihren Wundertüten, gaben die Funde beim Präparator des Museums ab. Dass es sich um Versteinerungen handelte, sahen die beiden, mehr zumeist nicht. Sie konnten nicht ahnen, was sie da im Einzelnen angeschleppt hatten. "Aber der Präparator ist ein Zauberer", schwärmt Amelang vom Genie Georg Sommers, der die angelieferten Bruchstücke zusammenfügt.

Babysaurier im Rucksack

Eines Abends waren es zwei Rucksäcke voll, 50, 60 Einzelstücke, dunkler, schieferartiger, gebrochener Stein, den sie bei Sommer in seiner Werkstatt in der Bertholdsburg ablieferten. Am nächsten Tag schon, nach ein paar Stunden Puzzlearbeit, konnte er ihnen eröffnen: "Ihr habt einen Saurier gefunden, an die zwei Meter lang." Und damit nicht genug. Auch eine Handvoll Babys des Reptils, kaum aus dem Ei geschlüpft und schon auf ewig erstarrt, fanden sich in den Rucksäcken. Was will man mehr finden aus dem Erdaltertum?

"Das war natürlich die Krönung", sagt Amelang. Nach und nach schälte sich in der Hand des Präparators die ganze Persönlichkeit des Sauriers heraus. Eine flache, fast frech anmutende Schnauze hatte er. Und, was seine Zeitreise fast schon zum Science-Fiction-Trip machte: "Er verfügte über ein drittes Auge, ganz oben auf dem Kopf", hat Ralf Werneburg, der Direktor des Museums entdeckt, "sogar die Sinneslinien auf dem Schädeldach sind noch zu sehen, die ihm die Orientierung erleichterten."

Nach einem früheren Fund von Einzelteilen bei Manebach ganz in der Nähe hatte man im Museum schon mal das Modell eines ähnlichen Sauriers angefertigt – der neuerliche Fund bestätigt nun noch einmal: So könnte er tatsächlich ausgesehen haben, nur das dritte Auge fehlt bei ihm.

Vorläufer des T-Rex?

Auch der Speisezettel des Sauriers ist heute, 300 Millionen Jahre nach seinem letzten Mahl, noch nachzulesen. Denn auch den Kot des Tieres, noch kurz vor seinem Exitus abgegeben, hat Amelang in der Bertholdsburg abgeliefert, ebenfalls versteinert. Darin fanden sich Reste von Fleisch, Fisch, auch Flügel überdimensionaler Insekten. Der kleine Saurier, ein Superraptor?

Ein Vorläufer jenes riesigen Tyrannosaurus Rex, der dann später, bis vor 65 Millionen Jahren, vergleichsweise also fast schon im Heute, die Welt unsicher machte? In der Größe kam er allerdings nicht heran an den T-Rex, um in sie hineinzuwachsen, benötigten die Echsentiere da noch 200 Millionen Jahre.

Doch das Leben war auch damals, im Erdaltertum, ein ewiges Fressen und Gefressenwerden, und die Walstatt der Kämpfer war ein See. Die Vorstellung ist eine Herausforderung für die Fantasie, aber dort, wo heute die Bob- und Skifahrer die steilen Hänge des Thüringer Waldes bei Oberhof oder Zella-Mehlis hinunterjagen, war einst ein Binnenmeer, mitten im Superkontinent Pangaea. "Ganzerde", so könnte man ihn wohl aus dem Altgriechischen übersetzen, er war der einzige Kontinent.

Galerieartige Wälder

Damals, als Thüringen langsam, aber sicher hindriftete zum Äquator, musste sich unser dreiäugiger Saurier in dem See mit den stattlichen Stachelhaien herumschlagen, mit Tausendfüßlern, die um einiges länger waren als er selbst, mit (etwas) kleineren, aber heimtückischen Seeskorpionen, Süßwasserquallen und vielem anderen.

Alles längst ausgestorben und nun von Amelang wieder aus dem Jenseits frühester Erdzeitalter ins Hier und Jetzt geholt – wenigstens in die Vitrinen der Museumsburg in Schleusingen. "Genmaterial zur Wiedererweckung haben wir nicht gefunden", bemerkt Museumsdirektor Werneburg scherzhaft am Rande, "Jurassic Park wird nicht stattfinden".

Wer auch immer damals, beim Kampf in dem großen See Oberwasser behielt, er hat die Geburt der vielleicht ersten romantischen Landschaften erleben dürfen. Die ersten Wälder, noch schütter angesichts dessen, dass man sich in tropischen Breiten befand, Bandblattbäume, Schachtelhalme, Baumfarne, "galerieartige Wälder", sagt Werneburg.

Im Perm kam es zur Katastrophe

Doch die Kreaturen von damals, auch ihre Nachfahren, haben nicht lange davon zehren können. Noch im Perm nämlich setzte das größte Sterben der Erdgeschichte ein, womöglich war es eine gewaltige Vulkanexplosion, die mit ihren Auswürfen die Chemie und die Zirkulation der Atmosphäre und der Meere durcheinanderbrachte und Flora wie Fauna den Garaus machte.

Der Exodus der Saurier vor 65 Millionen Jahren, in populärer Sicht heute wohl das berühmteste große Aussterben, war nichts dagegen. Gegen Ende des Perm starben 65 Prozent aller Landbewohner aus und sogar 95 Prozent aller Wassertiere. Auch unser dreiäugiger Saurier. Spurlos verschwunden ist er nicht, dank Andree Amelang – und dem Sturm, der den Baum entwurzelte.

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