05.07.12

Kirche

Warum das Higgs-Boson kein Gottesteilchen sein darf

Erzbischof Ludwig Schick will Gott nicht auf ein Elementarteilchen reduziert und schon gar nicht wie auf dem Seziertisch analysiert wissen. Schöpfung kann für ihn nun mal nicht im Labor nachgebaut werden.

Foto: pa/dpa
Gottesteilchen
Erzbischof Ludwig Schick (rechts) geißelt die Bezeichnung "Gottesteilchen" für das Higgs-Boson

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick appelliert an Wissenschaftler wie Journalisten, das am Europäischen Forschungszentrum Cern entdeckte Higgs-Boson nicht als "Gottesteilchen" zu bezeichnen. Der Begriff "Gottesteilchen" verleite zu dem Missverständnis, das Geheimnis der Schöpfung könne mit der Wissenschaft und dem menschlichen Verstand irgendwann völlig erklärt werden.

Doch Gott lasse sich nicht auf ein Elementarteilchen reduzieren. Das Wort "Gottesteilchen" lasse vielmehr den Eindruck entstehen, "die Wissenschaft strebe an, die Schöpfung im Labor nachbauen oder Gott wie auf dem Seziertisch analysieren zu können".

Auch der Münsteraner Philosophieprofessor Michael Quante spricht sich gegen eine "mystische Überhöhung der Naturwissenschaften" aus. Das Wort "Gottesteilchen" für eine physikalische Entdeckung stehe für eine Entzauberung der alten Weltdeutungen der Theologen und Philosophen, als ob ein "großes Versprechen der naturwissenschaftlichen Welterklärung damit umgesetzt wurde", so Quante.

Verleger ließ sich inspirieren

Es werde damit angedeutet, man habe die letzten Schlüssel zur Erklärung des Kosmos gefunden – quasi die kleinsten Bausteine, hinter denen es nichts mehr gibt. Das erinnere auch an die Reaktion auf die Entschlüsselung des menschlichen Genoms vor einigen Jahren. Doch man könne philosophische und theologische Sinndeutungen nicht durch naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse ersetzen.

Die Aufregung um das Wort "Gottesteilchen" muss den Physikern bizarr erscheinen. Denn sie verwenden diesen anmaßenden Begriff selber nicht – von Einzelfällen abgesehen, und dann eher ironisch und keineswegs mit mystischem Anspruch. Schließlich ist die Erfindung des "Gottesteilchens" doch nur ein Marketing-Gag.

Es war der Nobelpreisträger Leon Lederman, der 1993 ein Buch veröffentlichte, in dem er das Higgs-Boson als "gottverdammtes Teilchen" bezeichnete. Es war der Verleger, der sich davon zu dem Buchtitel "The God particle" inspirieren ließ. Und so war das Wort vom "Gottesteilchen" in der Welt – bis heute.

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Higgs
  • Was genau ist das Higgs-Boson?

    Das Higgs-Boson spielte der gängigen Teilchentheorie zufolge eine zentrale Rolle bei der Entstehung des Universums nach dem Urknall. Das nach dem britischen Physiker Higgs benannte Partikel sorgt demnach dafür, dass alle Objekte eine Masse haben. Wissenschaftler gehen davon aus, dass Teilchen in den ersten Milliardstelsekunden nach dem Urknall zunächst masselos mit Lichtgeschwindigkeit umhersausten. Erst durch die Interaktion mit dem Higgs-Energiefeld bekamen sie Masse und konnten dadurch schließlich das Universum bilden – denn erst durch Masse und Schwerkraft entstanden Sonne, Planeten und schließlich das Leben. Das Higgs-Teilchen selbst lässt sich am ehesten als eine Art Fußabdruck des Higgs-Felds beschreiben.

  • Welche Bedeutung hat es?

    Für die Wissenschaftler ist das Higgs das letzte noch fehlende – aber absolut zentrale – Elementarteilchen, um das sogenannte Standardmodell (siehe unten) zu vervollständigen. Die anderen elf Teilchen wurden bereits entdeckt. Würde das Higgs-Teilchen nicht existieren, stünde das gesamte seit Jahrzehnten die Physik beherrschende Theoriemodell infrage. Nicht zuletzt deshalb war die Cern-Präsentation am Mittwoch über die internationale Physiker-Szene hinaus mit großer Spannung erwartet worden. Ihm vorausgegangen waren Jahrzehnte der Forschung und nicht zuletzt ein Wettlauf zwischen Wissenschaftlern in den USA und Europa. Die Theorie des Higgs-Teilchens wurde erstmals 1964 von sechs Physikern aufgestellt, darunter Peter Higgs. Zum Unverständnis vieler Wissenschaftler bekam das Teilchen wegen seiner fundamentalen Bedeutung in der Öffentlichkeit den Beinamen „Gottesteilchen“.

  • Wie verlief die Suche?

    Die Suche nach dem Higgs-Boson begann ernsthaft erst in den

    1980er Jahren und zwar in der Großforschungsanlage Fermilab in den USA – in dem inzwischen stillgelegten Teilchenbeschleuniger Tevatron nahe Chicago. In einer ähnlichen Anlage wurde bald darauf am Cern nahe Genf nach dem Higgs gesucht. In die heiße Phase trat die Fahndung nach dem speziellen Teilchen dort aber erst 2010, als der neue Beschleuniger LHC in Betrieb genommen wurde.

  • Was ist der LHC?

    LHC steht für „Large Hadron Collider“, den weltweit größten und im Bau drei Milliarden Euro teuren Teilchenbeschleuniger. Die Suche nach dem Higgs gehörte zu den zentralen Aufgaben der gigantischen Anlage. In einem 27 Kilometer langen Ringtunnel an der Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz werden die Bedingungen unmittelbar nach dem Urknall nachempfunden. Dafür werden Protonen mit einem an die Lichtgeschwindigkeit grenzendem Tempo aufeinander geschossen und minütlich Millionen von Kollisionen erzeugt – wie nach dem Urknall, als das Higgs-Feld in Aktion getreten sein soll. Riesige Detektoren registrieren diese Ereignisse, unvorstellbare Datenmengen werden von zahlreichen Rechenzentren ausgewertet. Nur ein Bruchteil der Kollisionen kann für den Nachweis des Higgs-Teilchens genutzt werden – weshalb die Suche so komplex ist.

  • Was sagt das Standard-Modell?

    Das Standardmodell hat in der Physik etwa den Rang der Evolutionstheorie in der Biologie. Es gilt als die beste Erklärung, wie im Universums die 12 Elementarteilchen und vier Grundkräfte oder fundamentale Wechselwirkungen (Gravitation, elektromagnetische Kraft sowie starke und schwache Kernkraft) zusammengehören. Mit den Daten vom Cern könnten auch andere Phänomene beleuchtet werden – etwa die Theorie der dunklen Materie, die einen Großteil der bislang unentdeckten Masse des Universums ausmachen soll.

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