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22.09.07

Psychologie

Männer führen beim Phänomen Selbstmord

Mehr als 10.000 Menschen sterben in Deutschland jährlich durch Suizid. Das sind mehr Tote als durch Verkehrsunfälle, illegale Drogen, Aids und Mord zusammen. Aber: Warum töten sich so viele ältere Männer? Und wie erkenne ich die Gefahr?

© Lehtikuva/Hehkuva
Für einen Suizid gibt es vorher Anzeichen, die Nahestehende durchaus erkennen können
Für einen Suizid gibt es vorher Anzeichen, die Nahestehende durchaus erkennen können

Diese offiziellen Zahlen von staatlichen Behörden unterstreichen die Dimension des Themas Selbsttötung. Zumal Experten von einer hohen Dunkelziffer ausgehen und die Zahl der ernsthaften Suizidversuche nach Schätzungen bei 100.000 bis 150.000 jährlich liegen.

Viele Mythen umranken den Suizid, die Mythenbildung beginnt bereits in der deutschen Sprache. "Selbstmord" bedeutet wörtlich die vorsätzliche Tötung aus niederen Beweggründen – hier wird die Selbsttötung als sittlich verwerfliche Handlung beurteilt. Der Begriff "Freitod" dagegen romantisiert den Suizid als freie, ehrenvolle Entscheidung. Aber Zahlen und wissenschaftliche Forschung belegen: Suizide geschehen weder aus niederen Beweggründen, noch werden sie frei begangen.

90 Prozent bei psychischen Erkrankungen

"Über 90 Prozent der Suizide geschehen im Verlauf psychischer Erkrankungen", sagt Barbara Schneider, Psychiaterin am Uniklinikum Frankfurt am Main und Mitglied der Internationalen Akademie für Suizidforschung. Insbesondere Depressionen, Drogensucht und Schizophrenie zählen zu den Hauptrisiken für eine Selbsttötung. "Bei einer schweren psychischen Erkrankung ist Suizid keine freie Entscheidung", sagt Professor Ulrich Hegerl, Sprecher des Kompetenznetzes Depression und Suizidalität, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird.

So kann durch die schwarze Brille einer Depression die Wahrnehmung des Lebens stark ins Negative verzerrt sein. "Auch großer Leidensdruck durch Essstörungen, Süchte und Schizophrenien können zu einem Suizid treiben, der alles andere als freiwillig ist", sagt der Psychiater. Bestimmte körperliche Erkrankungen sind ebenfalls mit einem erhöhten Suizidrisiko verbunden, vor allem dialysepflichtiges Nierenversagen, Aids, neurologische Erkrankungen und Krebs im Kopf- und Halsbereich. Hier ist vor allem die Phase der Diagnosestellung kritisch, in der psychische Unterstützung von außen Suizide verhindern kann.

Männer töten sich dreimal so oft

Wenn man sich das Verhältnis der Geschlechter betrachtet, ergibt sich ein Paradox: Männer begehen dreimal so häufig Suizid wie Frauen, aber die Anzahl der weiblichen Suizidversuche liegt deutlich über den männlichen. Wissenschaftler führen dies auf die Wahl der Suizidmethoden zurück. Während Männer überwiegend "härtere" Methoden wie Erhängen wählen, neigen Frauen zu "leichteren" Methoden wie Vergiften – und hier ist Rettung glücklicherweise häufiger möglich.

Bei den Männern zeigt sich noch ein andere, erschreckende Entwicklung: Ältere Männer sind die Bevölkerungsgruppe mit der deutlich höchsten Suizidrate, so begehen Männer mit 70 Jahren doppelt so häufig Suizid wie 30jährige Männer und gar dreimal so häufig wie gleichaltrige Frauen – und die männliche Suizidrate steigt mit dem Alter noch drastisch an. "Abhängig, ausgeschlossen, sterblich – das sind grundlegende Kränkungen, die im Alter besonders deutlich werden", sagt Professor Martin Teising von der Fachhochschule Frankfurt, der Suizidalität im Alter seit Jahren erforscht.

Chronische Krankheiten, heldenhafte Männer

Diese Kränkungen entstehen durch schwere körperliche Erkrankungen, aber auch durch altersspezifische Einschnitte wie Pensionierung oder der Verlust des Partners. Aber warum töten sich so viele Männer, sind die Frauen doch von den gleichen Faktoren betroffen? "Ältere Männer, die lebenslang gewohnt waren, Konflikte heldenhaft zu lösen, können unvermeidbare Kränkungen und Verluste kaum verarbeiten", sagt Teising. So sehen viele Männer die suizidale Flucht als einzige Möglichkeit, die Situation zu beherrschen. Diese Entwicklung wird häufig durch Depressionen verschärft, die die eigene Situation als auswegloser erscheinen lässt als sie ist. "Ressourcen von älteren Menschen müssen betont werden, sie dürfen nicht aufs gesellschaftliche Abstellgleis geraten", fordert der Gerontopsychiater und Suizidforscher Johannes Pantel.

