Frühjahrsmüdigkeit
Raus, auch an düsteren Regentagen!
Endlich wird es wieder wärmer, die ersten Blumen sprießen. Doch ausgerechnet jetzt fühlen sich viele Menschen schlapp und müde – mindestens jeder vierte Bundesbürger leidet Jahr für Jahr unter Frühjahrsmüdigkeit. Die Ursachen sind kaum erforscht, doch die Therapie ist denkbar einfach.
Von Isabell Scheuplein
Die Therapie ist denkbar einfach: Viel Bewegung bei Tageslicht im Freien hilft dem Körper bei der schwierigen Umstellung vom Winter auf den Sommer.
Da Frühjahrsmüdigkeit nach wenigen Tagen oder maximal Wochen von alleine verschwindet und Medikamente nicht nötig sind, ist sie für die Pharmaindustrie relativ uninteressant, sagt der Berliner Chronobiologe Dieter Kunz. Deshalb ist sie aber auch kaum erforscht: Die genaue Zahl der Betroffenen ist ebenso wenig belegt wie die Behauptung, Frauen seien anfälliger als Männer.
Schuld an der Frühjahrsmüdigkeit sind Schwierigkeiten des Körpers bei der Umstellung auf die neuen Licht- und Temperaturverhältnisse. Was dabei genau geschieht, ist Gegenstand zahlreicher Theorien. Kunz hält es für unwahrscheinlich, dass die Hormone Serotonin und Melatonin etwas mit der Frühjahrsmüdigkeit zu tun haben. Der Chefarzt der Abteilung für Schlafmedizin am Berliner St. Hedwig-Krankenhaus geht vielmehr davon aus, dass Frühjahrsmüdigkeit Folge mangelnder Koordination der unterschiedlichen Körperfunktionen ist. Jede Zelle hat eine eigene innere Uhr, und die Umstellung von Winter auf Sommer erfolge nicht überall gleichzeitig. Vereinfacht gesagt kann etwa das Herz schon munter im Frühlingsmodus schlagen, während die Schilddrüse noch auf Winter geeicht ist. "Bei so vielen Rädchen knirscht es bei der Umstellung im Getriebe", sagt Kunz. Es brauche eine Weile, bis sich alle Zellen angepasst haben.
Die Symptome ähneln dem Jetlag – die Betroffenen leiden unter Müdigkeit, Kopfschmerzen oder Verdauungsstörungen. Möglich sind auch depressive Stimmungen, wegen derer sich manche Menschen sogar an die schlafmedizinische Ambulanz wenden.
Ihre Wurzeln habe die Frühjahrsmüdigkeit in der Evolution: In den menschlichen Genen schlummere noch die Erinnerung an Winter mit wenig Nahrung, in denen das Überleben davon abhing, dass der Stoffwechsel gedrosselt wird und der Körper Energie spart. Im Frühjahr dagegen ist Umschalten auf Aktivität angesagt, Futtersuche und Fortpflanzung stehen an.
Die Frühjahrsmüdigkeit dauert maximal drei bis vier Wochen. Als Therapie sollte man im Freien so viel Licht tanken wie irgend möglich. Gelegentliche Blicke zum Himmel helfen zusätzlich. Selbst bei Regen lässt sich draußen im Gegensatz zu geschlossenen Räumen ein Vielfaches an Licht aufnehmen.
Schon nach wenigen Tagen ist damit die Frühjahrsmüdigkeit besiegt. Wenn die Symptome allerdings nicht verschwinden, ist ein Arztbesuch angezeigt: Denn dann könnte eine richtige Depression dahinterstecken.
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