San Francisco
Die Golden Gate Bridge ist die Brücke des Todes
Große Anziehungskraft für Selbstmörder: Etwa 1500 Menschen haben sich bislang von der Golden Gate Bridge gestürzt. Gleichzeitig ist das Bauwerk ein Hollywoodstar. Jetzt wird es 75 Jahre alt.
Wenn am Sonntagabend um 21.30 Uhr Ortszeit das Feuerwerk für 20 Minuten die sechs Autospuren der Golden Gate Bridge staut und Amerikas Tor zur pazifischen Welt ins Gegenlicht setzt, werden die Gedenkreden zum Geburtstag vergessen sein. Was bei den Reden am 27. Mai 1937 bei der Eröffnung durch das Fußvolk das Frontierpathos der amerikanischen Moderne atmete – "Kein selbstsücht´ger Drang soll ihr (der Brücke) Leben beflecken/ Kein Neid, nicht Gier, Intrige, Zwist/ noch falscher, schändlicher Glaube" –, klänge uns heute lachhaft.
Nüchterner als die Webseite zum 75. Geburtstag – "dies ist ein nichtalkoholischer Event; Campen und Übernachtungen verboten" – hätte Kalifornien seine glorreiche Art-Deco-Hängebrücke über die Golden-Gate-Meerenge kaum feiern können. Die Lässigkeit tut wohl.
Nur einmal wurde die Brücke gesperrt
Die Golden Gate, 2740 Meter lang und 27 Meter breit, hatte Protzerei nie nötig. "Ich gebe Ihnen eine Brücke, die ewig halten wird", hatte Chefkonstrukteur Joseph Strauss (dem die Verse weiter oben zu verdanken sind sowie die nette Prägung "Harfe für die Himmelswinde") versprochen.
Die Lokalzeitung dachte damals eher an die 37 Millionen Dollar Baukosten; man ehrte das Andenken von elf Arbeitern, die der vier Jahre währende Bau das Leben gekostet hatte. Zehn starben am 17. Februar 1937, als das Auffangnetz unter ihrem Aufprall riss. Neunzehn Glückliche, die das Fangnetz gerettet hatte, gründeten den "Half Way To Hell Club".
Es war die längste Hängebrücke, ein Wunder der damaligen Welt. Heute rangiert die Golden Gate auf Rang neun, unter den ersten zehn sind fünf chinesische Brücken. Nur einmal wurde die Golden Gate 1951 wegen Orkanwinden für einige Stunden gesperrt. Sonst trug sie verlässlich und, einstweilen, ewig.
32 Maler warten die Brücke
An die Grenzen ihrer Tragfähigkeit kam sie bei der 50-Jahr-Feier 1987, als das Lebendgewicht von rund 300.000 Menschen den Spannungsbogen der Brücke buchstäblich durchtrat und das Schwanken Schwindel verbreitete. Kein Erdbeben hat sie je verrenkt. Geologen sagen, es gäbe in Kalifornien keinen besseren Ort als die swingende Golden Gate. Wenn die jüngste Überarbeitung in einigen Jahren abgeschlossen ist, soll sie Beben von der Stärke 8,1 überstehen können.
Früher gab es ein paar Mal Rostalarm. Brückeningenieure schwören, dass es kein härteres Klima für eine Stahlkonstruktion geben kann als die von salzigen Nebeln und Böen beherrschte Meerenge. Im Laufe der Jahrzehnte wurde die erste bleihaltige Farbe von einem Acrylanstrich ersetzt. 16 Stahlarbeiter, 32 Maler und ein "Chef-Brücken-Anstreicher" warten und reparieren unablässig die Golden Gate, während der Verkehr nie stocken darf.
James Bond auf der Brücke
Hollywood verehrt die grell geschminkte Fotogenität der Golden Gate Bridge. Man sandte ihr dankbar Mörder, Liebende, Außerirdische, James Bond und Magneto Man. Ungezählte Male war sie Tatort, Stunt-Paradies, majestätische Warnung an ameisengleiche Menschen auf ihr, bevor Computeranimation jede Hybris möglich machte.
Humphrey Bogart musste sich in "Der Malteser Falke (1941) noch mit der schwarzweißen Brücke zufriedengeben. Als er in "Dark Passage" (1947) von Lauren Bacall im Kofferraum durch die Straßensperre an der Golden Gate geschmuggelt wurde, war sie tief "noir".
