Ausbauplan
Spannung im Land – Wo die neuen Leitungen liegen
Jetzt kommt die Energiewende bei den Bürgern an: in Form von Leitungstrassen und neuen Kosten. Der Ausbauplan ist jetzt einsehbar.
Die vier großen Betreiber von Übertragungsnetzen in Deutschland haben am Mittwoch den lang erwarteten "Netzausbauplan" für die kommenden zehn Jahre vorgelegt. In groben, ungefähren Streckenverläufen haben die Unternehmen darin definiert, was an Leitungskapazitäten neu hinzugebaut werden muss, um den dezentral erzeugten Ökostrom zum Verbraucher zu transportieren. Insgesamt gehen die Unternehmen von einem Neubaubedarf von 3800 Kilometern aus. Auf weiteren 4000 Kilometer sollen bestehende Netze ausgebaut werden. Erstmals auf Europas Festland sollen auch große Gleichstromkabel (HGÜ-Verbindungen) gebaut werden.
Ziel sei es, eine stabile Verbindung zwischen den Windkraftanlagen im Norden Deutschlands und den Verbrauchszentren im Süden zu etablieren, sagte der Geschäftsführer des Netzbetreibers Tennet, Martin Fuchs. Der Netzausbau werde "das Tempo der Energiewende bestimmen". Bei dem Netzausbauplan handele es sich um "das vielleicht wichtigste Dokument der Energiewende". "Konkrete Trassenverläufe werden erst in der Bundesfachplanung durch die Bundesnetzagentur beziehungsweise in der Raumordnung durch die Genehmigungsbehörden der Bundesländer festgelegt", heißt es in einer Erklärung der vier Netzbetreiber Amprion, Tennet, 50Hertz und TransnetBW. Jetzt beginne zunächst ein öffentliches Konsultationsverfahren, an dem sich vom 30. Mai bis zum 10. Juli im Internet jeder Bürger beteiligen könne. Parallel dazu werden Informations- und Dialogveranstaltungen abgeboten. Danach werde der Netzplan überarbeitet und in der zweiten Augusthälfte an die Bundesnetzagentur übergeben. Nach der Bestätigung der Behörde werde der Plan dann zur verbindlichen Basis eines "Bundesbedarfsplans", der in Gesetzesform gegossen werde solle.
Unterirdische Kabel extrem teuer
Die Übertragungsnetzbetreiber haben den Investitionsbedarf auf 20 Milliarden Euro in den kommenden zehn Jahren geschätzt. Der Betrag wird über die Netzentgelte auf die Stromrechungen der Verbraucher abgewälzt. Der Netzausbau habe damit an den Gesamtkosten der Energiewende "einen vergleichsweise geringen Anteil zwischen fünf und zehn Prozent", sagte Boris Schucht, der Geschäftsführer von 50Hertz.
Allerdings war die vorgelegte Kostenschätzung unvollständig. Denn nicht berechnet wurden Zusatzkosten, die anfallen, wenn Teilstrecken der neuen Leitungen unterirdisch, also als Erdkabel verlegt werden. Diese Bauvariante wird von Bürgerinitiativen meist vehement eingefordert. Erdkabel sind im Schnitt jedoch siebenmal teurer als oberirdische Trassen. Wenn also nur die Hälfte der nötigen neuen Strecken als Erdkabel realisiert wird, könnten sich die Netzkosten allein im Höchstspannungsbereich auf 80 Milliarden Euro vervielfachen.
Netze halten mindestens 30 Jahre
Hinzu kommen die Ausbaukosten für die lokalen Stromnetze auf der niedrigeren Spannungsebene, den sogenannten Verteilnetzen, die sich zumeist in der Hand von Stadtwerken oder regionalen Stromversorgern befinden. Experten haben den Ausbaubedarf hier auf weitere 30 Milliarden Euro taxiert. Der Anschluss der geplanten Offshore-Windparks dürfte mit zusätzlichen 15 Milliarden Euro zu Buche schlagen.
Der Netzbetreiber Tennet hatte bereits erklärt, schon die Offshore-Anbindungskosten nicht mehr alleine finanzieren zu können. Auf die Frage, ob das niederländische Staatsunternehmen dann überhaupt noch Kapital für die Realisierung des Netzausbaus im Binnenland habe, antwortete Tennet-Deutschland-Chef Fuchs vielsagend: "Deutschland kann das schaffen." Auch der Chef des Netzbetreibers TransnetBW aus Baden-Württemberg, Rainer Joswig, wollte nicht ausschließen, dass für den Netzausbau weitere Staatshilfen nötig seien: "Das kann sein." Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) sieht in dem Netzentwicklungsplan allerdings eine Bestätigung für die Machbarkeit der Energiewende: "Wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen, sind die Herausforderungen gut zu bewältigen", stellt BEE-Präsident Dietmar Schütz fest.
Die veranschlagten Kosten hält der BEE für überschaubar. Die jetzt genannte Zahl von 20 Milliarden Euro müsse in Relation zur Wirkungsdauer der Investitionen gesetzt werden. Die betrage bei der Strominfrastruktur 30 bis 40 Jahre. "Geht man von diesen Eckdaten aus, bedeutet das nach unseren Berechnungen einen Betrag von maximal 0,5 Cent pro Kilowattstunde Strom", sagte Schütz. Verzicht auf Netzausbau wäre mittelfristig für den Verbraucher teurer.
Bedarf und Kosten für den Netzausbau auf der Höchstspannungsebene können zudem noch erheblich reduziert werden, wenn Bund und Länder den Ausbau der erneuerbaren Energien flächendeckend und dezentral vorantreiben. "Je mehr regenerative Kraftwerkskapazitäten wir in den einzelnen Regionen haben, desto geringer fällt der Bedarf an Fernübertragungsleitungen aus", sagte Schütz.


















