03.06.12

Pflanzen

Löwenzahn – der gelbe Feind des Gärtners

Schön bunt, aber hartnäckig. Bis zu 5000 Samen produziert ein Löwenzahn im Jahr. Sie keimen selbst noch nach Jahren aus.

Von Pia Heinemann
Foto: DPA
Blühender Löwenzahn
Kaum eine Pflanze hat so erfolgreiche Überlebenstaktiken wie der Löwenzahn

Sie waren selten und sind heutzutage aus dem Verkehr gezogen: die 500 DM-Scheine. Kaum jemand wird sich noch daran erinnern, dass der Naturforscherin und Künstlerin Maria Sibylla Merian mit diesem rosaroten Schein gedacht wurde, nicht nur mit ihrem Porträt, sondern auch mit einer Pflanze, die ordnungsliebende Gartenbesitzer zur Verzweiflung treiben kann. Die Blätter des Löwenzahns zierten den Geldschein – und stören das ästhetische Empfinden von Rasenfans.

Sie sollen weg, das beruhigende Grün nicht stören, sagen viel Gartenfreunde. Doch sie sind überaus hartnäckig: Regelmäßiges Rasenmähen hilft kaum. Im Gegenteil: Es scheint das Wachstum der goldgelben Blumen sogar noch zu fördern. Das liegt vor allem an den bis zu zwei Meter langen Wurzeln, die wie ein am Ende ausfransender Pfahl in den Boden wachsen. Säbelt der Rasenmäher Blütenkopf und Blätter ab, so regeneriert sich die Pflanze leicht aus der überlangen Wurzel heraus. Auf diese Weise genießt der Löwenzahn durch das Mähen letztlich sogar einen Standortvorteil gegenüber seinen nicht so widerstandsfähigen Konkurrenten auf dem Rasen.

Und nicht nur Widerstandskraft, sondern auch den Einfluss der Umwelt auf die gesamte Erscheinungsform der Pflanzen können Rasenbesitzer an diesem Korbblütler beobachten: Charles Darwin hatte in seiner Evolutionstheorie hervorgehoben, dass die Merkmale eines Individuums nicht nur durch ihr vererbtes Genom bestimmt wird, sondern auch von den Umwelteinflüssen, denen das Individuum ausgesetzt wird. Darwin nannte dieses Phänomen "Modifikation".

Einsichten in die Evolution

Um diesen Gedanken zu überprüfen, führte der französische Botaniker Gaston Bonnier, der an der Pariser Universität Sorbonne lehrte, Versuche mit Löwenzahn durch: Er grub Pflanzen in Tälern aus und pflanzte sie im Hochgebirge wieder ein. 80 von 200 Arten kamen mit der Witterung auf den Bergen nicht zurecht – die meisten von ihnen gingen einfach ein. Diejenigen aber, die dem Höhenklima gewachsen waren, wuchsen nur recht kümmerlich. Sie blieben zwergwüchsig und zeigten eine Reihe von Abnormalitäten.

Um sicher zu gehen, dass es wirklich eine umweltbedingte Änderung des Phänotyps war, halbierte Bonnier junge Löwenzahnpflanzen und ließ die eine Hälfte im Tal stehen, die andere Hälfte pflanzte er auf einem Gipfel in den Boden. Beide Pflanzenhälften hatten naturgemäß das gleiche Erbgut – und trotzdem kam es auch hier bei den Bergpflanzen zum Zwergwuchs. Das war ein klarer Beweis für die Theorie der umweltbestimmten Modifikation, also der Veränderung der Pflanzenerscheinung durch die speziellen Bedingungen am Standort.

Mittlerweile haben Genforscher herausgefunden, dass diese Modifikation durch das unterschiedliche Aktivieren und Ausschalten von bestimmten Genen verursacht wird. Die Umwelt, beispielsweise das unbeständigere, härtere Klima in den Bergen verändert den Stoffwechsel der Pflanze, was wiederum zu einer anderen Aktivierung ihrer Gene führt, als es bei den Pflanzen in den geschützten Tälern passiert. Durch die Beobachtungen des französischen Botanikers Bonnier konnte der Löwenzahn seinen Beitrag zur Evolutionslehre und der Genetik liefern.

Ein Hinweis auf Überdüngung

Auch im Garten kann man Modifikationen beobachten: Werden die Blüten des Löwenzahns häufig abgemäht, so wächst die Pflanze nicht mehr so stark in die Höhe, sondern blüht bereits wenige Zentimeter über dem Erdboden. Ihr Stiel bleibt dann kürzer. Eifriges Rasenmähen stört die Pflanze also relativ wenig – im Gegenteil: Ein emsiger Gärtner, der den Rasen kurz hält, schafft sogar ideale Wachstumsbedingungen für die Pflanze. Denn sie braucht viel Licht zum Wachsen – und spendet das kurze Gras nur wenig Schatten, so kann mehr Licht zum Löwenzahn vordringen.

Ohne dass der es vermutlich möchte, hilft auch ein zweites Lieblingsmittel des Rasengärtners seinem gelbblühenden Feind: Stickstoff, der in jedem gängigen Rasendünger, aber auch in Gülle und Mist enthalten ist, lässt den Löwenzahn besonders üppig gedeihen. Der Korbblütler gilt deshalb auch als sogenannte Zeigerpflanze dafür, ob ein Boden viel Stickstoff enthält, beziehungsweise ob Äcker überdüngt wurden oder ob an einem Standort in einer Siedlung früher einmal eine (stets stickstoffreiche) Abortgrube war.

