23.04.09

Gesundheit

Mädchen verliert Finger und Beine nach Meningitis

Bakterielle Meningitis ist in Deutschland keineswegs ausgerottet. Ein besonders drastischer Fall ist derjenige der zweijährigen Tamara: Das Mädchen ist nach Aussagen ihrer Eltern durch die Hölle gegangen. Mit dem ersten Weltmeningitistag soll mehr Augenmerk auf die gefährliche Krankheit gerichtet werden.

Von Yuriko Wahl
Foto: dpa
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Es begann mit Fieber, grippeähnlichen Symptomen, kleinen Flecken am Hals. Wenige Stunden später läuft die kleine Tamara am ganzen Körper lila an, fällt ins Koma. Akute Lebensgefahr, Niere, Lunge, Leber versagen, Bluttransfusionen, drei Wochen Intensivstation, Amputation beider Beine unterhalb der Knie sowie einiger Finger. Acht Monate in Kliniken und Rehas folgen. Die Zweijährige hatte eine Hirnhautentzündung. Wäre Tamaras Meningitis sofort erkannt und behandelt worden, wären dem heute fünf Jahre alten Mädchen viel Leid und eine lebenslange Behinderung erspart geblieben. Mit dem ersten Weltmeningitistag am Sonnabend will COMO - ein Bündnis von 20 Gesundheitsorganisationen aus 14 Ländern – das Augenmerk auf die lebensgefährliche Krankheit lenken.

"Es ist richtig und wichtig, auf das nach wie vor auch in Deutschland vorhandene Problem und auf die wichtige Impfmöglichkeit gegen einige Meningitis-Formen hinzuweisen", sagt Ulrich Fegeler vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in Köln. "Die Vorstellung, Meningitis komme nur in Asien und dem südlichen Afrika vor, ist falsch. Sie ist nicht alltäglich, aber keineswegs raus aus Deutschland oder Europa." Unter den gefährlichen bakteriellen Erregern könne man gegen Pneumokokken und Meningokokken Typ C impfen. "Beim weit verbreiteten Typ B warten wir aber dringend auf einen Impfstoff und hoffen sehr, dass er bald zu haben sein wird."

Laut Robert-Koch-Institut kommen Meningokokken-Erkrankungen in Europa vor allem im Winter und Frühjahr vor. Häufig sind immunschwache Personen betroffen, also Ältere und Kranke, vor allem aber Kleinkinder. In Deutschland treten bis zu 40 Prozent der Erkrankungen im Alter von bis zu fünf Jahren auf. Etwa ein Drittel der Kinder mit bakterieller Meningitis behalten dauerhafte Hirnschäden zurück. Unter den Komplikationen ist besonders der – oft tödliche – schwere septische Schock gefürchtet, den die kleine Tamara erlitt. "Lebenswichtige Organe werde nicht mehr versorgt, auch die Extremitäten können nicht mehr durchblutet werden, daher sind Amputationen notwendig", erklärt Fegeler.

Bei Tamara tippte der zunächst besuchte Hausarzt auf eine Grippe, sagt Vater Sven Theuring (31). "In der Kölner Uniklinik haben dann erst mal zehn, zwölf Ärzte um ihr Gitterbettchen gestanden, gegafft und Fotos zu Forschungszwecken gemacht." Die Zweijährige sei mit 17 verschiedenen Medikamenten vollgepumpt worden. "Nachdem Tamara aus dem Koma aufgewacht ist, sollten ihr beide Arme und Beine abgenommen werden. Der Arzt hat mir dazu ein Blatt hingeworfen wie einen Handy-Vertrag", erinnert sich Sven bitter. Das Mädchen wurde in eine Kölner Kinderklinik verlegt, die Arme konnten gerettet werden, allerdings mussten zwei Finger ganz und sechs teilweise amputiert werden.

Leben mit Stümpfen

Tamara, die einen integrativen Kindergarten besucht, läuft auf den Knien, die Schuhe stecken falsch herum auf dem Stumpf. "Sie hat offene Stellen am Knie und Schmerzen und Probleme mit ihren Unterschenkel-Prothesen, an die sie sich bis zur Einschulung im nächsten Jahr noch gewöhnen muss", erzählt Mutter Bianca. Am linken Unterarm fehlt ein Muskel, auch die linke Hand ist extrem eingeschränkt. "Sie findet ihren Weg und ihre Techniken, sie kommt super mit der Situation klar. Aber wenn die anderen Kinder an ihr vorbeirennen, sie nicht mit Fangen spielen oder Fahrrad fahren kann, ist es schon schwer." Das kleine Mädchen mit den Engelslöckchen huscht flink durch die Wohnung, wirkt fröhlich, offen, blitzgescheit.

Mutter Bianca (31) rät Eltern, genauer auf die Gesundheit ihrer Kinder zu achten und sie impfen zu lassen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfiehlt eine Impfung gegen Meningitis mit zwölf Monaten, "auch wenn damit nicht das ganze Bakterien- Spektrum abgedeckt werden kann", wie eine Sprecherin sagt. Da eine Hirnhautentzündung auch als Masern- oder Mumps-Folgeerkrankung auftreten könne, sei die Masern-Mumps-Impfung in doppelter Hinsicht unverzichtbar.

Bei der Bekämpfung der Meningitis ist sofortiges Handeln entscheidend. "Wenn alle früher gewusst hätten, was Tamara hat und schnell gehandelt hätten, wäre sie nicht durch die Hölle gegangen", sagt Sven Theuring. Seine ältere Tochter Lara (9), die einige Stunden nach Tamara ähnliche Symptome zeigte, wurde sofort mit Penicillin behandelt und ist vollkommen gesund. "Und die Menschen sollten mehr Verständnis und Feingefühl zeigen, die Blicke sind schon manchmal schwer zu ertragen."

Man glaubt es Tamaras Vater sofort, wenn er sagt: "Ich würde mein Leben geben, wenn ich rückgängig machen könnte, was Tamara durchgemacht hat."

Quelle: dpa/oc
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