27.07.12

TÜV-Test

Urlaubsmitbringsel sind oft Schund

Von entflammbar bis krebserregend: Der TÜV beanstandet fast 40 Prozent aller Souvenirs.

Foto: DPA
Schund: Der TÜV kritisiert Qualität und Sicherheitsrisiken von Souvenirs
Schund: Der TÜV kritisiert Qualität und Sicherheitsrisiken von Souvenirs

Es ist eine Situation, die sich im Sommer millionenfach an den beliebten Urlaubszielen abspielt: Die Kinder wollen unbedingt eine coole Sonnebrille oder eine Wasserpistole, die Eltern kaufen an einem Strand-Stand oder einem typischen Touristenladen das Objekt der Urlaubsbegierde. Doch Souvenirs wie Sonnenbrillen oder Spielzeug sind vielfach Schund und manchmal sogar gefährlich. Das hat eine Untersuchung des TÜV Rheinland ergeben. Der Schwerpunkt des jährlichen Souvenir-Tests lag in diesem Sommer auf Spielzeug: Stofftiere, Plastikpistolen, Seifenblasen, Gummibälle – auf alldem, was man am Strand für ein paar Euro kaufen kann, wenn die Kinder quengeln.

Zu Hause würde man diese Sachen meistens nicht anrühren. "Die Hemmschwelle gerade im Urlaub ist äußerst gering. Da will man kein Spielverderber sein und kauft das, auch wenn man weiß, dass das nicht ewig halten wird", sagte TÜV-Sprecher Ralf Diekmann. Die schlechte Qualität sei das eine. "Manches ist aber auch noch gefährlich."

Der TÜV kaufte in Spanien, Italien und den Niederlanden, aber auch an der deutschen Nordseeküste rund um Wilhelmshaven, Cuxhaven und auf den Ostfriesischen Inseln ein. In Laboratorien in Köln und Nürnberg wurden die Mitbringsel getestet. So kamen 134 gekaufte Spielartikel, Sonnenbrillen und Fußball-Shirts zwischen 99 Cent und 20 Euro zusammen, von denen 52 Mängel aufwiesen – also fast 40 Prozent der Mitbringsel.

Weichmacher und lose Teile

Darunter waren beispielsweise Spielzeugschweine ohne Augen und Stoffmäuse mit abgebranntem Schwanz. Gummibälle enthielten Weichmacher und Stofftiere verloren leicht die Augen, stellten die TÜV-Prüfer unter anderem fest. Bei batteriebetriebenen Stofftieren waren die Fächer zum Teil nicht gesichert, sodass kleine Kinder die Batterien im schlimmsten Fall verschlucken könnten. Diekmann: "Einige Spielzeuge sind auch durch die Brandprüfung gefallen." Ihr Fell fing zu schnell Feuer.

Besonders schwerwiegend waren die Mängel bei Spielsachen: Von 45 gekauften Spielzeugen hielten 28 den mechanischen und chemischen Anforderungen nicht stand. Sie erfüllten nicht die Vorgaben der EU-Spielzeugrichtlinie. "Diese Produkte stellen ein Sicherheitsrisiko für Kinder dar und dürfen so nicht verkauft werden", sagte TÜV-Vorstandsmitglied Ralf Wilde. Bei einer Seifenblasenpistole etwa war die Flüssigkeit verkeimt. Die Spielwaren stellten eine Gefahr für Kinder dar und dürften erst gar nicht in Kinderhände geraten, hieß es.

Auch bei Sonnenbrillen gab es viel Schatten. Der TÜV findet die Ergebnisse "teilweise erschreckend". Bei 40 Prozent stellten die Tester zum Teil gravierende Mängel fest. Einige waren etwa zu stark getönt. "Wenn man dann mit dem Auto in einen Tunnel fährt, dunkeln die so stark ab, dass man gefährlich wenig sehen kann", erklärte Diekmann. "Es muss dann ausgewiesen sein, dass diese Brille nicht für den Straßenverkehr geeignet ist. Der normale Mensch kann das nicht erkennen." Einige Brillen hätten die Sicht zudem so stark verzerrt, dass dem Träger nach längerem Tragen richtig schlecht werden könne. "Viele der gekauften Brillen verschlechtern das Sehvermögen", fasste Patrick Niklaus, TÜV-Experte für Augenschutz, zusammen. "Hier wird am falschen Ende gespart." Der TÜV testete 60 Sonnenbrillen aus Souvenir- und Billigläden oder direkt vom Strand.

Einen Lichtblick gab es nur bei Fußball-Shirts. Hier wurden die Grenzwerte für Schadstoffbelastungen eingehalten. Die Qualität war allerdings in den meisten Testfällen mangelhaft. Bei der Mehrheit waren Stoffe, Verarbeitung und Farben im schlechten Zustand. Die Shirts waren schief genäht und der Druck unsauber. Wilde vermutete, dass bei solcher Billigware auch die Umwelt- und Sozialstandards bei der Produktion "auf sehr niedrigem Niveau" liegen dürften.

Der TÜV betont: Die Qualitätsmängel bestehen unabhängig vom Einkaufsland – sie finden sich überall. "Die mangelhafte Sicherheit von billigen Freizeitartikeln ist ein europäisches Problem, kein nationales." Es existierten zwar klare europäische Regelungen, das Problem sei jedoch der Vollzug. "Da gibt es kaum wirksame Kontrollen der Produkte. Hier muss sich etwas ändern."

Der TÜV empfiehlt Verbrauchern deshalb, Fachgeschäfte und bekannte Einzelhandelsketten oder Kaufhäuser auch im Urlaub vorzuziehen. Ein Blick auf das Etikett oder die Beschriftung helfe meistens weiter. Scharfe Kanten und eine schlechte Verarbeitung ließen sich von Eltern ertasten. Schwimmlernhilfen sollten ein GS-Zeichen (Geprüfte Sicherheit) aufweisen. Ein negativer Trend werde fortgeschrieben, hieß es. 2009 fielen mehr als 60 Prozent der gekauften Artikel durch, 2010 über 35 Prozent.

"Wir fordern seit mehr als zwei Jahren eine Verschärfung der Grenzwerte der EU-Spielzeugrichtlinie", erklärte NRW-Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne) angesichts der TÜV-Ergebnisse. Er kritisierte Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU). Diese sei hier lange nicht tätig geworden. In Deutschland und Europa müsse es eine "Nulltoleranz-Politik" bei gefährlichen Weichmachern und anderen gefährlichen Stoffen in Spielzeugen geben.

Quelle: BMO
© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Lokführer-Streik "Rücksichtsloses Treiben auf dem Rücken der…
Vulkanausbruch So sieht der brodelnde Babardunga von oben aus
Werbekampagne Hier heiratet ein zwölfjähriges Mädchen
Homosexualität Gemischte Gefühle zum neuen Tonfall des Vatikans
websiteservice.jpg
Websiteservice

Sie machen Ihr Business. Wir Ihre Websitemehr

Timetraveller.jpg
Timetraveller

Mit der Morgenpost und Timetraveller Geschichte erlebenmehr

Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Lichterglanz

Berlin erstrahlt beim "Festival of Lights"

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote