17.07.12

Leistungssteigerung

Hirndoping ist ein gefährlicher Wunschtraum

Pillen, die schlauer machen, bleiben eine Illusion. Steigern lässt sich nur die Konzentration. Die Nebenwirkungen sind unklar.

Foto: dpa
Arzneimittelreport 2012 - Illustration
Es hilft alles nichts – Medikamente und andere Hilfsmittel steigern die Konzentration höchstens kurzfristig. Ihr langfristiges Risiko aber ist unbekannt

Einfach eine Pille einwerfen, die ganze Nacht durchlernen und die Prüfung am nächsten Tag mit Bravour bestehen. Davon träumt so mancher Student. Kein Wunder, dass es auch immer wieder welche gibt, die ihre geistige Leistung mit Medikamenten zu verbessern suchen. Doch bringen solche Mittel überhaupt etwas? Welche Risiken gibt es? Und was sind die Alternativen?

Suchtgefahr ungeklärt

Fest steht: Kurzfristig sind durchaus leistungsverlängernde Effekte zu beobachten, die sich aber auch durch andere Methoden als durch das Schlucken von Pillen erzielen lassen. Die langfristigen Nebenwirkungen des Gebrauchs von Stimmungs- oder Kognitionsverbesserern sind dagegen überhaupt noch nicht bekannt. Unklar ist etwa, ob sie zu einer körperlichen oder psychischen Sucht führen. Dennoch sind Studenten offenbar nicht abgeneigt, zu den pharmazeutischen Helfern zu greifen.

Vier Prozent nahmen Substanzen ein

So fanden Forscher um Professor Klaus Lieb von der Universitätsklinik Mainz in einer repräsentativen Umfrage heraus, dass rund vier Prozent von 1547 befragten Schülern und Studenten schon mindestens einmal versucht haben, ihre Konzentration, ihre Aufmerksamkeit oder ihre Wachheit mithilfe von legalen oder illegalen Substanzen zu steigern. Häufiger als verschreibungspflichtige Psychostimulanzien nahmen sie illegal erhältliche Substanzen wie Amphetamine, Kokain und Ecstasy ein.

Hochschulalltag besser bewältigen

Auch die Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) in Hannover kam zu der Erkenntnis, dass unter Studenten die – neutral als Neuro-Enhancement oder eher kritisch als Hirndoping bezeichnete – Methode durchaus verbreitet ist. In der repräsentativen HIS-Umfrage unter knapp 8000 Studierenden gab mehr als jeder Zehnte an, dass er seit Studienbeginn etwas eingenommen hat, um die Anforderungen des Hochschulalltags besser bewältigen zu können. Fünf Prozent der Befragten greifen demnach zu Drogen oder verschreibungspflichtigen Mitteln, weitere fünf Prozent zu "weicheren" Mitteln wie pflanzlichen, homöopathischen oder auch Vitaminpräparaten, Kaffee oder schwarzem Tee.

Vergleichbare Nebenwirkungen

Der HIS-Studie zufolge zweckentfremden die "Hirn-Dopenden" vor allem Schmerz-, Schlafmittel und Antidepressiva, Betablocker sowie das unter dem Handelsnamen Ritalin bekannte Methylphenidat. Auch Amphetamine und das ausschließlich zur Behandlung der Schlafkrankheit (Narkolepsie) bestimmte Modafinil sind verbreitet. "Die Nebenwirkungen solcher Mittel bei Gesunden sind vergleichbar mit dem, was auch Patienten angeben, die diese Mittel in der Regel deutlich länger nehmen", erläutert Isabelle Heuser, Professorin für Psychiatrie an der Universitätsklinik Charité in Berlin. Sie hat diverse Studien ausgewertet, um herauszufinden, ob solche Mittel bei Gesunden überhaupt wirken und welche Nebenwirkungen sie haben.

"Weder zu- noch abraten"

So erhöht Modafinil die Konzentrationsfähigkeit bei Schlafmangel, Antidepressiva verbessern die Stimmung, Methylphenidat beruhigt. Ein-, zweimal genommen, seien solche Mittel gut verträglich, sagt die Forscherin. Aussagen über Langzeitnebenwirkungen könne man aber noch nicht treffen. "Ich kann zur Einnahme weder zuraten noch abraten", resümiert Heuser. "Ich selbst hätte aber Angst, etwas zu nehmen, von dem die Langzeitfolgen unbekannt sind."

Schlaf hilft auch

Unbekannt sei den meisten, dass eine akademische Leistungssteigerung durch Pillen bisher nicht belegt wurde, betont Professor Heiner Wolstein vom Wissenschaftlichen Kuratorium der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. Es sei ein Mythos, dass Medikamente die Leistung verbessern. "Sie können die Leistung nur verlängern." Subjektiv seien die Anwender zwar "besser drauf", kreativer und hielten länger durch. "Aber der Effekt ist wie bei einem großen starken Kaffee. Lernen muss man trotz Pille." Häufig wird der gestiegene Druck an den Hochschulen als Grund für Neuro-Enhancement genannt. Heuser rät jedem Studenten, der mit diesem Gedanken spielt, sich zu fragen, warum er es machen will. "Würde Pause machen und gut schlafen nicht vielleicht auch helfen?" Ähnliches rät Wolstein: "Eine Alternative ist, früher mit dem Lernen anzufangen und ausreichend zu schlafen." Ganz schlecht sei es, die Nacht vor der Prüfung durchzulernen. "Die Wahrscheinlichkeit, Gelerntes abzurufen, ist ohne Schlaf viel geringer."

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