Was den Löwenzahn für Biologen besonders interessant macht, ist aber, dass es den einen Löwenzahn überhaupt nicht gibt – und dass sich die verschiedenen Löwenzahnarten als überaus trickreich in ihrer Vermehrung erweisen. Zwar dachte dies noch der Naturforscher Carl von Linné, als er die Pflanze Taraxacum officinale 1753 bestimmte. Doch mittlerweile wissen Botaniker, dass es mehr als 240 Arten mit sehr ähnlich aussehenden, gelben Korbblüten gibt. Alle haben sie zudem die namengebenden, wie Löwenzähne gezackten grünen Blätter.

Alle Löwenzahnartigen haben eine Besonderheit in ihrem Erbgut gemein: Denn sie haben nicht nur, wie etwa der Mensch, einen doppelten Chromosomensatz in ihren Zellen – Forscher sprechen von Diploidie. Es gibt in jeder Löwenzahnart auch Individuen mit einem dreifachen (triploiden) oder sogar vierfachen (tetraploiden) Chromosomensatz. Bei einer Studie in den Niederlanden haben Wissenschaftler zeigen können, dass 31 Prozent diploide, 68 Prozent triploide und ein Prozent tetraploide Pflanzen innerhalb einer Population vorkommen.

Diploide Pflanzen benötigen in der Regel die Pollen anderer Pflanzen, um sich fortzupflanzen. Triploide Pflanzen können sich auch ohne den genetischen Austausch mit fremden Pflanzen vermehren. Sie produzieren auch ohne vorherige Befruchtung Samen, aus denen neue Pflanzen entstehen können. Sie sind mit ihrer Mutterpflanze folglich genetisch identisch – sie sind somit natürliche Klone.

97.000.000 Samen pro Hektar

Manche Forscher vermuten, dass die triploiden Pflanzen in der Evolution in jüngerer Zeit entstanden sind als die diploiden. Denn die Gewächse mit dem dreifachen Chromosomensatz müssten für ihre Fortpflanzung eigentlich keinen Nektar mehr in den Blüten produzieren, da sie ja keine Insekten für die Verbreitung ihrer Pollen anlocken müssen. Dennoch stellen sie in ihren feinen Zungenblüten, die eine große runde Korbblüte bilden, fleißig süßen Nektar her. Diese energiezehrende Produktion haben sie also – obwohl für sich selbst unnötig – noch nicht eingestellt. Das könnte in der Tat ein Zeichen dafür sein, dass der triploide Löwenzahn erst vor Kurzem entstanden ist und sich das Nektarproduzieren im Verlauf der Evolution noch "abgewöhnt".

Auch die Pusteblume, also die verblühte Blüte, ist für die Ökologie der Pflanze wichtig. Wie fruchtbar und vermehrungsfreudig der Löwenzahn ist, zeigen einige Zahlen: Aus einer Blüte können über 150 Samen entstehen, die an ihren Flugschirmen vom Wind weit getragen werden können. Eine einzelne Pflanze kann, wenn sie mehrfach zur Blüte kommt, über 5000 Samen im Jahr produzieren. Und so könnten auf einem Hektar, der mit Löwenzahn dicht bestanden ist, schätzungsweise 97.000.000 Samen pro Jahr vom Wind verbreitet werden. An ihren Fallschirmchen können sie über 100 Meter weit fliegen.

Speichert Wasser im Boden

Landen die Samen auf einem Boden, etwa einer kargen Felsspalte, so können sie dort bis zu zehn Jahre überdauern – und bleiben dennoch keimfähig. Einzige Bedingung: Sie müssen mit etwa zwei Zentimeter Erde bedeckt sein, um zum Pflänzchen zu wachsen.

Natürlich ist das keine gute Nachricht für Löwenzahnfeinde. Doch vielleicht können sie ihre Aversion ein wenig abbauen, wenn sie bedenken, dass das dichte Wurzelwerk – dass natürlich den schönen grünen Rasen stört – in gewisser Weise für den Boden und alle Pflanzen darauf gut ist: Sie halten das Wasser in den oberen Schichten, was schließlich auch für Gras wichtig ist. Ihre Blüten, die wegen der starken Überdüngung auf immer mehr Wiesen wachsen, sind zudem gut für Bienen: die Honigproduzenten und Bestäuber können auf ihren weiten Sammelflügen an den gelben Blüten Energie tanken.

Wer den Pflanzen dennoch das Schicksal der 500-DM-Banknote wünscht, kann sich mit manchen Verfechtern der biologischen Vielfalt zusammentun. Denn da der Löwenzahn zäh und robust ist, verdrängt er gerade auf schwierigeren, mageren Böden viele Wiesenblumen und Gräser. Seine Überlebenstaktiken sind zu erfolgreich.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Genua Havarie-Schiff Costa Concordia beendet letzte…
Geistig verwirrt? 25-Jähriger droht mit Bombe im Flieger
Seuche Ebola-Viren breiten sich in Westafrika aus
Nahost-Konflikt Bewohner in Gaza bergen Tote während Feuerpause
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Hiddencash

Die ungewöhnliche Schatzsuche des Jason Buzi

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote