Leistungssport
Muskelprotz mit Gendoping
Das Erbgut von Sportlern zu verändern ist gefährlich
Olympia 2012 in London – werden das die ersten Gendoping-Spiele? Der Arzt des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Bernd Wolfarth, schließt das nicht aus. Allerdings nur, wenn der Begriff weit gefasst wird und auch Praktiken einschließt, bei denen Gene mit Medikamenten dazu angeregt werden, verstärkt bestimmte Proteine zu produzieren. Einige Experten vermuten, dass schon bei den Spielen von Peking 2008 gengedopte Athleten dabei waren. Nachgewiesen wurde dies bisher aber noch nicht.
In London sei noch nicht von einem "maßgeblichen und nennenswerten Einsatz von Gendoping gemäß der aktuellen Definition der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada" auszugehen, sagt der Sportmediziner Perikles Simon von der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Das heißt, es werde wohl noch kein Erbgut in den Körper geschleust, um die Leistung zu steigern. "Wir können Einzelfälle aber nicht ausschließen."
Offiziell wird es bei den Spielen keine spezifischen Kontrollen auf Gendoping geben. Zurzeit gibt es kein Gendoping-Nachweisverfahren, das validiert und akkreditiert ist", sagt Wilhelm Schänzer von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Deshalb werde es bei den Spielen wohl keinen Test geben. Die Wada beobachte aber mögliche Aktivitäten. "Proben können aber theoretisch bis zu acht Jahre nach Abnahme noch nachgemessen werden", sagt Simon.
Die deutsche Anti-Doping-Agentur (Nada) definiert Gendoping als die "nicht medizinisch angezeigte Verwendung von Zellen, Genen und Bestandteilen von Genen oder die Veränderung der auf dem Gen gespeicherten Information, welche die sportliche Leistung erhöhen kann". Gendoping in diesem engeren Sinne schließt Wolfarth für die nahe Zukunft aus. Bislang sei es nur bei Tierversuchen gelungen, durch gezielte Genmanipulation etwa die Ausdauer von Mäusen zu erhöhen. Er glaubt nicht, dass es gezielte Forschung zu Gendoping im Sport gibt. Solche Arbeiten seien sehr aufwendig und teuer. Allerdings werde in der klinischen Forschung zum Thema Gentherapie gearbeitet. Sobald dort Methoden entwickelt seien, könnten diese für den Sport missbraucht werden.
Was die genetische Ausstattung mit dem Körper anzustellen vermag, zeigen Beispiele aus dem Tierreich: Manche Rinderrassen zum Beispiel sehen absurd aus, weil sie riesige Muskelpakete mit sich herumtragen. Im Genlabor ist eine Schwarzenegger-Maus entstanden. Maus und Rind gemein ist ein defektes Gen für den Muskelregulator Myostatin. Es beschränkt das Wachstum der Muskelmasse von Erwachsenen.
Riskantes Verfahren
Wie groß das Interesse von Sportlern an Gendoping sein kann, schilderte einmal der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention, Herbert Löllgen: Als ein US-Kollege über eine Steigerung der Ausdauer von Mäusen durch Genmanipulation in "Nature" berichtete, wurde er mit E-Mails von Sportlern überhäuft. "Die wollten sich alle für Tests zur Verfügung stellen", sagte Löllgen. "Obwohl das Verfahren sehr riskant und hochgradig krebserregend ist."
Angesichts der schnell fortschreitenden Entwicklung von Gentherapien bleibe wohl nur noch ein kleines Zeitfenster, "bis die ersten Unerschrockenen den Griff zu den 'goldenen Genen' wagen werden", schreiben die Sportwissenschaftlerin Martina Velders vom Uniklinikum Ulm und der Biologe Thomas Beiter von der Uniklinik Tübingen in der "Deutschen Zeitschrift für Sportmedizin". Die Wada hatte Gendoping bereits 2003 in die Liste der verbotenen Substanzen und Methoden aufgenommen. "Unstrittig scheint, dass im Dunstfeld skrupelloser Athleten und deren Entourage eine hohe Bereitschaft besteht, hochriskante und medizinisch kaum geprüfte Verfahren auszuprobieren und anzuwenden."
Ein Gen lässt sich etwa durch ein modifiziertes Virus in das Erbgut von Zellen einschleusen. Unter den Begriff fallen jedoch auch Ansätze, bei denen auf das Ablesen der Geninformation, die Umsetzung in Proteine oder den Abbau aktiver Informationsträger abgezielt wird. So gibt es auch verschiedene Strategien zur Blockade von Myostatin – eigentlich ersonnen für die Behandlung des alters- und krankheitsbedingten Muskelabbaus.
Bei Mäusen führe schon ein einmaliger Gentransfer zu beachtlich mehr Muskelmasse. Verwendet werde dabei das Gen des Myostatin-Gegenspielers Follistatin – bei dem sich eine unmittelbare Übertragbarkeit auf den Menschen abzeichne. Javaneraffen hätten bei Studien am Zentrum für Gentherapie in Columbus (Ohio) mit einem deutlichen Zuwachs an Muskelmasse reagiert. Auswirkungen auf andere Organe seien nicht beobachtet worden.
Bildung von Tumoren
Zu den großen Gefahren des Gendopings gehört aber, dass sich die in den Körper eingeschleuste Erbanlage an einer falschen Stelle im Erbgut einbaut. Dann würde womöglich zwar das gewünschte Protein mit der gewünschten Wirkung hergestellt. Wenn sich das zusätzliche Gen aber in eine andere Erbanlage einbauen würde – so etwas passiert häufig – wäre diese zerstört. Dann kann es im zu Tumoren kommen. "Da bislang kein einziges gentherapeutisches Behandlungskonzept, das für einen Dopingmissbrauch infrage käme, eine umfangreiche klinische Prüfung durchlaufen hat, muss der Athlet hier zwangsläufig Versuchskaninchen spielen", heißt es. "Die kurz- und langfristigen gesundheitlichen Folgen sind nicht kalkulierbar." Die Bildung von Tumoren sei ebenso möglich wie schwere Muskelschädigungen, Thrombosen, Schlaganfall oder Herzinfarkt.
Riskant sei der Transfer von Genen über Viren bei unsachgemäßen Ansätzen allerdings nicht nur für die Sportler, sondern auch für andere Menschen, heißt es im "Deutschen Ärzteblatt". Wenn die Viren doch vermehrungsfähig seien, könnten sie die eingeschleusten Gene auf andere Menschen übertragen, warnt der Mainzer Sportmediziner Simon.
Viele Top-Athleten dürften allerdings auch übelste Risiken kaum ausreichend schrecken: 1982 befragte der US-Mediziner Bob Goldman Spitzensportler, ob sie bereit wären, binnen fünf Jahren zu sterben, wenn ihnen die Einnahme einer Droge eine olympische Goldmedaille sichern würde. Ein überraschend großer Teil bejahte dies, bei weiteren Umfragen bis Mitte der 1990er-Jahre sogar die Hälfte. Unter Nichtprofisportlern war es gerade mal ein Prozent. Profisportler wollen siegen – offenbar um jeden Preis.



