Die Suizidraten im Osten Deutschlands sind höher als im Westen, dieser Unterschied ist seit langem fest im öffentlichen Bewusstsein verankert, und verschiedenste Theorien versuchten dies schon zu erklären. Aber seit der Wende sind die Suizidraten in den neuen Bundesländern so stark gefallen, dass die neuesten Zahlen eine andere Wahrheit zeigen: Die Schere zwischen Ost und West ist fast geschlossen. "Das steht in völligem Kontrast zu den häufig zitierten Theorien des Soziologen Durkheim, in denen vorhergesagt wird, dass es parallel zu den Umwälzungen in den östlichen Bundesländern auch zu einer eine deutliche Zunahme der Suizidraten kommen muss", sagt Professor Hegerl.

Armes Südamerika mit weniger Suiziden

Im weltweiten Vergleich hat das vergleichsweise arme Südamerika die niedrigsten Suizidraten. "Das soziale Netz der Großfamilien, aber vor allem die Religion sind hier wohl die Schutzfaktoren", sagt Pantel. Diese Faktoren könnten vor psychischen Erkrankungen schützen, aber wahrscheinlicher helfen sie Menschen, suizidale Krisen besser zu überstehen. In Europa finden sich im Süden die niedrigsten Suizidraten, in Länder wie Spanien und Italien, die ebenfalls religiös und von Großfamilien geprägt sind. Die Religion ist in der Suizidforschung aber schwierig zu bewerten: Sie kann schützen, aber auch zur Stigmatisierung beitragen, welche dem Präventionsgedanken entgegensteht. Soziale Unterstützung ist als Schutzfaktor dagegen unumstritten.

In osteuropäischen Ländern und in Russland finden sich seit längerem die höchsten Suizidraten. "Der Alkohol trägt hier die Hauptschuld", sagt Pantel. Denn die betroffenen Länder haben nicht nur die höchsten Suizidraten, sie trinken auch am meisten Hochprozentiges. "Alkohol bedingt mangelnde Impulskontrolle, soziale Probleme und Depressionen und kann so zu großer Suizidgefährdung führen", sagt der Psychiater.

Rückläufige Zahlen in Deutschland

Die Suizidraten in Deutschland sind seit drei Jahrzehnten rückläufig, Experten führen dies vor allem auf eine bessere Behandlung und geringere Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen zurück. Aber bei weitem seien die Möglichkeiten zur Prävention noch nicht ausgeschöpft, sagen Experten, was auch die Zahl von über 10.000 Selbsttötungen jährlich unterstreicht. "Suizidale Krisen entstehen aus seelischen Notlagen heraus, ihnen geht eine Entstehungsgeschichte voraus, in der geholfen werden kann und muss", sagt Schneider.

Das Leben muss nicht in die Sackgasse Suizid führen, es gibt Abzweigungen und Hilfsmöglichkeiten, die das Schlimmste verhindern – das ist das Credo der Suizidforscher. Neben Fachleuten können auch Angehörige und Bekannte erste Anzeichen einer Depression oder suizidalen Lebenskrise wie starke Grübelneigung, Schlafstörungen, vollkommene Freudlosigkeit oder versteckte Äußerungen von Lebensüberdruss erkennen und frühzeitig ärztliche oder psychologische Beratung suchen. Generell sei Aktivität besser als ängstliche Zurückhaltung, meint Professor Teising: "Niemand nimmt sich das Leben, weil er gefragt wird, ob er dies tun will."

Konkrete Hilfe

Zeit gewinnen, zuhören, Hilfe holen und zu Arzt oder Notfallambulanz begleiten: Dies empfehlen Experten bei akuter Suizidgefahr. Zeigt sich ein Betroffener nicht kooperativ, sollte man Polizei und Notarzt verständigen. Im nicht ganz akuten Fall bietet die Telefonseelsorge rund um die Uhr kostenlose Hilfe (0800/111 01 11, 0800/111 02 22, Kinder und Jugendliche, 15 bis 19 Uhr unter 0800/111 03 33). Eine Liste von regionalen Krisendiensten gibt es beim Kompetenznetz Depression. Der Verein "Freunde fürs Leben" richtet sich an Kinder und Jugendliche, eine Selbsthilfegruppe auch an Angehörige.

Beratung im Internet

www.telefonseelsorge.de

www.kompetenznetz-depression.de

www.suizidprophylaxe.de

www.frnd.de

www.agus-selbsthilfe.de

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