In Hitchcocks "Vertigo" (1958) gewann sie ihre Farbe und den Schrecken, den sie für Höhenängstliche noch immer verbreitet. In "Superman" (1978) rettete Christopher Reeves einen Schulbus voller Kinder, in "A View To Kill" (1985) lehrte James Bond die Bad guys, dass grandiose Aussicht tödlich sein kann. Danach sank das Niveau leicht, Vampire, X-Men, Mega-Shark und Giant Octopus spielten mit der Golden Gate Bauklötze.
Der Aufprall dauert vier Sekunden
Ein Ende ihrer Kinokarriere ist nicht abzusehen. Es müssten unvorstellbare Dinge geschehen, etwa wie jene, die das World Trade Center aus dem Angesicht Manhattans löschten. Zum Sterben schön, haben Leichtfertige sie genannt. Vier Sekunden vergehen, bis der Leib eines lebensmüden 67 Meter unter der Golden Gate Bridge aufschlägt.
Eine Ewigkeit verstreicht, bis seine Seele ankommt, panisch ins Verderben stürzend oder im Todesrausch in ihre Erlösung. So bezeugen es die etwa 30 Menschen (genaue Zahlen verweigern die Betreiber), die seit 1937 den Aufprall mit 120 Stundenkilometer überlebten.
Es müssen mindestens 1500 Springer seit der Einweihung gewesen sein, die starben; zurzeit vollenden statistisch alle neun Tage Menschen ihren allerletzten Willen, indem sie springen. Die ohne Hoffnung sind, schauen nicht aufs Meer, sondern nach Osten, landeinwärts.
Anziehungskraft für Selbstmörder
"Wer würde wohl von der Golden Gate Bridge springen wollen?", fragte Joseph Strauss damals lässig Reporter. Keine hundert Tage nach der Einweihung gab ihm Harold Wobbler (47) als erster die Antwort. Als Strauss kaum ein Jahr nach Vollendung der Brücke einem natürlichen Herztod erlag, hatten sechs Springer sein Werk durch Selbstmord entweiht. Es heißt der bescheidene Wuchs des 1,50 kleinen Konstrukteurs habe eine Rolle gespielt bei der Bemessung des vier Fuß hohen Geländers.
Kein anderer Ort der Welt, keine Brücke, kein Turm oder Krater, hat eine vergleichbare Anziehungskraft für Selbstmörder entfaltet. Acht Initiativen für höhere Geländer, Zäune, Fangnetze scheiterten nicht zuletzt an dem wütenden Widerstand von Ästheten, die wegen ein paar Unglücklichen ihre Golden Gate nicht verschandelt sehen wollen.
Andere machen geltend, wenn man die Brücke gegen Selbstmorde sichere, würden die Lebensmüden von Hochhäusern springen und Passanten mit in den Tod reißen. Springer, denen der letzte Mut fehlte, berichteten, dass Passanten sie ("Go ahead, jump!") angestachelt hätten. Einer erinnerte sich empört, man habe leere Getränkedosen nach ihm geworfen.
Das Wasser ist 120 Meter tief
Manche binden sich wasserfeste Abschiedsbriefe ans Bein. Sie sterben an Liebeskummer, Arbeitslosigkeit, unheilbaren Krankheiten, Depression, Einsamkeit. Doch es gibt auch die unfassbare Vergeblichkeit des im Affekt weggeworfenen Lebens ("Zahnschmerzen – sonst kein Grund".)
Sie sterben, wenn sie Glück haben, schnell und bewusstlos an ihren zerschmetterten Gliedern und inneren Verletzungen, von Rippen aufgespießten Lungen und Herzen. Manche ertrinken, wenn sie kerzengrade in das 120 Meter tiefe Wasser schießen. Es heißt, dass Leichname von Haien und anderem Getier zerbissen und entstellt werden. Krabben hielten sich zuerst an die Augen, dann ans zarte Wangenfleisch.
Von den Glücklicheren hört und sieht man nie mehr etwas. Von den lebensmüden Pilgern zur Golden Gate Bridge werden die Festredner am Sonntag schweigen. Ein Grund, ihrer zu gedenken. Happy birthday, Golden Gate.

















