24.07.12

Nationalsozialismus

Joseph Goebbels ist jetzt online recherchierbar

Die täglichen Notizen und Diktate von Hitlers Propagandaminister gelten als eine der wichtigsten Quellen der deutschen Zeitgeschichte. Jetzt sind sie als Datenbank nutzbar. Allerdings nicht kostenlos.

Die neuesten technischen Mittel waren Joseph Goebbels gerade gut genug: Im Dienste seines "Führers" interessierte sich Hitlers Propagandaminister stets für neue Entwicklungen. Als er noch der Chef einer unbedeutenden Splitterpartei mit wenigen tausend Anhängern in Berlin war, startete er die aggressive Abendzeitung "Der Angriff".

Und sobald er Anfang 1933 Zugriff auf den seinerzeit noch streng staatlich organisierten deutschen Rundfunk hatte, nutzte er dieses Medium, ebenso wie bald darauf die Wochenschauen, Kinofilme und ab 1936 die allerersten Fernsehgeräte. Der "Volksempfänger" wurde zu seinem größten Erfolg – ein preiswertes Radio, das allen "Volksgenossen" ermöglichen sollte, die Reden der NSDAP-Größen zu hören.

Doch trotz seiner Affinität für Kommunikationstechnik hätte es Goebbels gar nicht gefallen, was jetzt online gestellt wird: Die mehr als 30 Bände der wissenschaftlichen Edition der Goebbels-Tagebücher sind ab sofort über eine Datenbank des renommierten Berliner Wissenschaftsverlages Walter de Gruyter abrufbar. Der Zugang kostet je nach Nutzung und Dauer zwischen 99 Euro pro Jahr und 2590 Euro einmalig.

Erste wirklich vollständige Ausgabe erst spät

Schon seit den späten Vierzigerjahren waren Fragmente der 7000 handschriftlichen Tagebuchseiten aus den Jahren 1923 bis 1941 und den – mit sehr großer Type getippten – rund 50.000 Blatt Diktaten von 1941 bis 1945 erschienen.

Doch erst nach vielfältigen Irrungen und einer scharf kritisierten ersten wissenschaftlichen Ausgabe 1987 entstand nach dem Zusammenbruch des Kommunismus mithilfe von in Moskauer Archiven überlieferten Glasplattenkopien eine wirklich vollständige Ausgabe, die bis 2006 vom Institut für Zeitgeschichte herausgegeben wurde.

Die verantwortliche Historikerin, Elke Fröhlich, hatte ihre Edition einst im Überschwang zum "Urmeter" der NS-Forschung ernannt – und musste dafür zu Recht viel Kritik einstecken. Denn zwar gibt es für keinen anderen engen Mitarbeiter und Paladin Hitlers eine auch entfernt ähnlich ausführliche und persönliche Quelle.

Dennoch darf man Goebbels' Aufzeichnungen nicht wörtlich nehmen. Denn es handelte sich nie um ein ehrlich reflektierendes Tagebuch im eigentlichen Sinne, sondern immer um Instrument seiner Selbstdarstellung.

Tagebucheinträge vor allem zur Selbstbestätigung

In den ersten Jahren, bis zum Durchbruch der NSDAP 1930, dienten die Tagebucheinträge Goebbels offenkundig vor allem seiner Selbstbestätigung. Das zeigt ein Vergleich der Einträge etwa zu Redeauftritten in Berlin mit den entsprechenden Berichten seriöser, liberaler Zeitungen.

Natürlich wusste Goebbels, dass er in seine Kladden oft falsche, meistens viel zu hohe Angaben über Zuhörer notierte. Doch das störte ihn nicht, denn die Tagebuch-Notizen dienten zu dieser Zeit in erster Linie dazu, ihm selbst das Gefühl einer Bedeutung zu geben, die er noch nicht hatte.

Diese Ausrichtung seiner nächtlichen Notizen, die er unter dem Datum des Folgetages aufschrieb und fast immer mit dem Wort "Gestern" begann, änderte sich mit den Erfolgen der Hitler-Bewegung. Nun war nicht mehr das Selbstbewusstsein des kleinen, mit einem verkrüppelten Fuß geschlagenen Mannes der Hauptadressat, sondern das breite Publikum – allerdings nicht in unmittelbar.

Mitte November 1930 konzipierte er zum ersten Mal ein Buch auf der Grundlage seiner eigenen Aufzeichnungen, das "Kampf um Berlin" heißen sollte: "Das muss ein Wurf werden", schrieb er in seine Kladde. Es erschien ein Jahr später und wurde zu einem veritablen Erfolg.

Wandel zur Materialsammlung

In den Tagebüchern ist seit dieser Zeit schleichend, aber deutlich eine Veränderung spürbar: Sie wandeln sich zur Materialsammlung für Artikel, Reden und vor allem autobiografische Bücher wie eben "Kampf um Berlin", dessen geplanter zweiter Band über die Jahre 1928 bis 1933 niemals erschien.

Stattdessen montierte er ab August 1933 seine Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1932/33 zu dem Bestseller "Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei".

Goebbels, der zu dieser Zeit bereits in Saus und Braus lebte und sich auf Staatskosten amüsierte, verkaufte dennoch 1936 die Rechte an Fassungen seiner Tagebücher an den NS-Parteiverlag Franz Eher Nachfolger – für die astronomische Summe von einer Viertelmillion Reichsmark Vorschuss und zusätzlich 100.000 Reichsmark pro Jahr lebenslang. Allerdings hätte er seine Aufzeichnungen vor Veröffentlichungen gewiss stark überarbeitet, denn in Details war er oft eben doch allzu offenherzig.

Erst im Zweiten Weltkrieg, als sich das Schlachtenglück gewendet hatte und das Dritte Reich überall auf dem Rückzug war, wandelten sich die Ausrichtungen der Tagebücher wieder: Erneut wurde Goebbels selbst schleichend zum Hauptadressaten seiner eigenen Propagandabotschaften, mit denen er sich wohl aufzurichten versuchten.

Goebbels Wirkung auf sein Publikum klärt sich von selbst auf

Die Online-Edition, die de Gruyter jetzt startet, umfasst zum ersten Mal auch das 2008 erschienene Schlagwortregister, das die Arbeit mit den etwa 16.800 Seiten des Gesamtwerkes deutlich erleichtert.

Mehr als 200.000 Begriffe hat das Redaktionsteam des Instituts für Zeitgeschichte verlinkt, dazu 60.000 Personen und 50.000 Orte. Die bisher angebotene Datenbank des de Gruyter-Verlages mit Quelleneditionen zum Nationalsozialismus bot diese Funktionalität noch nicht.

Das Bild von Joeseph Goebbels ändert sich durch die neue Online-Edition zwar nicht mehr: Die Inhalte sind identisch mit der gedruckten Version, und ohnehin hat sich seit der großen Goebbels-Biografie des Journalisten Ralf-Georg Reuth von 1991, die demnächst endlich in einer Neuauflage erscheinen wird, wenig getan.

Das belegt auch ein Blick in die neueste Biografie des Londoner Historikers Peter Longerich. Doch dürften die mehr als 30 grauen Leinenbände auf Studenten und interessierte Laien oft abschreckend gewirkt haben.

Dabei lohnt es sich, in der Edition von Goebbels' Notizen zu lesen, weil sich so die Wirkung dieses Demagogen auf sein Publikum von selbst aufklärt. Es ist kein Zufall, dass Neonazis und Holocaust-Leugner in aller Regel wenig bis nichts mit dieser Quelle anfangen können.

Die insgesamt trotz einiger Irrwege und Mängel wie der immer noch fehlenden Sachkommentierung herausragend wichtige Edition zeigt: Der beste Weg, mit NS-Quellen umzugehen, ist schonungslose Offenheit.

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